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Dorothea Girod

Dr. Paul Dahlke Arzt und Buddhist


Dr Paul Dahlke Arzt und Buddhist

Verlag Buddhistisches Haus
Berlin 28 – Frohnau. Edelhofdamm 54, 1972

Die Abhandlung von Frau Dorothea Girod erschien vor 50 Jahren. Sie war eine Schülern von Dr. Paul Dahlke. Sie hat an vielen seiner Lehrspaziergänge auf Sylt, Zehlendorf und auf seinem Gelände in Frohnau teilgenommen.1 Einige dieser Gespräche sind in seiner „Neu-Buddhistischen Zeitschrift“ zwischen 1918 und 1922 als „Freundliche Belehrungen“ erschienen. 2022 wurde die Dahlke-Biografie im Text mit historischen Bildern und Anmerkungen versehen.

Vorwort

(Apadana socihini paññā)

Ich glaube, zu den berühmtesten Namen, die im deutschen Volke lebendig zu bleiben verdienen, gehört der des Dr. Paul Dahlke.

       Die Lebensbeschreiben dieses großen Buddhisten sollte schon längst veröffentlicht worden sein.

Wir Mönche das Buddhistischen Hauses freuen uns, diese bisher versäumten Pflicht nachholen zu können und danken Frau Girod für ihre wertvolle Unterstützung.2


Buddhistisches Haus 
Berlin 28 – Frohnau 
Edelhofdamm 54 

A. Sri Gnanawimala Mahathera


Es ist fast 50 Jahre her, dass auf dem hügligen Waldgelände in Berlin-Frohnau „Das Buddhistische Haus“ entstand. Nur die Eingeweihten kannten damals Sinn und Zweck dieses eigenartigen Gebäudes, zu dem noch ein Tempel in japanischem Stil gehört. Durch ein indisches Tor, das einem der Eingangstore vor dem Stupa in Sanchi nachgebildet ist, gelangt man in steilem Aufstieg über eine breite Treppe aus natürlichem Kalkstein zum Haupteingang des Hauses.

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 1: Treppe zur Praxis des Dr. Dahlke in Frohnau, ca. 1926

       Sein Erbauer war ein Arzt im 60. Lebensjahr, der bis dahin seine Praxis in Berlin-Zehlendorf ausgeübt hatte. Dort konnte er sich seiner zahlreichen Patienten kaum erwehren, die allmorgendlich zu der ruhig gelegenen Villa in der Lindenstraße strömten. Wartezeiten von langer Dauer waren für die Patienten durchaus üblich. Aber es waren dennoch keine verlorenen Stunden. Im überfüllten Wartezimmer und auf den Treppenstufen sah man allenthalben Patienten in des Doktors NeuBuddhistischer Zeitschrift vertieft. Sie brachte nicht nur Übersetzungen aus den Lehrreden des Buddha, sondern auch Stellungnahmen zum Zeitgeschehen. Man konnte unschwer aus den anspruchsvollen Artikeln entnehmen, dass man in Dr. Dahlke eine Persönlichkeit besonderer Prägung zu erwarten hatte. Diese Erwartung fand sogleich ihre Bestätigung, sobald man im Sprechzimmer dem Arzt gegenüberstand.

       So bedeutsam auch die ärztliche Tätigkeit des Doktors war, so will ich doch darauf später zurückkommen und zunächst von den Plänen und Ideen des Buddhistischen Hauses sprechen, soviel ich davon persönlich miterlebt habe. Der wesentliche Impuls dazu entsprang der Tatsache, dass Dahlke selbst Buddhist war. Mit 33 Jahren ist er als junger Arzt auf seiner ersten Weltreise in Ceylon dem Buddhismus begegnet, ohne dass dies einen besonderen Eindruck auf ihn gemacht hätte, wie er selbst schreibt. Und er fährt fort: „Es hat mich aber nicht losgelassen.“

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 2: Ceylon, Ochsenkarren um 1900

        Anhängern gehabt, die ihn bis auf den heutigen Tag als überragenden Kenner der Lehre verehren. Im Jahre 1965 hat man nicht nur in Berlin, sondern auch in Ceylon den Tag der hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages festlich begangen.
       Nachdem Dr. Dahlke durch die Ungunst des ersten Weltkrieges nicht wieder nach Ceylon reisen konnte, blieb er endgültig in Berlin und wirkte zugleich als Arzt und als Lehrer des Buddhismus. Um beides zu erfüllen, mutete er sich ungewöhnliche Anstrengungen zu. Lange vor Beginn seiner Sprechstunde, meist schon um drei Uhr morgens, arbeitete er an seinen Übersetzungen und seinen eigenen Büchern. Bei der Übertragung der Lehrreden kam es ihm auf begriffliche Genauigkeit an, die ihn oft veranlasste, schriftliche und mündliche Dispute mit anderen Übersetzern zu pflegen. Eine „schön“ klingende Sprache hat er bewusst nicht angestrebt.

       Damals reifte in Dr. Dahlke der Gedanke, in Deutschland eine klösterliche Stätte zu schaffen, in der Buddhisten und Laien-Anhänger sich ungestört in die Lehre des Buddha vertiefen konnten. Die Insel Sylt in der Nordsee erinnerte ihn weitgehend an die Einsamkeit und Stille Ceylons. Er erwarb auf Sylt ein großes Landgebiet, das vom offenen Meer in Wennigstedt bis über Braderup hinaus ans Wattenmeer reichte.

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 3: Sylt, Denkmal für Buddha um 1927

Auf diesem Gelände sollte das Kloster errichtet werden. Noch war alles Heide und Wiese mit weiten Ausblicken über menschenleeres Land bis zu beiden Meeren. An einer etwas höher gelegenen Stelle ließ Dahlke einen Gedenkstein errichten mit der Aufschrift: „Verehrung dem Erhabenen.“3 Für sich selbst baute er zunächst einen von einer zweifachen Mauer umgebenen klosterähnlichen Flachbau. Im Innern befand sich ein freundlicher Klostergarten mit einem vertieftliegenden Wasserbassin.
       In dieser Zurückgezogenheit verlebte der Doktor die Sommermonate. Seinen buddhistischen Freunden gestatte er, in der Nähe zu wohnen und ihn einmal täglich zu Lehrgesprächen aufzusuchen. Hier hat Dahlke auch eigenhändig das Modell zu seinem Buddhistischen Haus geschaffen. Er benutzte dazu den inseleigenen Ton vom „Roten Kliff“, einem dem Strand vorgelagerten Höhenzug, der meist aus Ton bestand. Ich sehe dieses Modell noch in allen Einzelheiten vor mir, das er in hingebender Geduld wiederholt neu gestaltete, bis es ganz seinen Vorstellungen entsprach. Noch im Jahre 1920 schreibt Dahlke in seiner Zeitschrift, dass er das Gelände auf Sylt um weitere fünf Morgen vergrößert habe und fügt hinzu: „...dass zu einem würdigen Bestand unseres ‚Hauses‘ vor allem freier Raum nach allen Seiten gehört“. Und er fährt fort: „Wer von unseren Anteilnehmern im nächsten Jahre Sylt besuchen wird, der wird sich über die weite, freie, einsame Fläche freuen, die auf die Verwirklichung unserer Zukunftspläne wartet.“ Diese Einsamkeit war gewährleistet, so lange die Insel Sylt isoliert in der Nordsee lag und nur durch ein Fährschiff von Tondern aus einmal am Tage jeweils zur Flutzeit erreicht werden konnte.Mit dem Bau des Hindenburgdamms vom Festland aus sah Dr. Dahlke die Ruhe der Insel gefährdet. So gab er schweren Herzens seinen Plan für Sylt auf.
       Durch das Angebot des etwa zwölf Morgen großen Grundstücks in Berlin-Frohnau entschloss sich Dr. Dahlke, dort sein Buddhistisches Haus entstehen zu lassen. Genau nach seinem Modell ist das Haus dann in Frohnau gebaut worden. Die heutige Bibliothek ist vom jetzigen Eigentümer, der “German Dharmaduta Society“, in den sechziger Jahren hinzugefügt worden.
       Im Jahre 1924 waren das Hauptgebäude sowie der größte Teil der gärtnerischen Anlagen fertig und wurden ihrer Bestimmung übergeben. Zwei Jahre später erfolgte der Bau des Tempels. Dr. Dahlke verlegte seine Praxis nach Frohnau, die er in einem geschmackvoll, aber schlicht eingerichteten Raum im ersten Stockwerk ausübte. In diesem Zimmer schlief er auch auf einer recht schmalen Holzbank ohne Matratze. Bis zu seinem Tode hat Dr. Dahlke sich keine bequemere Schlafstelle gegönnt.

       Neben seiner ärztlichen Tätigkeit und seinen wissenschaftlichen Arbeiten hielt Dr. Dahlke regelmäßig an Vollmondtagen in seinem Tempel eine Uposatha-Feier ab, zu der jeder Interessierte Zutritt hatte. An einer solchen Feier teilzunehmen, war für jeden Besucher ein beglückendes Erlebnis. Wer am Abend bei einbrechender Dunkelheit durch das Elefantentor schritt, ließ alle Geschäftigkeit des Tages hinter sich. Gemessen stieg man die vielen Stufen hinauf, die in ihren Unterteilungen den achtfältigen Pfad symbolisch andeuteten. Rechts und links von den Stufen brannten in japanischen Laternen hinter Reispapier Kerzen und erhellten den Aufgang. Auf einem anderen, allmählich aufsteigenden Seitenweg, den Dr. Dahlke den Katzensteg nannte, erreichte man rechts das Haus umgehend, den Tempelvorhof. In der Mitte stand damals eine große Metallvase eine sich öffnende Lotusblüte darstellend. Von dort aus ging man durch eine kleine Tür in einen Vorraum und dann in den hinteren Teil des Tempels.

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 4: Frohnau, Tempelvorplatz mit der Vase nach 1927

       Auch er war mit Kerzen geschmückt, die zugleich die einzige Beleuchtung für den Tempelraum waren. Die Kerzen steckten in metallenen Halbkörben unterhalb der hoch angebrachten Fenster. An der gegenüberliegenden Wand fiel der Blick auf das in Stein gemeißelte Halbrelief einer sitzenden Buddha-Figur. Sie ist einer japanischen Buddha-Statue nachgebildet die aus Holz gearbeitet ist und ein sehr hohes Alter hat. Da sie leicht zerbrechlich ist, konnte sie nicht nach Frohnau transportiert werden. Im flackernden Schein der vor der Buddhagestalt brennenden Kerzen, schien das edle Antlitz des Erhabenen zu leben. Seitlich neben dem Steinrelief sind in großen Steintafeln mit Goldbuchstaben Verse aus dem Dhammapada und dem Suttanipata eingraviert. Der erste dieser Verse lautet:

„Denken geführt die Dinge sind,
Denken-gezeichnet, Denken-geformt.
Wenn einer mit beschmutztem Sinn
In Worten oder Taten wirkt,
So folgt daraus das Leiden ihm
Gleich wie das Rad des Zugtiers Fuß.“

       Noch weitere Wandtafeln mit Texten aus dem Dhammapada sollten später den Tempel ringsum schmücken. Auf die Frage eines Besuchers warum die Verse in Stein gemeißelt werden, entgegnete Dr. Dahlke: „Bücher können verbrennen oder verloren gehen. Stein bleibt.“

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 5: Frohnau, Gedenktafeln im Tempel (links Suttanipata, rechts Dhammapada)

       Für die Uposatha-Feiern wurden anfangs nur wenige Stühle in den Tempel gestellt. Später wurden es immer mehr, um die große Zahl der Teilnehmer aufzunehmen. Wenn zu Beginn der Feier der Gong-schlag ertönte, betrat Dr. Dahlke den Tempel als letzter - schweigend. Kein äußeres Zeichen seiner Kleidung ließ erkennen, dass eine besondere, religiöse Feier bevorstand. Einer seiner Vertrauten, meist Herr Fischer, las eine kurze Lehrrede vor. Sodann begann Dr. Dahlke mit einer Erläuterung oder einer freien Betrachtung. Seine Rede war ohne Pathos, ohne besondere Erhebung der Stimme. Eine sparsam angewandte Geste bestand darin, dass er den rechten Arm anwinkelte und mit zwei sich berührenden Fingern gleichsam seinen Gedanken Nachdruck verlieh. Diese Haltung erinnerte mich an die bekannte Statue des lehrenden Buddha Amitabha. Der Abschluss seines Vortrages waren stets die Worte: „Verehrung Ihm, dem Lehrer!“
       Es folgte dann die Beantwortung einiger Fragen, sofern sie zum Themenkreis des Vortrages gehörten. Eine weitere Diskussion fand im Bibliothekszimmer im ersten Stock des Haupthauses statt. Gespräche und Belehrungen zogen sich oft bis Mitternacht hin. Jedes dieser Gespräche brachte den Schüler weiter. Wenn Dr. Dahlke zu sagen pflegte: „Niemand kann höher springen als er springen kann“, so nahmen wir doch die Hoffnung mit, dass wir durch seine Belehrung vielleicht ein wenig höher springen konnten als bisher. Jeder Fragende fühlte sich von Dr. Dahlke ernst genommen. Es war ihm durchaus wichtig, verstanden zu werden. Manchmal hat sich am Schluss nicht der Fragende, sondern der Doktor in seiner großen Bescheidenheit bedankt, weil der Fragende ihn veranlasst habe, seine Gedanken noch deutlicher zu formulieren. Solche Abende behielten bis zuletzt den Charakter einer Feierstunde, etwas von der Atmosphäre der Uposatha-Feiern, die Dr. Dahlke in Ceylon erlebt hatte. In seiner Zeitschrift vom Frühjahr 1921 hat er eine solche Feier geschildert: 

Uposatha

Heute ist Uposatha.
Heute gehen wir zum Kloster,
wo die edlen Mönche weilen,
Zucht und rechtes Denken übend
Wenn wir zeitig uns gebadet,
Weiße Kleider angezogen,
Nehmen wir die Opfergaben,
Lichte nehmen wir und Blumen,
Blüten von dem Wasserlotus,
Weiße, rötliche, blaßblaue;
Blüten von dem Eisenbaume,
Blütenrispen der Areka
Und auch Räucherwerk vom Sandel.
Ist die Sonne aufgegangen,
machen wir uns auf die Wanderung,
Schweigend, eitle Worte meidend.
So gelangen wir zum Tore
Des Aramas und in Ehrfurcht
gehen wir hinein zum Hofe,
Schmuck gefegt von frommen Händen,
Schreiten vorwärts zum Vihara,
Warten an des Tempels Pforte,
Bis der Mönch erscheint zu öffnen.
Und er spricht die Zufluchtsformel:
Buddham saranam gaccami
Dhamam saranam gaccami
Sangham saranam gaccami.

Ehrfurchtsvoll am Boden kniend.
Vor der Stirn die Hände faltend
murmeln wir die Worte wieder: 
Buddham saranam gaccami 
Dhamam saranam gaccami

Sangham saranam gaccami.

Dann betreten wir den Tempel
Dämmrig schwer von Weihrauchdüften,
Wo auf seinem Lotus thronend,
Der Erhabene still herabblickt.
Und wir knien willig nieder,
Ihm in unseren Herzen dankend
Für die große Liebesgabe
Und auch innerlich erneuernd
Den Entschluss, Schlechtes zu meiden
Und um Gutes uns zu mühen.

Ist nun das Gebet vollendet,
Bringen wir die Opfergaben,
Zünden ringsum an die Lichtchen,
Dass die Halle festlich leuchtet.
Danach wandern wir zum Bo-Baum,
Wohl geschützt im Mauerkranze,
Legen auch hier Gaben nieder.

Und ganz still, wie wir gekommen,
So verlassen wir die Stätte.
Doch wenn nun der Abend da ist,
Und der Mond mit vollem Lichte
Über Baum und Hütte leuchtet,
Unsern Weg uns mild erhellend
Wandern wir zur Predigthalle,
Wo ein Mönch die Lehre kündet
Von dem Leiden dieses Lebens
Und von jenem edlen Pfade,
Der achtfach in sich gegliedert
Zur Vernichtung dieses Leidens
Allen Lebenden den Weg zeigt. 

Mitternächtige Stunde naht sich,
Hoch steht schon der Mond am Himmel,
Und der Thera hat geendet.
Schweigend schreitet er zur Zelle,
Schweigend schreiten wir dem Heim zu
Durch die totenstille Lichtnacht
Auf den wohlbekannten Wegen,
Wo des Palmbaums kurzer Schatten
Schwarz auf weißem Grunde lagert.
Und was wir gehört bedenkend,
Ernsthaften Entschluß gelobend,
Geben wir uns still zur Ruhe.
Heute war Uposatha.

       Nur vier Jahre war es Dr. Dahlke vergönnt, in Frohnau zu wirken. Sein Beruf als Arzt fügte sich hier harmonisch seinen Aufgaben als Lehrer und Übersetzer ein. Alle Einkünfte aus seiner großen Praxis waren für Das Buddhistische Haus bestimmt. Wenn ein Patient nach dem Honorar fragte, pflegte Dr. Dahlke zu antworten: „Geben Sie eine Spende für Das Buddhistische Haus.“ Und manchmal fügte er hinzu: „Geben ist immer eine gute Sache, und es geziemt sich, dass der Begüterte reichlicher gebe.“

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 6: Frohnau, ehemalige Klause um 1927 (in Privatbesitz)

Für seine Anhänger und Freunde waren diese vier Jahre eine Quelle der Bereicherung, ganz gleich, ob sie Dr. Dahlke als Patient aufsuchten oder zu seinen Vorträgen und Feiern nach Frohnau gekommen waren. Er hatte für jeden Einzelnen Zeit. Gern schritt er mit seinem Besucher des abends die stillen Wege seines Grundstücks ab, wies auf alle Neuerungen hin, auch auf die drei Klausen, die für Einzelmeditierende bestimmt waren, und für die er sich mehr Besucher gewünscht hätte. Diese Klausen bestehen heute nicht mehr. Sie sind anderen baulichen Erfordernissen gewichen4
       Im Winter des Jahres 1927/28 hatte eine Grippe den Doktor sehr geschwächt. Er konnte sich nicht davon erholen. Bei der Uposatha-Feier im Januar wurde seine Rede von Herrn Fischer vorgelesen. Keine Diskussion in der Bibliothek folgte. Im Februar durften ihn seine PatientenFreunde am Krankenbett für eine Minute besuchen. Am Uposatha-Tag des 29. Februar ging es ganz besonders still im Hause zu. Einige seiner Freunde mochten ahnen, dass Dr. Dahlke nicht mehr am Leben war. Doch alle Fragen danach wurden nicht beantwortet. So war es sein Wille. Erst ein Vierteljahr später sollte sein Tod bekannt gegeben werden. Auch die Stätte seiner Beisetzung blieb unbekannt5 Sie sollte nicht zum Wallfahrtsort werden.
       Viele seiner Anhänger wollten an seinen Tod nicht glauben. Es entstanden mancherlei Gerüchte, unter anderen dieses, dass er seine letzte Reise nach Indien, dem nie vergessenen Land seiner Sehnsucht angetreten hätte. Die Zeit hat alle diese Phantasiegespinste zugedeckt. Für die Buddhisten und Laienanhänger ist Das Buddhistische Haus in Frohnau sein Vermächtnis. Darin lebt er für sie weiter. „Frohnau wird zum Zentrum der Buddhisten in Deutschland“ hat er einmal zu einem Schüler gesagt. Möge es der „German Dharmaduta Society“ gelingen, dieses Ziel zu verwirklichen.6
.

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 7: Frohnau, Haupthaus mit Bibliotheksanhang, Tempel, Vortragsanlage in der Senke mit
Hofkeller (rechst im Hang) um 1929

       Mein besonderes Gedenken soll an dieser Stelle dem Arzt Dahlke gewidmet sein. Zehn Jahre lang habe ich sein großes ärztliches Können bei vielen Patienten und auch in meiner Familie beobachtet. Seine Art, mit Patienten umzugehen, entsprach ganz seinem stillen, ernsten, in sich gekehrten Wesen. Er stellte große Anforderungen an den Beruf des Arztes überhaupt und damit auch ans sich selbst. In seinem Buch „Heilkunde und Weltanschauung“ verlangte er geradezu vom Arzt eine Weltanschauung. „Eine Disziplin, mag sie sein, was sie will, Heilkunde oder sonst etwas, die auf Weltanschauung verzichtet, d.h. die darauf verzichtet, sich selbst im Ganzen wiederzufinden, die verzichtet damit auf das Beste, auf ihre eigene Zukunft.“ Dr. Dahlke wirkte wohl deshalb sowohl als Arzt wie als Buddhist so überzeugend, weil er genau das vorlebte, was er lehrte. Seine Lebensweise war so kärglich und bescheiden, wie er es von seinen Aufenthalten in den ceylonesischen Klöstern gewohnt war. Es gab im Buddhistischen Haus keine Küche. Nach seinem eigenen aufgestellten Kostplan lebte er nur von Reis, Haferflocken und Brot. Dazu gab es Käse, Obst und Tomaten, selten Butter. Als Getränk bevorzugte er heißes Wasser mit etwas Milch oder Schokolade. Auch die anderen Bewohner des Hauses, seine Haushälterin, seine Mitarbeiter und Besucher mussten sich dieser strengen Hausordnung fügen. Fleischgerichte wurden nicht geduldet.
       Als ein mitleidvoller Patient dem elend aussehenden Doktor zu seiner Stärkung einmal gebratene Täubchen mitbrachte, kam er in einen echten Gewissenskonflikt. Er selbst sagt, um den Patienten nicht zu kränken, die Speise als Gabe angenommen hat, so wie jeder buddhistische Mönch auf seinem Almosengang unbesehen Speisen annimmt. „Aber“ fügte er hinzu, „geschmeckt haben mir die Täubchen, von denen ich nur wenig gegessen habe, nicht.“
       Zu einer Patientin, die ihn fragte, ob sie vegetarisch leben müsse, hat er gesagt: „Solange Sie den Tod nicht schmecken, können Sie Fleisch essen.“ Überhaupt empfahl er seinen Patienten immer, bei einer gewohnten Kostform zu bleiben und nicht etwa vor einer großen Anstrengung etwas anderes als gewohnt oder gar mehr zu essen als sonst. Die größere Essensmenge kann bei einer größeren Leistung mehr schaden als nützen. Erst nach einer Ruhepause kann der überanstrengte Körper eine neue Mahlzeit verkraften. Es war charakteristisch für den Arzt Dahlke, dass er seine Patienten während der ganzen Behandlungszeit sehr aufmerksam überwachte, sie gewissermaßen nie aus den Augen verlor. Wenn der Kranke nicht selbst kommen konnte, so verlangte er von einem Familienangehörigen kurzfristig Berichte und stellte danach seine Therapie ein. Trotz der großen Zahl seiner Patienten in der Sprechstunde kam Dr. Dahlke oft noch am späten Abend ins Haus. Von seinen Patienten verlangte er ein bestimmtes Verhalten. Als ein Kranker einmal fragte, ob er im Bett lesen dürfe, antwortete Dahlke: „Nein, denken Sie. Denken ist wichtiger.“
       Er hatte von den Menschen der Gegenwart keine allzu große Meinung und schrieb in seinem Aufsatz den für ihn charakteristischen Satz: „Die Menschen von heute atmen zu wenig, essen zu viel und denken überhaupt nicht.“

       Im Sprechzimmer hatte der Doktor seine eigenen Gewohnheiten. Er sprach nicht viel. Dennoch bestand von der ersten Minute an ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Er machte keine leeren Versprechungen auf schnelle Heilung. In einem Falle sagte er zu einer herzkranken Patientin, sie müsse ein Jahr lang in seiner ständigen Behandlung bleiben und deshalb zu ihm nach Sylt kommen. Nach einem Jahr war die Patientin in der Tat gesund. Kam ein neuer Patient in sein Sprechzimmer, so beobachtete er genau dessen Gang und Haltung. Als einmal ein Patient von ihm unbemerkt plötzlich vor ihm stand, sagte Dr. Dahlke ruhig: „Gehen Sie bitte noch einmal zur Tür und kommen Sie auf mich zu.“

Dr Paul Dahlke Arzt und Buddhist  
 Abb. 8: Hippokrates Verlag, Stuttgart,
Leipzig, Zürich 1928
 

Eine andere wichtige Beobachtung galt den Händen seiner Patienten. Jedesmal ließ er sich beide Hände innen und außen zeigen. Geräte benutzte er kaum, nicht einmal ein Stethoskop. „Je komplizierter die Untersuchungsgeräte sind“, sagte er, „um so geringer ist der Anteil des Arztes an der Diagnose.“ Auf dem Schreibtisch des Doktors stand ein Stapel von Zetteln in Postkartengröße, der von Jahr zu Jahr höher wurde. Jeder dieser chronologisch geordneten Zettel war die Krankendiagnose eines Patienten. Mit untrüglicher Sicherheit fand der Doktor beim Eintritt des Patienten in wenigen Minuten den richtigen Zettel. Nach der Untersuchung stand der Doktor auf, schritt zu seiner großen Medizintruhe, die in der Mitte des Zimmers auf einem Tisch stand, und begann bedächtig die Medizin selbst zu bereiten. Er faltete dazu eine kleine Papiertüte, ließ einige Zuckerkügelchen hineinfallen und beträufelte sie mit wenigen Tropfen verschiedener Flüssigkeiten. Meist waren es selbst angesetzte homöopathische Präparate von hoher Potenz.

       Als Hahnemann-Schüler und Vertreter dieser Heilmethode war für ihn der Heilvorgang ein dynamischer. In seinem Buch „Heilkunde und Weltanschauung“ schreibt er hierzu: „Die homöopathische Potenzlehre hat Sinn nur von der Einsicht aus, - dass die Homöopathie nach dem Schema der Ernährung arbeitet.“ Die Potenzwirkung ist weder eine stofflich-mechanische noch eine geistig-dynamische Wirkung, sondern sie ist eine auf ein gegenseitig Sich-Abstimmen zwischen erkranktem Organ und der Arznei als einer Reizmasse sich vollziehende Wirkung. Eine unbegrenzte Potenzierung gibt es nicht. Aber die Grenze der Potenzialität ist nicht erfahrungsgemäß rechnerisch festzustellen, sondern sie ist nur zu erleben in der Heilwirkung. Es wäre jedoch ein Irrtum zu glauben, dass Dr. Dahlke die homöopathische Heilweise in allen Fällen für die allein mögliche gehalten hätte. Mit erstaunlicher Gründlichkeit weist er in seinem Buch nach, dass jede Methode, auch die sogenannte geistige Heilung, unter bestimmten Aspekten heilen kann. Sehr genau untersucht er die Grenzen jeder Heilweise und schließt seine Betrachtungen über das Wesen der Krankheit auf S. 34 mit den Worten: „… dass eine Krankheit nicht schlechthin nur das ist, als was sie sich erfahrungsgemäß darstellt, sondern dass ihr Verlauf auch immer davon abhängt, wie sie vom Patienten aufgefasst und geistig verarbeitet begriffen wird.“ Vom Kranken selbst sagt er auf der folgenden Seite: „... dass jedes einzelne Individuum ... seine eigene Heilkunde verlangt.“ Noch ein Gedanke scheint mir wesentlich und charakteristisch für Dr. Dahlke zu sein. Er unterscheidet deutlich zwischen Heilkunst und Heilwissenschaft und gibt der Heilkunst als der älteren der beiden den Vorrang. In ihr erweist sich das Heilen als eine Kunst, die er von Können herleitet, als ein Heilen, das unabhängig von der Wissenschaft ist. Noch ein Heilmittel gibt es, auf das Dr. Dahlke in einem Aufsatz besonders hingewiesen hat, das D e n k e n . Unter der Überschrift: „Denken heilt“ heißt es da: „Es ist eine der vielen Kennzeichen unserer Zeit, dass es den Menschen bei Krankheit nicht so sehr auf's Heilen wie aufs Betäuben ankommt, eine Neigung, die freilich von den Ärzten und den chemischen Großindustrien in bedenklicher Weise unterstützt wird. Schmerz, Schlaflosigkeit und Fieber sind die drei Mahnungen des kranken Körpers; sie fordern Heilung, aber der moderne Mensch wendet ihnen gegenüber meist nicht Heilmittel an, sondern er zieht es vor, sie mit Betäubungsmitteln zum Schweigen zu bringen. Denn Heilung erfordert Standhaftigkeit, erfordert Geduld. Wer bei Schmerzen sogleich zum schmerzstillenden Mittel, bei Schamlosigkeit sogleich zum Schlafmittel greift, der zeigt damit, dass er unser großes Heilmittel, das Denken, nicht anzuwenden versteht, ja vielleicht es gar nicht einmal kennt, von seinem Dasein überhaupt nichts weiß.! Ein Leiden, bei dem das Denken nicht seine heilende, lindernde Wirkung ausübt – vorausgesetzt, dass Leben überhaupt unter Bewusstsein verläuft - ein solches Leiden gibt es nicht. Kant hat eine wohlbekannte Abhandlung geschrieben „Über die Macht des Gemüts, Krankheiten zu heilen.“ Weshalb heilt Denken? Weshalb wirkt es heilend ein? Weil Denken die Kraft ist, auf Grund der Leben sich selber erlebt. Meiner Erfahrung nach gibt es nicht viele Menschen, die fähig sind, das Denken auf dem Denken, d.h., auf sich selber ruhen zu lassen; und doch muss dieses Maß von Einwärtswendung erreicht sein, ehe der Weg zu den im Unbewussten wirkenden Kräften, den Sankharas, sich eröffnet. Nicht als ob dieser Weg fertig daläge und nur der Schlagbaum vor ihm gehoben werden müsste, sondern von diesem Weg gilt das Wort: 

E i n   W e g   e n t s t e h t   d a d u r c h,   d a s s   e r   b e g a n g e n   w i r d .

Er bildet sich durch die immer wiederholten Versuche, ihn zu begehen. Freilich gibt es kein Sein als nur das Werden, aber W e r d e n wird sich unmittelbar verwirklichen... Aus diesem restlosen Werdemotiv des Ich ergeben sich unerhörte Möglichkeiten für die Zwecke des Heilens.
       Damit D e n k e n heilen kann, muss es als das begriffen werden, was es wirklich ist: Eben die Kraft, auf Grund derer Leben da ist und sich selber immer wieder aufs Neue erlebt. D e n k e n ist Kraft. Als solche beweist sie sich durch sich selber, d.h.:, durch die Fähigkeit der Richtungsänderung, die sie an sich selber vornehmen kann. Ein anderer Beweis für die Kraft als den, dass sie sich selbst zu meistern vermag, gibt es nicht. Dieses Vermögen der Richtungsänderung erlebt sich im geistigen Bereich als Entschluss, im körperlichen Bereich als diese umstimmende und damit heilende Kraft. Es ist mehr als eine bloße Spielerei mit Worten, wenn man letzten Endes jede Krankheit als eine ‚Verstimmung‘ ansieht und dem gegenüber Gesundheit als eine Art Wohlklang. Jedenfalls ist es Tatsache, dass Menschen, die ‚in guter Stimmung sind‘, d.h., die ein ruhiges, wohlgeordnetes Innenleben fuhren, krankmachenden Einflüssen gegenüber widerstandsfähiger sind als andere.“
       Damit stehen wir bereits mitten im buddhistischen Denken. Das soll uns nun im Folgenden beschäftigen. Ich beschränke mich dabei bewusst auf diejenigen Betrachtungen aus Dahlke's Schriften, die für den M e n s c h e n bestimmt sind, der sich selbst als Buddhist zu begreifen versucht. Für Dr. Dahlke ist der Buddhismus ein Umdenken, „...durchaus nichts als ein Umdenken, tief genug um den Entschluss zu fassen, dieses Umdenken in die Wirklichkeit zu übertragen.“ – „Und in welchem Sinne soll dieses Umdenken vor sich gehen?“ Dr. Dahlke antwortet: „In einem wirklichkeitsgemäßen Denken.“ Und er erklärt in „Heilkunde und Weltanschauung“ den Begriff Wirklichkeit so: „Wirklichkeit ist Wirken; Wirken ist weder Kraft, die das Wirken erst aus sich hervorgehen lässt, noch Stoff, der bewirkt wird, sondern wirken selber, das unmittelbar gegebene, ist erfahrungsgemäß wie erlebensgemäß E r n ä h r u n g .“ Und auf S. 51 fährt er fort: „Wirklichkeit als Ernährung begreifen, heißt, sie als ein beständiges Sich-Beziehen begreifen, für das nichts übrig bleibt als dieser Vorgang des Sich-Beziehens von innen nach außen. Leben i s t nicht sondern w i r d in jedem Augenblick aus den Voraussetzungen des vorhergehenden Augenblickes. Das ist das Gesetz des Kamma. Es ist etwas dynamisches, das sich im Greifevorgang selber begreift. Das, was wir im allgemeinen als Wirklichkeit bezeichnen – nämlich die Außenwelt, die wir wahrnehmen – ist eigentlich eine Rückwirklichkeit, von der wir uns nur ein Bild machen.“ 
       Um den Begriff der Rückwirklichkeit zu verdeutlichen, verweise ich auf eine andere Stelle im gleichen Buch. Dort sagt Dr. Dahlke dem Sinne nach: Wir sehen den fallenden Stein und halten das Gesehene für Wirklichkeit. Es ist aber Rückwirklichkeit, denn der Stein kann nicht fallen, wenn er nicht zuvor gehoben worden ist. Dahlke sagt weiter: „Die einzige Wirklichkeit, die wir begreifen können, ist unser Selbst, das sich in den fünf Greifegruppen, nämlich F o r m, E m p f i n d u n g , W a h r n e h m u n g , B e g r i f f und B e w u s s t s e i n erschöpft.“ Somit erweist sich unser Selbst als ein Nicht-Selbst, das bekannte „anatta“.
       In seinem Buche „vorn Genie“ findet sich der gleiche Gedanke in dem Satz: „Wahrheit erkennen, heißt das Ich erkennen. Das I c h erkennen, heißt es a u f h e b e n .“ Der Gedanke eines Nicht-Vorhandenseins eines S e l b s t kommt in seinem Buch „Buddhismus als Weltanschauung“ noch stärker zum Ausdruck. Dort heißt es auf S. 56: „Der Buddha lehrt: Alles, was da ist, alle Prozesse, mögen sie wirklich, mögen sie rückwirklich sein, alles ist s a n k h a r a. Das ist das erkenntnistheoretische Leitwort des Buddhismus. Seine Bedeutung ist: alles ist zusammengesetzt bedingter Natur. Der Buddha geht mit der modernen Wissenschaft zusammen insofern, als er ein Unzusammengesetztes, Unbedingtes, eine Einheit an sich. bweist. Über die sich selbst unterhaltenden w i r k l i c h e n Prozesse lehrt der Buddha nun weiter: Alle Lebewesen bestehen auf Grund von Kräften. Somit geht der Buddha hier mit dem Glauben zusammen, indem er ein Nicht-sinnliches in den Lebewesen anerkennt, denn eine Kraft kann nie sinnlich sein. Das ist ja eben die Einsicht, zu welcher Buddha erwacht ist, dass Leben weder ein bloßes Spiel von Spannungsunterschieden noch ein Spiel auf Grund einer Seele eines an sich Seienden sich abspielt, sondern dass Leben auf Grund einer streng individuellen Kraft, einer I c h - Kraft, einer I n - Kraft sich abspielt, die keine Kraft an sich ist, sondern die, um da zu sein, aus ihren eigenen Vorbedingungen immer wieder neu aufspringen muss.“ 
       Die meditative Kraft des Buddhismus geht zum Teil darauf aus, in der In-Schau (samadhi) sich selber über Denken und Wollen hinaus, in jene ursprüngliche Tiefe zu verfolgen, in welcher diese I c h -Kraft als die Sankharas, die Tendenzen, Neigungen und Anlagen als Unterbewusstsein wirksam ist. Aus der Tiefe der Sankharas stammt das scheinbare Wunder alles dessen, was man kurz „Instinkt“ nennt, d.h., alle jene erstaunlichen Fähigkeiten, die ein Lebewesen hat, ohne es zu wissen, ohne zu wissen, woher es sie hat, wie es sie hat, ja dass es sie hat, und die nichts sind als der Stempel jener unergründlichen Anfanglosigkeit. Nur in ihr haben alle jene Dinge Platz, die wir wissen, ohne sie zu wissen; die wir können, ohne dass wir wissen, dass wir sie können. Wer sich zu der buddhistischen Weltanschauung bekennt und sich entschließt, den buddhistischen Lebensweg zu gehen, findet Hilfe in den Lehrreden.
       Da ist die Lehre von den vier Heiligen Wahrheiten: „Das ist das Leiden, das ist die Leidensentstehung, das ist die Leidensvernichtung und das ist der zur Leidensvernichtung führende Weg.“ Dahlke sagte weiter: „Und was ist die Heilige Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Weg? Eben dieser achtgliedrige Pfad, nämlich rechte Anschauung, rechter Entschluss, rechte Rede, rechtes Tun. rechter Lebensunterhalt. rechte Anstrengung. rechte Verinnerung rechte Vertiefung.“
       In seinem letzten Buch, das erst in seinem Todesjahr herausgekommen ist, „Buddhismus als Wirklichkeitslehre und Lebensweg“ sagt Dr. Dahlke auf S. 58/59: „Der Buddha selbst nennt seine Lehre Wissens-Wandel (vijja caranam), d.h., ein Wissen, das den rechten Wandel schafft, und ein Wandel, der das rechte Wissen schafft. Im gleichen Sinne nennt er eine Lehre die Lehre und Zucht um den Reinheitswandel. Einer, der da meint; zur rechten Einsicht in der buddhistischen Wirklichkeitslehre gekommen zu sein, ohne den Zwang zu der entsprechenden Lebensführung zu empfinden, der irrt sich. Der erste Beweis, dass man verstanden hat, ist der, dass der Zwang zur entsprechenden Lebensführung sich einstellt. … Einer, der meint, zur rechten Einsicht gekommen zu sein, und doch keine Änderung an seiner Lebensführung erlebt, der hat seine Einsicht nur gelernt aber nicht erlebt. Dass einer rechte Einsicht, d.h., die Einsicht in das Leben als einen anfanglosen Geist-körperlichen Greifevorgang, als einen anfanglosen Ernährungsvorgang ohne Ernährer wirklich erlebt hat, das erweist sich nur aus einem: dem rechten Entschluss. Und dieser rechte Entschluss ist der Entschluss zum Entsagen, zum Wohlwollen zu allen Lebewesen und zur Milde. Das bewusste Weilen in diesem Gedanken des Wohlwollens, der Milde ist eine der ersten und wichtigsten Übungen in der inneren Entwicklung. Wie alles im Buddhismus, wie alles in der Wirklichkeit überhaupt, so stellen diese Übungen einen Entwicklungsgang dar: von der gleichmäßig, lichtartig über die Wesen sich ergießenden Liebe zum universellen Mitleid, von ihm zur Freudigkeit die im Gleichmut endet, der letztes Ergebnis aller buddhistischen Entwicklung ist.“
       Dr. Dahlke ist diesen Weg gegangen. Er hat vorgelebt, was er lehrt hat. Das hat ihm Verehrung und Hochachtung bei seinen Anhängern eingebracht. Schrittweise hat er das Anhaften an den Dingen aufgegeben, die Jahre hindurch eine Bedeutung für ihn gehabt hatten. Ich denke an die beiden Gebiete Mathematik und Musik. Er beschäftigte lange Zeit eine Pianistin, die ihm in seiner Wohnung besonders Beethoven vorspielen musste. Dr. Dahlke hat ganz allein zugehört und Kritik geübt, wo es ihm angebracht erschien. Man hat diese Musikliebe als seine Leidenschaft bezeichnet. Das mag vielleicht stimmen. Immerhin kam der Tag in seinem Leben, an dem er sich ganz und für immer von der Musik löste. Folgerichtig forderte er einen seiner Schüler auf im Interesse seiner eigenen Entwicklung das Violinspiel aufzugeben. Auf dem Gebiete der Mathematik habe ich ähnliches bei Dr. Dahlke erlebt. Seine Freude an haarspalterisch exakter Beweisführung fand in ihren Grenzgebieten ein reiches Betätigungsfeld. Eines Tages verlor auch sie für ihn an Interesse. Er verschenkte alle seine Mathematikbücher, über die er jahrelang diskutiert hatte.

       Das Kämpferische, das besonders seine polemischen Schriften kennzeichnet und für seine Zeit gerechtfertigt erscheint, war in seinen erzählenden Schriften nicht zu finden. Seine Schwester Bertha hat im Jahre 1930 auf Wunsch seiner alten Freunde Briefe veröffentlicht, die Dr. Dahlke von seinen Weltreisen nach Indien, Indonesien und Japan an seine Angehörigen gerichtet hatte. In ihnen spiegelt sich seine sinnend verweilende Art und seine dankerfüllte Hingabe an Schönheiten der Landschaft und an Menschen wieder, denen er begegnet ist. Einmal betrachtet er nach Verlassen des Suezkanals die Länder zu beiden Seiten des Dampfers. „Wir betreten früh mit Sonnenaufgang das Verdeck. Ein lauer Wind weht uns entgegen, die See, dunkelblau, dehnt sich glatt, wie mit Öl bestrichen rings um uns. Jetzt steigt die Sonne über den Bergen der Sinai-Halbinsel lodernd auf und umgießt die harten Massen mit einem gelben Dunst, der, von den Spitzen abfließend, sich in den Tiefen zu verdichten scheint. Zu unserer Rechten aber ziehen sich in ihrer eigentümlichen, großartig-ernsten Tafelform die Berge der afrikanischen Küste hin. Die Morgensonne hat ihnen jeden Schleier entrissen, und klar bis in die kleinste Falte liegen sie in ihrer gelbbraunen Nacktheit vor uns.“ Und er erlebte einen Sonnenuntergang: „Uns ist, als ob wir zum ersten Mal im Leben das Firmament in seiner Reinheit sehen. Das ist keine Luft da vor uns, das ist der ewige Äther, in den das Auge sich verliert wie in eine Unendlichkeit. Hier ist keine Unruhe, nichts Blendendes. Hier waltet die selige Ruhe göttlicher Harmonie. Jetzt schiebt sich ein Zug von Lämmerwölkchen, fein

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 9: Colombo, Hafen um 1900

wie ein Hauch, durch die Bläue; jetzt beginnt der Rand in prächtigen Regenbogenfarben zu leuchten, und jetzt die ganze Masse - ein feenhafter Anblick! Dann erst beginnt das gewöhnliche Sonnenuntergangspiel.“
        Der Dampfer trifft im Hafen von Colombo ein. Dort erwartet sein Mönchsfreund Sri Sumangala, der ihn in das „Kloster zum allervorzüglichsten Gesetz“ geleitet. Dr. Dahlke schreibt darüber: “Vor kaum einer Stunde ist der Dampfer im Hafen von Colombo angekommen, und schon stehe ich draußen vor der Eisenbahnstation des kleinen Dorfes, die rauschenden Palmen über mir, die rote Erde Ceylons, an die man zu Hause so oft denkt, unter mir - zum wievielten Male nun? Ich weiß es wirklich nicht und bin zu träge nachzudenken, könnte es vielleicht auch gar nicht mehr, denn diese langen Jahre, seit denen so zu sagen mein geistiger Schwerpunkt in Indien liegt und mich immer wieder hat hinübergleiten lassen, stehen jetzt in meiner Erinnerung da wie eine einzige große Masse seltsamen Schauens und neuen Denkens. Ach Indien! Vom ersten Male ab, wo ich deinen Boden betrat, kamst du mir entgegen wie eine Verheißung. Wird sie sich erfüllen?“

 

       Die Sprache erinnert uns an Stifter. Die gleiche Gelassenheit spiegelt sich in den vier Wiedergeburtsgeschichten seines „Pubbenivasa“. In dichterischer Freiheit werden Mensch Schicksale durch Jahrtausende verfolgt. Jede neue Daseinsform ist die Weiterentwicklung der vorhergehenden im Sinne des buddhistischen Denkens: wir sind Erben unserer eigenen Gedanken und Taten. 
       Im letzten Abschnitt möchte ich den Ablauf des Lebens von Dr. Dahlke in großen Zügen aufzeichnen. Er wurde in Ostpreußen in der Stadt Osterode am Drewenzsee am 25. Januar 1864 geboren und ist zusammen mit vier Geschwistern, einem Bruder und drei Schwestern, aufgewachsen. Offenbar hat er nur wenige Jahre in seiner Geburtsstadt gelebt, da sein Vater als Beamter häufig versetzt worden ist. Jedenfalls kann die Stadt Osterode durch keine Gedenktafel an
einem Haus das Andenken an seinen bedeutenden Sohn nachweisen. Ich habe selbst in Osterode vergeblich danach gesucht.
Von Dahlke's Kindheit wissen wir, dass er von zarter Gesundheit war und selten mit Spielkameraden herumtollte. Lieber saß er über Bücher gebeugt, ließ sich von Erwachsenen die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen erklären und konnte schon mit fünf Jahren ohne fremde Hilfe lesen. Die Schule interessierte ihn anfangs wenig. „Genügend genügt“ hat er einmal selbst von reinen Schulleistungen gesagt. Doch obgleich er durch die Versetzungen seines Vaters fünf mal das Gymnasium wechselte, bestand er das Abitur mit achtzehn Jahren als Kleinster der Klasse. Sofort begann er mit dem Medizinstudium. Schon als Kind hatte er auf die Frage, was er einmal werden wolle, immer geantwortet: „Ich will Doktor werden und die Leute gesund machen.“
       Als junger Arzt eröffnete er eine eigene Praxis und hatte bald einen großen Patientenkreis. Dennoch gab er wiederholt seine Tätigkeit auf und begab sich für verhältnismäßig lange Zeit auf Reisen. Vier- oder fünfmal ist Dr. Dahlke wieder nach Berlin zurückgekehrt, obgleich er Ceylon längst als seine Wahlheimat betrachtet hat. Nach einer Ankunft in Ceylon schreibt er einmal: „Vorläufig bin ich wieder einmal zu Hause!“ Auf die Frage eines Patienten, warum er nicht ganz in Indien geblieben ist, hat er geantwortet: „Das Leben im Kloster ist nicht leicht für einen Europäer. Und wenn man die innere Reife nicht hat, würde man verbrennen.“
       Wenn Dr. Dahlke dann wieder nach Berlin kam, ließen seine alten Patienten nicht lange auf sich warten. Ihre Zahl wuchs immer mehr. Auch durch die Verlegung seiner Praxis in einen anderen Stadtteil konnte der Doktor seinen Patienten nicht entfliehen. Wo er auch hinzog, sein Ruf ein guter, ja sehr guter Arzt zu sein, lief ihm voraus und folgte ihm. Wenn auch an seiner Tür stand: „Ich nehme keine neuen Patienten mehr an“, so hat er selbst aus ärztlichem Gewissen diesen Entschluss immer wieder zunichte gemacht, wenn neue Kranke Hilfe brauchten.
       Außer seiner praktischen Tätigkeit hielt Dr. Dahlke Vorträge vor Ärzten, so in Stuttgart vor Homöopathen über: „Die Homöopathie als historische und geistige Erscheinung“, die später als Buch den Titel trugen: „Heilkunde und Weltanschauung“, und wohl zu seinem bedeutendsten Schriften gehören, die leider heute alle vergriffen sind bis auf das neu erschienene Büchlein „Was ist Buddhismus und was will er? “ und der „Dhammapada“ in einer sehr schönen Aufmachung.
       Bei einer so reichen Tätigkeit waren die Sommermonate auf Sylt eine wohlverdiente Zeit der Entspannung. Warum zog es die ihn gerade nach Sylt? Er hat es selbst gesagt: Die Weite des Meeres und die Farbenpracht des Himmels erinnerten ihn an sein fernes Ceylon. Öfter habe ich den Doktor auf einem Stuhl stehend – weil die Fenster seines Hauses hoch angebracht waren – den Himmel bei Sonnenuntergang beobachten sehen, tief versunken in den Anblick des Naturspiels. Auf die Frage, warum er die Fenster nicht tiefer gesetzt habe, um bequemer sehen zu können, antwortete er: „Ich will mich von der Natur nicht zum Hinaussehen zwingen lassen. Darum scheue ich die kleine Mühe
des Hochsteigens nicht, Wenn ich den Himmel beobachten möchte.“ Ganz ungestört lebte Dr. Dahlke auch auf Sylt nicht. Freunde und Anhänger kamen im Sommer dorthin, um mit ihrem Lehrer diskutieren zu dürfen. Er widmete ihnen viel Zeit. Hier war er ganz Lehrer. Manchmal machte er mit seinen Schülern ausgedehnte Wanderungen bis zur Nordspitze der Insel und ohne Pause wieder zurück. Ich sehe den Doktor noch deutlich vor mir, wenn er mit weit ausholenden
Schritten ohne Ermüdung wanderte. Erst nach der Rückkehr folgte eine kurze Ruhepause, in der auch die Schüler keine Mahlzeit einnehmen sollten. Dann wurde im Hause weiter diskutiert.

       Dr. Dahlke war nicht verheiratet. Zu seinen Geschwistern, besonders zu seiner unverheirateten Schwester Bertha, hatte er ein herzliches Verhältnis. Sie lebte als Lehrerin in der Schweiz und kam in den Ferien gern nach Wennigstedt, wo sie ein eigenes Sommerhaus bewohnte. Sein Neffe, Paul Dahlke, war im Jahre 1928 noch ein Kind. Er hat das Erbe seines Onkels auf Sylt angetreten. Auch ist Buddhist und wirkt seit dem Ende des zweiten Weltkrieges als bekannter Arzt in Westerland.

Dr Paul Dahlke Arzt und BuddhistAbb. 10: aus: Helmut Klar. Zeitzeuge zur Geschichte des Nudismus in Deutschland,
Universität Konstanz 1995 S. 114

       Außer den Freunden kamen auch Patienten. Die Inselbewohner schätzten ihren „Sanitätsrat“ sehr und suchten ihn im Krankheitsfalle auf. Wenn sie Interesse für den Buddhismus hatten, so zeigte ihnen der Doktor zuweilen seine im Allgemeinen verhüllte Buddha-Statue im Vorraum. Das geschah in der Weise, dass er den Klienten bat, sich schweigend davor zu stellen, während er selbst die Statue langsam und vorsichtig aus dem Seidentuch auswickelte, das sie mehrfach umwand. Dann standen Arzt und Patient davor, bis der Doktor fragte: „Haben Sie genug betrachtet?“ Wurde die Frage bejaht, so erfolgte wieder die Verhüllung der Figur. Einmal kam es nun zu folgender Abweichung: Ein Inselpatient hatte die Zeremonie erlebt, bedankte sich dafür und erschien am folgenden Tag mit seiner Frau. Als die ärztliche Konsultation der Patientin beendet war, sagt der Mann: jetzt kommt die Hauptsache, schritt im Vorraum auf die Statue zu, wickelte sie hastig aus der Umhüllung und sagte: „Sieh dir das an“, und nach einer Weile: „Genug!“ Dr. Dahlke stand schweigend und lächelnd daneben. Nicht ein einziges Wort des Missfallens kam über seine Lippen.
       Am liebsten lebte der Doktor auf Sylt unauffällig, unerkannt und unbeachtet. Das war nicht immer durchführbar, denn die Inselbewohner kannten ihn alle. Er entzog sich jeglicher „Verehrung“ auf seine Weise. Als einmal auf einer Schiffsüberfahrt zum Festland der Kapitän den Doktor besonders verehrungsvoll begrüßen wollte, aber nicht gleich auf den Titel „Sanitätsrat“ kam, fragte er zuvor: „Was sind Sie doch gleich? “, worauf der Doktor lakonisch antwortete: „Passagier“!
       Von den auf Sylt begonnenen Plänen für Das Buddhistische Haus in Frohnau habe ich bereits berichtet. So scheint mir als würdigster Abschluss eine Rückschau zu sein, die Dr. Dahlke selbst unter der Überschrift „Woran ich denke“ veröffentlicht hat:
      „Ich denke daran, wie ich, ein Jugendlicher, durch des Lebens grünende Wiesen schritt, Blumen pflückend und wegwerfend, meine Kraft messend, anmaßend und schüchtern, Übermütig und verzagt, immer wieder durch Lust zum Leiden, durch Leiden zur Lust schreitend - ein Mensch.
       Ich denke daran, wie ich im Zauber der Töne eine neue Welt betrat, hochgehoben von dieser schweren Erde und schwerer wieder zurückfallend - nutzloses Sehnen.
      Ich denke daran, wie ich begann nach der Wahrheit zu suchen, an der übervollen Tafel des Geistes schmausend, leer trotz der Fülle, unbefriedigt trotz des Gebotenen, Ahnungen statt der Gewissheit, Glaube statt des Verstehens, Hoffnungen statt der Nahrung, Theorien statt Wirklichkeit, geistreiches Gerede statt Wahrheit. Ein Strauß tauber Ähren, bunte Schalen ohne Kern. Muss man denn erst ein Licht anstecken, um das Licht sehen zu können! Ich denke daran, wie oft ich Freunde verletzt, und denen, die mir die Nächsten waren, wehe getan habe. Mochte ich reden, mochte ich schweigen; mich selber tadeln zu müssen, war mein Los. Ich denke daran, wie mir der Mensch dasAnziehendste war, unerschöpflich in seinem Reiz, wundervoll in seiner Unbegreiflichkeit.
       Ich denke daran, wie ich träumend an Gräbern stand und das Trauern zum Sinnen wurde. Ewiger Tod, ewiges Leben oder ein drittes? Ewiger Tod - eitle Befürchtung, ewiges Leben - vergebliche Hoffnung! Oder ist es so: Ewiger Tod - vergebliche Hoffnung, ewiges Leben - eitle Befürchtung? Wie bedenklich wird Leben, wenn der Mensch anfängt zu denken.
       Ich denke daran, wie ich die Meere durchstreifte, in ihrer Weite mich weitend; ferne Länder besuchte, in heißer Sonne gebadet, farbenprächtig, Tempel-geschmückt, Vulkan-gekrönt, rastlos suchend. Was? Ich wusste es nicht.
       Ich denke daran, wie ich in milden Nächten, die große Stille ummich, den Sternenhimmel über mir, nach der fernen Heimat mich sehnte.
      Ich denke daran, wie ich auf Palmen-bekränzten Inseln verloren im unendlichen Meere weilte, unter schönen Menschen, Blumen-geschmückten, dem Wohlklang der Rede lauschte, lauschte dem Wohlklang der Gesänge, der traurig-schönen, die aus der dunklen Ferne zu mir herüber klangen gleich Mahnungen um ein verlorenes Glück. Was soll es, die Erde zu durchirren, ihren fernsten Fernen zu nahen, wenn alles Suchen nur mich selber sucht und alles Finden nur um eines geht: mich selber zu finden?
       Ich denke daran, wie ich aus strengen Felsenhöhlen, Büßergeweihten, weit in die flimmernden Lande blickte, und der neue Gedanke, der vom Lehrer gelehrt, der im Drange der Einsamkeit gezeugte, zu keimen begann – zögernd, kämpfend: Genug jetzt, genug für immer! Glück der Einsamkeit, höchste Fülle! Glück des Entsagens, höchstes Genießen! Mensch, du bist mir lästig! Welt, ich suche dich nicht mehr! Was Ihr Ruhe nennt, ist nur das Jagen nach ihr; was Ihr Friede nennt, ist nur der Krieg um ihn. Ich lasse euch. Was fasst Ihr mich immer wieder am Mantel! Ich schüttle mich ab. Ihr klettet fest. Gut, so lasse ich den Mantel fahren, Was höhnet und singet ihr!„Lässt du auch den Mantel fahren, kannst doch dich selber nicht fahren lassen.“ Ihr irrt Euch! Ich kann es! Lange genug habt Ihr mir mein Recht auf mich selber entzogen, Ihr und Euer Gott. Jetzt ist der Lehrer gekommen, er hilft mir und zeigt den Weg zur Befreiung. Ich vertraue und bin im Vertrauen gesichert.
       Ich denke daran, wie ich dermaleinst auf alles dieses zurückblicken werde, entbunden, kühl geworden, nur ein Glück noch genießend: das Glück der Ruhe. Hoffnung meiner Zukunft, bist du noch fern? Ich warte auf dich. Mein Haar wird grau. Hörst du, ich warte! Und zurück tönt die Antwort: „Warte nicht! Beginne!“Eine Sehnsucht blieb für Dr. Dahlke ungestillt. Sie findet Ausdruck in dem Gedicht:
 
Abschluß

Einmal nur noch möcht' ich wandern
In der großen Wanderschaft,
Einsam, ohne einen andern,
Bis verhaucht die letzte Kraft.

Sterbend möcht' den Blick ich lenken
Auf das Schneeland himmelhoch,
Sterbend noch des Lehrers denken
und der Lehre, die nie trog.

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Fußnoten

1 Girod, Dorothea: Spaziergänge mit Doktor Dahlke. In A. Sri Gnanawimala Thera, Guido Auster und Ralf Leu (Hrsg.): 50 Jahre Buddhistisches Haus. German Dharmaduta Society, Colombo und Berlin-Frohnau 1974
2 Der Mönch Aturuguruíge Sri Gnanawimala lebte zwischen 1966 und 1981 im Buddhistischen Haus und verstarb 90-järig am 5. 1. 2003 in seinem Kloster in Sri Lanka.
3 Auf dem Denkmal stand in Pali: Namo Buddhaya, P. Dahlke, 1927 (auf Deutsch: Verehrung dem Buddha)
4 Zumindest die Klause aus der der Postkarte gibt es noch. Sie befindet sich in Privatbesitz
5 Dahlke war für drei Tage im Hofkeller unterhalb des Tempels aufgebahrt und ist am Waldrand gegenüber begraben. 
6 Die German Dharmaduta Society, eine buddhistische Gesellschaft zur Missionierung Deutschlands mit Sitz in Colombo, hat das Anwesen 1957 von den Dahlke-Erben gekauft.

Quellennachweis

Die in dieser Schrift angeführten Zitate sind den nachfolgenden Werken und Aufsätzen von Dr. Paul Dahlke entnommen:

Buddhismus als Weltanschauung, Theosophisches Verlagshaus Leipzig [Zürich 1928]

Der Buddhismus, Verlag Emmanuel Reinicke Leipzig 1926

Buddhismus als Wirklichkeitslehre und Lebensweg, Verlag Braun Karlsruhe 1928

Heilkunde und Weltanschauung, Hippokrates Verlag Stuttgart 1928

Das Buch vom Genie, Verlag Max Altmann Leipzig 1905

Aus dem Reiche des Buddha, Oskar Schloss Verlag München-Neubiberg [ohne Jahr] [Erstauflage: Breslau Verlag von Walter Markgraf 1913] 

Das Buch Pubbenivasa, Neu-Buddhistischer Verlag Berlin Zehlendorf [1921]

Dhammapada, Arkania Verlag Heidelberg 1970

Neu-Buddhistische Zeitschrift, Jahrgänge 1918-24

Die Brockensammlung, Neu-Buddhistischer Verlag 1924-1929

Buddhistische Monatshefte, Organ des deutschen Zweiges der Maha-Bodhi Gesellschaft Ceylon

Indische Welt, Organ der Buddhistischen Gemeinde Deutschland

 

1972
Verlag Buddhistisches Haus
Berlin 28 – Frohnau - Edelhofdamm 54
Alle Rechte der Übersetzung sowie der ganzen oder teilweisen Wiedergabe des Textes durch Tonband oder Schrift behält sich der Verlag Buddhistisches Haus Berlin-Frohnau vor.

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