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Faszination Buddhismus

von Hans Gruber

Ein Beitrag in drei Zeitungen anlĂ€sslich des Besuches des Dalai Lama zu einer Großveranstaltung in der LĂŒneburger Heide im Herbst 1998

"Hamburger Abendblatt" vom 6./7. Juni 1998 unter der Kopfzeile: "Die Faszination des Buddhismus ergreift immer mehr Menschen - Indiz fĂŒr eine tiefe Sehnsucht nach Erlechtung und Befreiung?" Und dem Titel: "Nehmt den Weg als Zuflucht".


Wochenendbeilage der "Berliner Morgenpost" vom 4./5. Juli 1998 mit der Kopfzeile: "Die Faszination des Buddhismus ergreift immer mehr Menschen. Was macht ihn fĂŒr Christen so attraktiv?" Titel: "Mit Buddha aus dem 'Jammertal'".
Wochenendbeilage "Die BrĂŒcke zur Welt" der "Stuttgarter Zeitung" vom 29./30. August 1998 mit dem Titel: "Nehmt den Weg als Zuflucht". Unterzeile: "Die Faszination des Buddhismus".

(Zu diesen BeitrÀgen gehörte jeweils auch ein Glossar, das hier nachfolgend steht.)


Es ist schon wirklich erstaunlich: Ein Tibet-Film nach dem anderen fĂŒhrt vor den Kinokassen zu langen Schlangen, in den Gesichtern der Wartenden jene gewisse Aufregung und Ungeduld. Ob "SalzmĂ€nner in Tibet", "Sieben Jahre in Tibet" mit Brad Pitt als Heinrich Harrer (der österreichische Abenteurer und Freund des Dalai Lama), oder Martin Scorseses Lebensgeschichte des Gottkönigs "Kundun", ein Fest der Farben, KlĂ€nge und mystischen Stimmungen, die ins Traumland Shangri-La entfĂŒhren - all diese Streifen scheinen bei uns nĂŒchternen Modernen die gleiche Kindervorfreude, den gleichen fest auf die Leinwand gehefteten Blick auszulösen.

Was passiert hier eigentlich? Die Tibet- und Buddhismus-Welle wogt auch in kĂŒrzer werdenden AbstĂ€nden durch Fernsehen, Hörfunk und diverse BlĂ€tter. So hat jĂŒngst sogar der Spiegel, in wundersamer Wandlung einmal unzynisch, der östlichen Heilslehre eine Titelgeschichte gewidmet: "Buddhismus, Glauben ohne Gott", just zu Karfreitag. Atheistisches war hier zu lesen: Der bekannte Indologe und Buchautor Hans Wolfgang Schumann unterschied den "mystischen" Buddhismus von den "prophetischen" Religionen mit ihrem Glauben an den Grund-Dualismus "Gott" und "Seele". Die Expertenzahlen belegen es unverkennbar: 1970 gab es in Deutschland lediglich 15 buddhistische Gruppen, 1991 dann schon 200 und nach weiteren sechs Jahren 413 (Anm. zu 2002: rund 600). Wo soll das hinfĂŒhren?


Eine Bewegung, welche die Gesellschaft erfasst

Die ZahlenschĂ€tzungen, was die AnhĂ€ngerschaft anbetrifft, gehen stark auseinander. Viele - die laut Buddha in einem sehr alten Text "alleine ziehenden Nashörner", welche dem buddhistischen Heilsziel selbststĂ€ndig zustreben - entziehen sich festen Gruppen; aber generell nimmt man an, dass hierzulande bis zu einer halben Millionen Buddhisten lebt. AlljĂ€hrlich erscheinen im englischsprachigen Raum rund vierhundert neue BĂŒcher zum Buddhismus. In den Vereinigten Staaten ist heute schon vom "mainstreaming" des Buddhismus die Rede - dass er gerade zu einer Bewegung wird, welche die gesamte amerikanische Gesellschaft erfasst.

Bedeuten diese rasanten Entwicklungen etwa den Anfang vom Ende des 2000-jÀhrigen Christentums im Abendland? Was steckt hinter dem starken Wachstum, das keine auch nicht modernisierte christliche Strömung, kein Islam und keine esoterische Richtung im Westen aufweisen kann?

Vielleicht hat es etwas mit der unwiderstehlich lockenden Verheissung zu tun, die uns rastlosen Modernen aus jedem weise und befreit lĂ€chelnden Buddhagesicht entgegentritt - dem Kardinalsymbol des Morgenlandes. Hier wird eine tiefe Sehnsucht des Menschen zu allen Zeiten und besonders in unserer jetzigen angesprochen. Auf dem Cover jener Spiegel-Nummer strahlte ein goldenes, im stillen GlĂŒck lĂ€chelndes Buddhahaupt, in dessen erleuchtetes Inneres die Menschen hineinströmen.

Das Resultat war zu erwarten: Bereits nach wenigen Tagen hiess es an den Kiosken, man sei "leider ausverkauft". Andererseits mag es genau das Kardinalsymbol des Abendlandes - der ans Kreuz geschlagene Christus - sein, mit dem das Unbehagen vieler auf einen Punkt gebracht wird. Das Kreuz steht dogmatisch fĂŒr die "SĂŒndenerlösung" der Menschheit (wobei "Erlösung" hier nicht als konkrete Befreiung von den Leiden der Existenz wie im Buddhismus verstanden wird). Aber das sinnfĂ€llige Bild legt noch eine Reihe von weiteren Dingen nahe: Den menschlichen "SĂŒndenfall", der letztlich hinter der Kreuzigung steht; BestĂ€tigung der tiefen Schuld; die Anklage der Juden als "Gottesmörder"; die Glorifizierung von Leiden, weil die Menschheit durch das Martyrium Christi erlöst worden sei; sowie das Ausgeliefertsein der Menschheit an die Gnade eines ĂŒbermĂ€chtigen Vatergottes. NĂŒchtern betrachtet stehen sich hier zwei grundverschiedene Menschen- und Weltbilder gegenĂŒber: "ErbsĂŒnde" und "Jammertal" contra "Buddha-Natur" des Menschen und "Buddha-Land".

Die kritischen Heutigen, die ihr Leben in die eigene Hand nehmen und auf ihre unabhĂ€ngige Kraft vertrauen, scheinen sich immer deutlicher fĂŒr den Buddha zu entscheiden. Dessen vielzitierte Abschiedsworte lauteten: "Seid Euch selbst ein fĂŒhrendes Licht und eine Zuflucht, nehmt den Weg als Zuflucht, nehmt keine andere Zuflucht."

Es gibt eine sehr machtvolle abendlĂ€ndische und speziell deutsche Denkströmung, die - ausgehend von der Sprachverwandtschaft zwischen den indischen und den europĂ€ischen Sprachen - die geistigen Wurzeln Europas in SĂŒdasien lokalisiert hat. HauptaufklĂ€rer und Philosoph Voltaire, Poet Novalis, die GebrĂŒder Schlegel (unter anderem die BegrĂŒnder der deutschen Indologie), Musiker Wagner, die Philosophen Hegel, Schelling, Schopenhauer und Nietzsche, Malgenie Van Gogh, der PhysikrevolutionĂ€r Einstein und viele andere waren begeisterte, manchmal romantisch verklĂ€rende Bewunderer Asiens - der hinduistischen und buddhistischen Einheitssicht aller Dinge. (Schophenhauer etwa sah sich in seiner Philosophie durch den Buddhismus vollkommen bestĂ€tigt. Einstein erachtete bloss den Buddhismus als vereinbar mit moderner Wissenschaft.)

Sie wandelten sich alle gegen die Kirche, gegen einen bestimmten Grund-Dualismus, Rationalismus und Materialismus. Diese Denkströmung, die vor allem mit der Romantik begann, hat immer wieder FaszinationsausbrĂŒche an allem Indischen hervorgebracht - zuletzt in der amerikanischen Beat-Generation der 50er (Kerouac, Ginsberg, Snyder), der Hippie-Ära, der Zeit der Beatles und Teilen der 68er-Protestbewegung. Erstmals und in tieferer Form beginnt das Asieninteresse heute die westliche Hauptgesellschaft zu erfassen, wieder mit den USA als Impulsgeber.

In den Vereinigten Staaten (hĂ€ufig fĂŒr den Westen in einer Vorreiterrolle) erfasst die Entscheidung fĂŒr den Buddha immer weitere Kreise. 1988 gab es dort 429 buddhistische Lehrzentren, 1997 waren es dann 1062. 1994 existierten alleine in der hypermodernen Grossstadt Seattle 53 buddhistische Tempel und Zentren. Im Oktober 1997 hat die US-Ausgabe des Time-Magazine dem Thema "America"s fascination with Buddhism" eine lange Titelstory gewidmet. Es ist bereits relativ bekannt, dass sich Stars wie Richard Gere, Sharon Stone, Brad Pitt, Madonna oder Regisseur Oliver Stone fĂŒr den Buddhismus interessieren. Und dabei ist es hĂ€ufig nicht gerecht, dieses Interesse als Selbstvermarktung abzutun. Richard Gere etwa (ĂŒberzeugter Buddhist seit "Beat"-Zeiten und in anspruchsvollen Fachinterviews zu seinem LehrverstĂ€ndnis befragt) wurde vom Dalai Lama aufgefordert, sich als Buddhist zu outen und fĂŒr die unterdrĂŒckten Tibeter einzusetzen. Aber andere Tatsachen sind in Europa nahezu unbekannt, die jedoch viel besser verdeutlichen, welche Dynamik hier bereits im vollen Gange ist:

Der Wissenschaftsredakteur der New York Times, Daniel Goleman, dessen Buch "Emotionale Intelligenz" auf westlichen Bestsellerlisten lange oben stand, ist seit 30 Jahren Praktizierender der buddhistischen Achtsamkeitsmeditation "Vipassana" (Pali fĂŒr "Höheres Sehen"). Er gebraucht Achtsamkeit als Synonym fĂŒr Emotionale Intelligenz: ",Erkenne dich selbst' spricht diesen Grundpfeiler der Emotionalen Intelligenz an, sich der eigenen GefĂŒhle in dem Augenblick, da sie auftreten, bewusst zu werden." Eine Forschungsarbeit (Gil Fronsdal, Stanford) betrachtet sein Werk als "verdeckte Form der EinfĂŒhrung der Vipassana-Praxis in die amerikanische Gesellschaft". Gleiches wird dort vom amerikanischen Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn festgestellt, ebenfalls vielbeachteter Bestsellerautor.


Erziehung fĂŒr Stummelschwanzhunde

Kabat-Zinns achtwöchiges komplementĂ€rmedizinisches Behandlungsprogramm (wörtlich: "Stressreduktion durch Achtsamkeit") wurde im FrĂŒhjahr 1997 von 150 amerikanischen Kliniken, Stadtteilinstituten, GefĂ€ngnissen und auch schon Schulen angewandt. Im November desselben Jahres lautete die Zahl 240 (Anm. zu 2002: rund 300). Das Programm fasst auch gerade in Deutschland Fuss, wohin Kabat-Zinn im Juni erstmals gekommen ist. Solche "westlichen" Buddhisten tragen buddhistische Haltungen und Ziele ĂŒber die Insiderkreise mit ihren Jargons, Ritualen und Praktiken hinaus, mitten hinein in den Hauptstrom der Gesellschaft.

Mit großer Macht beginnt im ganzen Westen eine Hinwendung zum "Kontemplativen", die dem lange unbeantworteten BedĂŒrfnis nach Sinn, Verbundenheit und innerer ErfĂŒllung entspricht (wobei sich hier die hochkomplexe Frage stellt, warum es so lange unbeantwortet blieb). Wer kennt es nicht in sich: jenes subtile, mĂ€chtige Unbehagen an der Kultur, dem fortschrittsglĂ€ubigen Erziehungs-, Wirtschafts-, und Wissenschaftssystem, das auf alles "schlĂŒssige" Antworten hat, aber die innere Unruhe, die Sinnsuche, das Verstehenwollen des Lebens nicht beantwortet. HĂ€ufig wundern sich engagierte buddhistische Meister Asiens ĂŒber das moderne westliche Bildungs- und Denksystem: Die Studenten wĂŒrden zwar lernen, in bestimmten Fachgebieten besser als andere zu werden, aber sie wĂŒrden nichts ĂŒber Weisheit lernen, wie man den Geist verstehen, Frieden finden und erfĂŒllt leben könne (Sulak Sivaraksa). Der einflussreichste Meister Thailands, Ajahn Buddhadasa spricht gar von einer "Erziehung fĂŒr Stummelschwanzhunde": "Es scheint kaum jemanden zu stören, dass Studenten nichts ĂŒber Ethik und den inneren Weg lernen, obwohl dies fĂŒr die Menschwerdung unverzichtbar ist."

Vielleicht gibt dieser unverblĂŒmte asiatische Blick eine Antwort auf die drĂ€ngende Frage, warum etwa die Gewalt unter Jugendlichen an den Schulen immer stĂ€rker zunimmt. Der Mensch möchte (im buddhistischen Sinne) zum vollstĂ€ndigen Menschen werden. Wenn er dabei von den Institutionen behindert wird, entsteht Gewalt - als ohnmĂ€chtiger Protest. In allen buddhistischen Traditionen gilt als die Essenz des Weges zur Freiheit die Entwicklung von ethischer Motivation, geistiger Ruhe und intuitivem Wissen, der Inhalt der ersten und berĂŒhmtesten Rede des Buddha. Eben diese drei "inneren" QualitĂ€ten sind im westlichen Bildungs- und Denksystem kaum je Thema. So kann es nicht verwundern, dass sich AbendlĂ€nder in schnell wachsender Zahl fĂŒr den Buddhismus interessieren.

Hinzu kommen ĂŒberzeugende persönliche EindrĂŒcke:

Wer hat nicht schon einen insgeheimen Vergleich zwischen manchen kirchlichen Oberhirten und dem tief mitfĂŒhlenden, undogmatischen und herzensglĂŒcklichen Dalai Lama oder anderen buddhistischen Lehrenden gezogen? Welcher Reisende durch ein buddhistisches Land ist nicht positiv angetan, von jener dort auch heute noch weitverbreiteten Gelassenheit, Lebensfreude und Verehrung fĂŒr das Spirituelle im Menschen? Welcher Gebildete kommt nicht ins Überlegen, angesichts des Unterschiedes zwischen der friedfertigen Geschichte des Buddhismus (in dessen Namen kein Krieg gefĂŒhrt worden ist, der sich nicht mit Gewalt ĂŒber ganz Asien verbreitet hat) und der gewaltvollen und antisemitischen Geschichte des Kirchenchristentums, mit dessem tief verankerten Alleingeltungsanspruch? Bei wem regt sich nicht die Frage, ob das immer mehr, besser, schneller und angenehmer auf allen Gebieten fĂŒr Geist, Körper und Umwelt wirklich gut ist?

Nichtsdestoweniger existiert auch ein grosser Widerstand gegen das BemĂŒhen um eine kontemplativere Orientierung in der Gesellschaft und deren Institutionen. Der Antrag der "Deutschen Buddhistischen Union", des Dachverbandes der deutschen Buddhisten, auf Anerkennung des Buddhismus als Religionsgemeinschaft in Deutschland ist bereits einmal abgelehnt worden. Eine der HauptbegrĂŒndungen, die fĂŒr die Ablehnung kam, lautete: "Dem Buddhismus fehlen die hierarchischen Strukturen, die ihn als kirchenĂ€hnlich ausweisen könnten".

 

Glossar zum Buddhismus (in den genannten Zeitungen teils kĂŒrzer)


Bodhisattva: Das große Ideal des Mahayana, ein angehender Buddha, der immer stĂ€rker aus dem MitgefĂŒhl heraus fĂŒhlt, denkt und handelt. Im "Großen MitgefĂŒhl" (Mahakaruna) wird die innere Einheit von Selbst und anderen restlos verstanden. Wenn die dualistische Wahrnehmung der Welt ĂŒberwunden ist, werden alle Taten des Bodhisattva zur Ursache der "Erleuchtung" (im Mahayana ein unbegrenzt hilfsfĂ€higer Zustand). Der Bodhisattva strebt nach einer Befreiung fĂŒr alle. Diese selbstlose Haltung ist der "Erleuchtungsgeist" (Bodhicitta). Konkret heißt dies die Entfaltung der sechs "Vollkommenheiten": Freies Geben, Ethische Motivation, Geduld, Energie, Sich-Versenken und Weisheit. Der Vater des Bodhisattva-Ideals Shantideva (8. Jh., Indien) hat einen Schwerpunkt seines Hauptwerkes auf die innere Praxis der "Gleichheit und Austauschung von Selbst und anderen" gelegt.

Karma: Wörtlich "Tun, Sich-Auswirken", der Zusammenhang zwischen der inneren QualitĂ€t einer Handlung und ihren kurz- oder langfristigen Resultaten. Die innere QualitĂ€t einer Handlung bemisst sich alleine an der Absicht. Der Buddha: "Die Absicht bezeichne ich als Karma." Der Maßstab fĂŒr eine heilsame oder unheilsame Absicht ist, ob (bei anderen und einem selbst) GlĂŒck oder Leid bewirkt wird. Die Kategorien "gut" und "schlecht" sind hier nicht gebrĂ€uchlich. Dieses ursprĂŒngliche KarmaverstĂ€ndnis umfasst nicht Tatergebnisse oder das Schicksal, im Unterschied zu Rudof Steiners Anthroposophie und Helena Blavatskys Theosophie, die unsere westlichen Assoziationen zu "Karma" vor allem geprĂ€gt haben. "Innerer Zwang" bzw. nachteiliges Karma zieht notwendig Angst, Depression und Leid nach sich.

Mahayana: Das "Große Fahrzeug", das möglichst viele zur Befreiung fĂŒhren will, der Weg des Bodhisattva, der sich diesem Ziel aus Großem MitgefĂŒhl verschreibt. Das Mahayana ist in Nordindien zwischen dem ersten und elften Jahrhundert entstanden. Von ihrem Entstehungsland ist diese Form des Buddhismus nach China, Tibet, in manche Gebiete Russlands, die Mongolei, Korea, Japan und Vietnam gekommen, wo sie in Verschmelzung mit den einheimischen Kulturen vor allem zum tibetischen Buddhismus, dem Fahrzeug des Tantra, dem Zen, der Lehre Nichirens und dem Amidismus (Verehrung des Buddha Amitabha "Unendliches Licht") geworden ist. Die weitestreichende Denkschule des Mahayana ist der "Mittlere Weg" des Nagarjuna (zweites bis drittes Jahrhundert, Indien), mit der Lehre vom "AbhĂ€ngigen Entstehen" bzw. der Leerheit aller PhĂ€nomene. Auch "Die Schule, die das Wahrnehmen lehrt" ist einflussreich. Sie lehrt, dass es keine Ă€ußeren Objekte außerhalb des allein real existenten Wahrnehmens gĂ€be.

Nirvana: Wörtlich "Verlöschen" des peinvollen inneren Feuers "Durst und Ergreifen". Der Brennstoff dieses inneren Feuers ist das "Unwissen" (Avidya), dies heißt das Begreifen aller Dinge als das "Ich", das "Mein" oder ein getrenntes "Selbst". Der Weg zum Nirvana ist die Entfaltung von Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe und Intuitivem Wissen. Die Hauptrolle dabei spielt das achtsame Aufnehmen von allem inneren und allem Ă€ußeren Geschehen. Das Nirvana ist weder ein Nichts noch ein Etwas: "Kein Maß ermisst den Menschen, der zur Stille findet." Mit dem geistigen Eintreten des Nirvana kommt der Daseinskreislauf zu Ende.

Reinkarnationen: Durch bewussten Entschluss oder gezielt Wiedergeborene ("Rinpoches", wie der Dalai Lama und andere hohe Lamas), die von den frĂŒheren GefĂ€hrten aufgefunden werden. Der Grund fĂŒr ihre Wiederkehr sei MitgefĂŒhl, um anderen auf dem Weg zu helfen. Rinpoches existieren alleine im tibetischen Buddhismus (in Tibet, Ladakh, Mongolei, Nepal, Sikkim und Bhutan), nicht jedoch im Theravada (SĂŒdostasien) und Zen (Fernost). Auch in Tibet gab es in den ersten Jahrhunderten des Buddhismus keine reinkarnierten Lamas, erst als der tibetische Buddhismus staatstragend wurde.

Theravada: Die "Lehre der Ältesten", der FrĂŒhbuddhismus, der heute in Burma, Thailand, Kambodscha, Laos und Sri Lanka maßgeblich ist. Die Textgrundlage der Schule ist der Pali-Kanon, mit den Ă€ltesten vollstĂ€ndig ĂŒberlieferten Redensammlungen des Buddha (sechstes bis fĂŒnftes Jahrhundert vor Christus, Indien). Dessen Lehre ist kein geschlossenes theoretisches und praktisches "System". Die Indologie betrachtet den Urbuddhismus als "Erlösungspragmatismus", weil der Buddha konsequent lediglich das lehrte, was im kurzen Leben der Befreiung vom Leiden dient: "Nur eines lehre ich, jetzt wie frĂŒher - das Leiden und das Ende des Leidens." An anderer Stelle nennt der Erwachte diese gezielte Lehre, in deren Zentrum die Entwicklung der Sehenden bzw. "Trefflichen Achtsamkeit" steht, auch "eine Handvoll BlĂ€tter" im Vergleich zu den zahllosen BlĂ€ttern des Waldes.

Diese Handvoll kann jeder verstehen und meistern. Die pragmatische Befreiungslehre des Erwachten heißt unter seinen AnhĂ€ngern meist bloß der "Dharma" ("Das, was trĂ€gt" oder "hĂ€lt"), nicht das kohĂ€rente System "Buddhismus", das ein Begriff der westlichen Wissenschaft ist. Der Buddha bezeichnete sich als "Spirituellen Freund", nicht als "Guru".

Innerer Zwang: "Was peinigt, umklammert". Die Sanskrit-Verbwurzel "shlish" ist mit englisch "slime" (mit Schleim ĂŒberziehen) und deutsch "Schlick", "Schleim(en)" und der "Schnecke" mit ihrer Schleimspur verwandt. Ein Klesha (in Pali: kilesa) ist eine Art blendender, schwĂ€chender Fremdkörper im Organismus, wie Gier, Hass, Verwirrung, Neid, Eifersucht, Stolz, EigendĂŒnkel, TrĂ€gheit und GleichgĂŒltigkeit. In der buddhistischen Psychologie sind die Inneren ZwĂ€nge Ausdruck der drei Leidenswurzeln "Unwissen" (die Sicht aller Dinge als das "Ich", das "Mein" oder ein getrenntes "Selbst"), "Durst und Ergreifen". Die "unheilsamen Tatpfade" (Töten, Stehlen, Sexuelles Fehlverhalten bzw. SexualitĂ€t, die fĂŒr irgendeinen Beteiligten klares Leiden bedeutet, LĂŒgen, ZwischentrĂ€gerei, GeschwĂ€tz und Hassrede) wiederum gelten als Ausdruck der Inneren ZwĂ€nge. Dieses ganze Leidens- und AngstgebĂ€ude bricht also mit dem Unwissen in sich zusammen.

Vipassana: Wörtlich "Höheres Sehen, "Inneres Verstehen", die einflussreichste Praxis des frĂŒhen Buddhismus oder Theravada. Das höhere, vom Leiden befreiende Sehen ist das Ziel des Vipassana in all seinen AnsĂ€tzen (alleine in Burma 24), bei denen es stets um die systematische oder bewusste Entwicklung der Sehenden bzw. "Trefflichen Achtsamkeit" (Sati) geht. Das Pali-Wort "Sati" hat gleichzeitig die Bedeutung von Achtsamkeit und Er-Innerung - eben an all das, was gerade im Moment stattfindet oder getan wird (= Bewusstheit). SĂ€mtliche Vipassana-AnsĂ€tze (die bekanntesten sind das Körperhineinkommen, das Benennen und die Natur-Methode) beruhen auf den Meditationsreden des historischen Buddha im Pali-Kanon. "Meditation" ist die systematische EinĂŒbung der "Trefflichen Achtsamkeit".

Wiedergeburt: Das Wiedergeborenwerden und Sterben in leid- oder glĂŒckvollen "diesseitigen" BewusstseinsqualitĂ€ten oder "jenseitigen" Existenzformen (leidvoll: Höllen, Hungrige Geister, Tiere; glĂŒckvoll: Menschen, Titanen, Götter), je nach Karma. FĂŒr das jetzige Leben bedeutet dieser pein- und angstvolle "Daseinskreislauf" (Samsara) das "Hineingeborenwerden" in und "Sterben" von Situationen, durch Unwissen, Durst bzw. Ergreifen des "Ich" und "Mein", laut Buddha die drei Hauptursachen des Leidens in der Welt. Auch manche asiatische Meister betonen: "Wenn der Geist im Feuer des Hasses steht, ist man vom menschlichen Zustand herabgefallen und im Höllenbereich wiedergeboren", so Ajahn Chah. Analog wird man bei Gier zum "Hungrigen Geist", bei Triebbestimmtheit und Ignoranz zum "Tier", bei Machtlust und Neid zum "Titanen", bei Sinnesrausch und EigendĂŒnkel zum "Gott". Bei Ethischer Motivation, Geistiger Ruhe und Intuitivem Wissen wird man zum Menschen, nicht der glĂŒckvollste, aber der kostbarste Existenzbereich, weil nur hier die endgĂŒltige Befreiung möglich ist. Durch wachsende Bewusstheit kann der Daseinskreislauf beendet werden.

 

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