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Erinnerungen an Dr. Dahlke  Von M.(argarete) L.(au)

 

  1. Erinnerungen an Dr. Dahlke Von M. L.
  2. 1. Fortsetzung
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  4. 3. Fortsetzung
  5. 4. Fortsetzung
  6. 5. Fortsetzung
  7. 6. Fortsetzung
  8. 7. Fortsetzung
  9. 8. Fortsetzung
  10. 9. Fortsetzung
  11. 10. Fortsetzung
  12. 11. Fortsetzung

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.


       Aus den Jahren, in denen ich das hohe Glück hatte, mit unserm Lehrer Dr. Dahlke persönlich zusammen sein zu dürfen, kommen mir wieder und wieder Erinnerungen von seltener Klarheit und Treue. Und ich glaube, daß es den Verehrern seiner Persönlichkeit eine willkommene Gabe sein wird, von ihm hie und da zu erfahren, über ihn sprechen zu hören, Geschriebenes zu lesen. Die Schwierigkeit meines Unterfangens liegt mir nur darin, daß es ja nicht möglich ist für einen kleineren Geist, einen größeren zu begreifen und ihn getreu nachzuzeichnen. Ich kann nicht Dr. Dahlke schildern, seine Worte wiederholen, sondern nur das wiedergeben, was ich aufgenommen, verstanden, erfaßt, begriffen habe von seiner Belehrung. Auch kann ich nicht beurteilen, ob und wieweit meine eigenen Anlagen mir das Empfangene gefärbt, um nicht zu sagen verfärbt haben. Unehrlich, wer mehr geben wollte, als er hat! So sage ich: das Folgende kann und soll nicht eine Persönlichkeits- oder Tatsachenschilderung sein, sondern nur meine Erinnerung an unsern Lehrer. Wenn es mir aber gelingen sollte, auch nur ein wenig von der Gewaltigkeit des Eindruckes wiederzugeben, den dieser jeder Gewalt und Beeinflussung abholde Geist allein durch seine stille Tiefe mir immer wieder gemacht hat, wenn es mir nur ein wenig gelingen sollte, weiter zu säen, was er an übermenschlichem Reichtum mir einzupflanzen sich bemüht hat, dann werde ich mich reich belohnt fühlen. Das Kostbarste, was Mensch von Mensch empfangen kann, ist Belehrung. Aber kein Schüler kann in Dankbarkeit einen Wert zurückgeben, wie er ihn empfangen hat. — Mag das goldene Rad der Lehre weiter rollen, hinüber auf kommende Geschlechter. Das ist der einzig mögliche Dank.

       Und noch eines treibt mich: Als Herr Dr. Dahlke im Jahre 1918 seine Neu-Buddhistische Zeitschrift gerade gegründet hatte, war ich bei ihm in der Prinz-Regenten-Straße einige Zeit täglicher Gast. Seine Gesundheit war damals sehr zart. Es schien mir, daß er häufig an sein Sterben dachte. Er sprach öfter darüber, so eines Morgens: „Wer soll die Zeitschrift weiterführen, wenn ich es nicht mehr kann? — Wir müssen hier wiederkommen, bedenken Sie das! “Er meinte, daß er in nächster Geburt den Buddhismus leichter wiederfinden möchte, wie es bisher auf der Erde möglich gewesen ist. Denn allein eine Eingeburt und ein Lebenslauf in weniger günstigen pekuniären Verhältnissen könnte, wie die Zustände heute noch sind, einem Sucher die Lehre sein ganzes Leben hindurch unbekannt bleiben lassen. So arbeitete Dr. Dahlke auch für seine eigene Wiedergeburt an der Verbreitung der Lehre.

       Diese Erinnerungen an ihn, die im wesentlichen aus Belehrungen über den Buddhismus bestehen, so wie ich sie aus seinem Munde empfangen habe, mögen als Erfüllung nicht nur meiner Dankespflicht, sondern auch als ein Beitrag zur Erfüllung seines so begründeten Wunsches nach dem Zeichen der Veröffentlichung der Lehre gelten.

 

*


Am frühen Nachmittag des 13. Januar 1914 kam ich in Goslar an und nahm in der Pension Kloster Frankenberg vor der Frankenberger Kirche Wohnung. Mir wurde ein kleines Zimmer mit sehr einfachen Möbeln dicht unter dem Dach — es war etwas schief — zugewiesen. Seine Fenster führten nach dem Süden mit der Aussicht auf den beschneiten Rammelsberg. Die Sonne stand strahlend am Himmel, die Natur war dicht verschneit, wir mochten etwa 10“ Reaumur haben.

       Als ich mich abends an die Gasttafel im großen Saal setzte, musterte ich die nicht sehr zahlreiche Besetzung tafelauf, tafelab. Ich saß etwa in der Mitte der einen langen Seite. Nach links nur Damen, fast ausnahmslos zwischen 5o und 70 Jahren, neben mir rechts ein junges Frauchen, dann folgte ein alter Herr, ein Dauergast des Hauses, der mit einem jungen Mann schräg gegenüber die einzige Unterhaltung am ganzen Tisch führte. Allgemein hörte man diesen beiden Herren schweigend zu. Der Jüngere führte. „Wie groß sind Sie? Wie schwer? Wie alt? Wann haben Sie Geburtstag usw.“ Er verglich diese Zahlen mit denen seiner eigenen Persönlichkeit und freute sich über zufällige Ähnlichkeiten so sichtbar und kindlich, daß die Umsitzenden leise und verstohlen lächelten. Noch weiter rechts gegenüber saß ein kleiner alter Herr, der dies Gespräch nicht zu hören schien, unentwegt auf seinen Teller sah und aß. Dann folgte das Hauspersonal. Der alte Herr, der nicht mit lächelte, wenn wir alle lächelten, fiel mir an jenem Abend auf. Er hatte ein eigenes Gesicht. Und ich dachte, es ist der einzige interessante Mensch am Tisch, mit dem ich wohl bekannt werden möchte. Er wird aber, wie bedeutende Menschen allgemein, den Verkehr mit jungen und unbedeutenden geflissentlich zu meiden wissen.

       Mit der jungen Frau R., meiner Nachbarin, wurde ich schnell bekannt. Sie war freundlich, heiter, lebhaft und hatte ein reges Interesse an ihrer und jetzt auch meiner Umgebung, nannte mir die Namen, die ich bei der Vorstellung nicht verstanden hatte, gab mir eine kurze Übersicht über die Gäste, ging mit mir spazieren, ihren kleinen Rodelschlitten hinter sich herschleifend, zeigte mir schöne Wege und Ausblicke und war fast der einzige Mensch, mit dem ich sprach. Ich unterließ dann auch nicht, mich bei ihr nach dem stillen alten Herrn an der Tafel zu erkundigen. Sie nannte mir seinen Namen, den ich mehrmals wieder vergaß und wieder erfragte. „Dahlke heißt er und Arzt ist er — und er ist Buddhist, “sagte sie mir auf einem solchen Spaziergang. Das ließ mich stutzen. mancherlei Fragen tauchten mir auf, und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ohne mich im geringsten um den fremden Herrn selber zu kümmern, sprach ich von dem, was ich dachte, zu Frau R. Wie kann ein Europäer die christliche Religion und die westliche Kultur beiseiteschieben und die buddhistische aufnehmen! Was ist Buddhismus? Ich hatte in einem Reclamheftchen von Rhys Davids einmal etwas mir Unverständliches gelesen, wußte, daß die echten Buddhisten Mönche waren und mit dem einseitigen Grundsatz, daß alles Leben Leiden sei, sich jede Freude vergällten. Wie war ein Europäer dazu gekommen? Wie stellte er sich zu dem Vorwurf der Einseitigkeit und des Pessimismusses? Natürlich war er Mönch, wenigstens von Überzeugung, und man tat einzig richtig, wenn man ihm aus dem Wege ging, so weit wie möglich, und ihm die gewünschte Einsamkeit ließ. Welche Bücher hatte er gelesen, die ihn bekehrt hatten? Solches äußerte ich Frau R. gegenüber, und sie war so interessiert wie ich und meinte und urteilte über den Buddhismus wie ich und stand stutzend vor seinen Widersinnigkeiten wie ich. Nur in einem Punkt wich sie von mir ab. Sie meinte ganz skrupellos, man sollte Herrn Dr. Dahlke danach fragen. Und ich bearbeitete sie mit meiner Überzeugung, daß man das nicht dürfe, bis sie schwieg.

       Zu meinem Entsetzen kam die Fragelust aber wieder über sie, an einem Abend gerade nach dem Abendessen, als die Tischgesellschaft sich in die gemeinsamen Wohnräume verteilte. Ohne mir von ihrem Vorhaben zu sagen, forderte sie mich auf, ihr zu folgen, lief schnell in das Rauchzimmer und stellte Herrn Dr. Dahlke dort frisch, frei und unverblümt mit der Frage: „Wir haben gehört, Sie sind Buddhist, und wir interessieren uns dafür und bitten Sie, uns etwas darüber zu erzählen!“ So! Mit dem „wir“ hatte sie mich auch mit eingeschlossen, stellte mich Herrn Doktor vor, und ich war mitgefangen. Ich hatte das nicht gewollt, es war mir sehr peinlich. Aber ich konnte dies nicht sagen, ohne sie bloßzustellen. Ich hatte das Gefühl, als würde mir das Fell über die Ohren gezogen. Nun die Sache einmal so weit war, mußte ich sie mitmachen. Ich fühlte nur noch dunkel: Jetzt oder nie! und dann doch lieber: Jetzt! Wir setzten uns an einen Tisch. Herr Dr. Dahlke ließ sich durch nichts merken, daß er unangenehm berührt sei, und fragte uns, was wir von Buddhismus wüßten, was wir gelesen hätten usw.

       Hier erhielt ich den ersten Eindruck von seiner Persönlichkeit. Klein und zierlich von Gestalt, mit einem hageren, faltigen Gesicht, einer matten Stimme, tief in großen Höhlen liegenden, doch weit offenen, ruhevollen Augen, mochte er dem oberflächlich Betrachtenden als ein Mann von über 60 Jahren erscheinen. Seine Haltung und die Sicherheit seiner Bewegungen verrieten indessen Kraft und Gelenkigkeit, wie sie nur jüngeren Menschen eigen ist. Wenn ich jetzt nachrechne, muß er damals etwa 48 Jahre alt gewesen sein. Nur hatten Krankheit und die Strapazen der Tropenreisen ihn sehr mitgenommen. Außerdem zeichneten seine Bewegungen sich von denen anderer Menschen durch eine merkwürdige, nie zuvor und nie nachher bei sonst irgendjemandem von mir bemerkte Ruhe und so einfache und unendliche Würde aus. So einfach und ruhig ist nur letzter wahrer Friede, so ohne jede Pose nur letzte, innerste Aufrichtigkeit. So gerade und ruhig sah ich ihn später schreiben und lesen, sprechen und schweigen, noch oft, noch oft! Und ich habe nie aufgehört, ihn auch darin zu bewundern.

(Fortsetzung folgt.)


Des eigenen Denkens Reinigung,

Das ist’s, was jeder Buddha lehrt.

Dhammapada 183

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(1. Fortsetzung.)


       Als auf die Frage nach unserer Literatur über das Thema : nichts Wesentliches zutage kam — ich hatte den Namen Rhys Davids nicht im Gedächtnis — fragte Herr Doktor, was wir unter Religion verständen. „Den Glauben an Gott“, antwortete Frau R. Da ich aber buddhistisch vorgebildet' war und wußte, - daß die buddhistische Religion keinen Götterkult pflegt und doch als Religion angesprochen werden mußte — sie tritt ja an die Stelle der Religion bei anderen Menschen, gewährt religiöse Befriedigung, übt religiöse Funktionen aus —, so verneinte ich: Frau R.’s Antwort, konnte indessen nicht gleich etwas Treffendes dagegen setzen, so daß es Herrn Doktor schließlich selbst überlassen blieb, seine Frage zu beantworten, Und er belehrte uns darüber, indem er uns Religion als die Lehre von jenen Kräften aufzeigte, die als die Ursache für alles Dasein und Geschehen angesehen werden müßten. Die letzten Gründe, die tiefsten Ursachen des Daseins können nichts anderes sein als Kräfte, Jenen es seine Entstehung verdankt. Ich warf ein, daß es doch wohl gleichgültig wäre, ob man von Kräften oder einer Allkraft spreche, denn man könnte die Summe aller Kräfte doch schließlich auf eine Kraft zurückführen. „Dann denken Sie pantheistisch“, warf Herr Doktor ein. Ich gab das zu und erklärte, nach meiner Überzeugung sei Jesus Pantheist gewesen. „Dann glauben Sie sich also nicht erlöst durch Jesu Tod am Kreuz?“ — Ich: „Nein, ich glaube nur, daß Jesus in seinem Kreuzestod die Konsequenz seiner Lehren gezogen hat, da er nicht widerrief, was er doch hätte tun können, um diesem Tode zu entgehen. Auch daß Gott Jesu Tod am Kreuz gewollt hat und sich erst dadurch der Welt wieder zugeneigt, glaube ich nicht. Allein an Jesu Lehre halte ich mich“, Dr. Dahlke stritt nicht ganz ab, was ich sagte, schränkte es nur dahin ein, daß er meinte: „Wenn Jesus länger gelebt hätte, wäre er vermutlich Pantheist geworden“, so schiene es ihm, Aber die Summe aller Kräfte als Krafteinheit ansprechen zu dürfen, gab er nicht zu.
       Die Wirklichkeit biete dazu keinen Anlaß. „Das, was wir erkennen, sind nur einzelne Kräfte, wir haben kein Recht, sie als Allkraft anzusprechen. Das geht über unser Erlebnis hinaus und kann nur geglaubt werden. Was ein jeder in sich selber erlebt, das ist lediglich seine eigene, individuelle Inkraft, seine Daseinskraft, die er darstellt, durch die er entsteht und besteht, die er erlebt in seinem Bewußtsein, — die keine Seele ist. Sie unterscheidet sich von einer Seele dadurch, daß sie nicht ewig ist. Kraft kann nur da sein als immer wieder neu aufspringendes Werden, wohingegen der Mensch sich unter einer Seele etwas Unveränderliches, Ewiges, ein absolutes Sein vorstellt, aber das gibt es nicht, es gibt nur werdende, individuelle Ichkräfte, keine seiende Seele“. Mit dem Seele-Begriff stand ich damals schon lange auf Kriegsfuß. Er war mir immer als das Unnatürliche, das unheimliche Dogma der Kirche erschienen, mit dem sie die Menschen und ihr gesundes Denken in Bande schlägt. Er war mir der Rest alten Aberglaubens in der Lehre der Liebe. Von Kraft anstatt Seele zu sprechen war mir daher durchaus zusagend und ich gab Herrn Doktor gern recht, wenn er einfach sagte: es gibt keine Seelen, sondern nur Kräfte. Aber die Folgerungen, die der Buddhist hieraus zog, waren wieder neu und entschieden ungeheuer viel weittragender als wir uns je klargemacht hatten.
       Wenn Kraft nicht ewig da ist, sondern nur da sein kann als Werdendes, dann muß sie sich unterbrechungslos erneuern. Ich besinne mich noch deutlich, wie Herr Doktor sagte: „Man kann
nicht zweimal aus derselben Kraft ‚Ich‘ sagen — ‚Ich‘ — ‚Ich‘ — es ist immer neue Kraft, die dabei gebraucht wird, mit jedem Wirken vergeht Kraft und muß neu werden, entstehen. Der Buddha vergleicht die wirkende Kraft mit einer Flamme in der „Feuerpredigt“, der Bergpredigt des Buddhismus, Eine Flamme ist nicht, sie wird aus immer neuen Entzündungsmomenten, die fortwährend aufspringen und vergehen. Sie greift aus und holt sich ihre Nahrung heran, sie besteht nur auf Grund von Ernährung, sie ist nicht zwei Augenblicke hintereinander „die-selbe“; sie ist überhaupt nicht — sie brennt, Und so ist der Mensch nicht, sondern wird, brennt, lebt als Vorgang, als Prozeß, Ernährungsprozeß, d. h. auf Grund von Nahrungsaufnahme, ein Prozeß, dem kein letzter, innerster, unvergänglicher Kern, keine Seele, zu Grunde liegt. Er ist, wie die Flamme, durch und durch vergänglich“, „Die Flamme hat einen Anfang“, sagte ich — „und die Welt hat keinen Anfang, kann keinen haben“. — „Sie haben recht, der Vergleich hinkt,“ sagte Herr Doktor, und erst später erkannte ich, daß er mir dieses „recht“ nur auf Grund eines noch nicht möglichen vollen Verständnisses eingeräumt hatte. „Kraft hat keinen Anfang, sie wirkt von Anfanglosigkeit her immer neu, immer anders, immer wechselnd, veränderlich, vergänglich in jedem Moment. Und diese Veränderlichkeit erlebt ein jeder von uns in seinem eigenen Denken, in seinem Bewußtsein. Eine allgemeine Allkraft ist Glaubenssache, die individuelle, jedem einzigen Wesen eigene Inkraft braucht nicht geglaubt zu werden.
       Der Mensch erlebt sie selber als sein individuelles Denken, sein Bewußtsein. Nicht Glaube, — Denken ist Grund-wert alles Menschtums —“. Diese letzten Worte fielen tief in mich hinein, gleichsam als hätte ich lange dafür einen leeren Platz gehabt. Irgend etwas in mir paßte auf sie, war bereit für sie. — Doktor Dahlke fuhr fort: „Erkennt, erlebt der Mensch im Denken seine eigene Inkraft als vergänglich durch und durch, dann verliert mit dieser Erkenntnis das Dasein seinen Wert. Was vergänglich ist, hat keinen wirklichen Wert mehr, und ein Leben, das keinen Wert mehr hat, dessen wird man überdrüssig, es ist leidvoll, es ist Leiden. Auf Grund seiner Vergänglichkeit nennt der Buddha das Leben leidvoll. Wer die Vergänglichkeit alles Daseins erkennt, für den hat das Leben keinen Reiz mehr. Alle Ziele, alle Zwecke, alle Ideale verlieren ihren Wert.“ Daß alles vergänglich ist und keine Seele, sondern Kraft als Werdendes die Ursache des Lebens sein soll, dagegen konnten wir nichts einwenden; daß alles, was vergänglich ist, keinen Dauerwert haben kann — man verliert es ja doch immer wieder, oder es ändert sich uns unter den Händen —, das war einleuchtend. Hier also lag die Entgegnung auf den Vorwurf eines „einseitigen Pessimismus“, Das Leben ist wohl Freude und Leid, aber beide, Freude wie Leid, sind vergänglich, und somit wäre ja auch die Freude kein Gut von wirklichem Wert. Mir wurde auf einmal sehr ernst zu Sinn. Ich hatte schon oft erfahren, wie man des Genusses überdrüssig werden und Scham und Ekel darob empfinden kann. Glücklich macht nur der Zweck, glücklich macht der Hinblick auf ein Ziel, das Bewußtsein, im Dienste eines Fortschrittes zu leben, zu arbeiten. Glücklich macht die Zukunftshoffnung.
     „Zum Frieden kann der Mensch nur kommen durch Erkenntnis, durch Denken. Solange im Denken Widersprüche bestehen, ist Frieden nicht möglich“, belehrte Herr Doktor uns weiter. — Mir war wohl zur Erlangung inneren Friedens eine ernste Pflichterfüllung angepriesen worden, aber das Bewußtsein davon hatte auf mich niemals befriedigend gewirkt. Man kann den ganzen Tag mit Pflichten füllen, und doch am Abend friedlos sein; es hilft das alles gar nichts! Ich äußerte dies jetzt, und Herr Doktor war der erste Mensch, der solches verstand. „Sie haben recht“, sagte er, „erfüllte Pflicht gewährt keine Befriedigung.“ — Das hat er verstanden, das hat er also auch durchgemacht, er, der Arzt, in seinem Beruf, in seinem Leben, dachte ich.
       Was ist am Leben noch Wert? Was ist der Mensch wert, wenn er ganz und gar vergänglich ist! Daß der Mensch, daß ich insbesondere nicht Wert bin, das hatte ich schon oft empfunden, und ich hatte Menschendasein mit Menschentat zu rechtfertigen versucht in meinem Denken. Dies sagte ich Herrn Doktor, aber er schlug mich aus der Schanze. — „Welche Tat ist gut?“ — „Die dem guten Zweck dient“ — „Welchen Zweck gibt es, der nicht vergänglich wäre!“ — „Nein,“ warf Frau R. ein, „man muß das Gute rein um des Guten willen tun.“ — „Dann ist es ein Sport“, gab Herr Doktor zurück, „ein Ding, um seiner selbst willen getan, ist Spiel und Sport.“ Ich empfand diese Entgegnung wie einen Hieb, und er war wohlgezielt, Es war ein hartes, unerbittliches Wort, und ich dachte augenblicklich, standzuhalten in Wahrhaftigkeit und diesem Hieb nicht mit billiger Empörtheit auszuweichen.
       Es stimmte ja: Jede Sache nur um ihrer selbst willen getan — ist Sport. sie könnte ganz unterbleiben. Wer wird sich die Mühe nehmen, ernst und heiß zu ringen, wenn er keinen höheren Sinn und Zweck dabei verfolgt, als eben dieses Ringen? — Ich habe später versucht, dies schlagende Wort: „das Gute um des Guten willen zu tun gleicht Sport und Spiel“, anderen Menschen entgegenzuhalten bei geeigneter Gelegenheit. Aber ich habe niemanden damit getroffen, wie ich an jenem Abend getroffen worden bin. Man hat die Achseln gezuckt. Es ist eine merkwürdige Welt, in der wir leben.
       Herr Doktor verfolgte den angesponnenen Faden des ethischen Problems weiter: „Die wirkliche, wirkende Kraft verändert sich mit jedem Wirken selber immer mit. Ihre Tätigkeit ist eigenes Neuwerden. Von dem, was der Mensch tut, bleibt er selber nicht unberührt, er ändert sich mit seiner Tat, er wird selber zu dem, was er tut, Er sinkt und steigt mit seinem Tun, Nach außen hin mag eine Tat in ihren Wirkungen vieldeutig sein, unübersehbare Folgen haben; nach innen hin, zurück auf den Menschen, den Täter, wirkt sie eindeutig. Hier gibt es kein Entrinnen, man schafft sich selber seine Höhe mit seinem Tun. Lebensprozeß heißt: Das werden, was man tut; und das, was man geworden ist, tun, wie durch Wärme die Flamme entsteht und durch die Flamme neu die Wärme. Gurt wird der Mensch, der immer wieder gut handelt, und ein guter Mensch handelt gut. Gut handeln macht Güte, und Güte macht gutes Handeln. — Erben ihres eigenen Wirkens sind die Menschen ihrem Charakter nach bis über den Tod hinaus. Nicht „Seelenwanderung“, sondern Wiedergeburt nach den Taten lehrt der Buddha. „Man braucht dies gar nicht Buddhismus zu nennen, wenn man nicht will. Es ist die Lehre vom Wirken, von den wirkenden Kräften. Man kann sie einfach ‚Wirklichkeitslehre‘ nennen“, fuhr Herr Doktor nach einer Pause fort. So gingen die Reden längere Zeit hin und her. Einige Male hatten wir nicht recht folgen können und um Erklärung gebeten. „Ich habe einmal Nietzsche gelesen: ‚Also sprach Zarathustra‘,“ begann ich von neuem. „Das hat mich sehr aufgeregt.“ -- „Da sind sie auch gerade an den Rechten gekommen“, sagte Herr Doktor, und die Kühle seines Tones wirkte beruhigend.
       Heute, nach so vielen Jahren, vermag ich den mir damals unklaren Ausspruch wohl zu deuten: Nietzsche beruhigt nicht, er gibt keinen Frieden, er erlöst nicht, er ist selber ein Wanderer im Ungewissen, der eben nur das Leben anpreist, das der Denker als leer und schal ablegen möchte: Leid und Lust, Bosheit und Güte, Flachheit und Tiefe, Menschtum und Übermenschtum. Als ein Schweigen eintrat und alles so lautlos wurde im kleinen Raum, gedrückt von der Schwere eines Erkennens, dem man nichts entgegenhalten konnte, getroffen von dem Ernst in Doktor Dahlkes Persönlichkeit, kam mir unverhofft ein Bild: Bei diesem Mann geht zum letzten Mal die Sonne unter und kein neuer Morgen leuchtet ihm mehr, — Das Christentum in seiner lichten Morgenhoffnung, in seiner Liebe hätte ich ihm anbieten mögen, ihn wieder glücklich zu machen; aber ich hatte verstanden, daß er das nicht mehr mochte. — Und alles schwieg weiter. Es war spät geworden. Wir schieden mit Dankesworten, ernst — und innerlich doch so aufgeregt.
       Ich muß lange nicht eingeschlafen sein über den Gedanken an dies Gespräch. — Ich schlug mich immer wieder mit denselben Fragen herum, mit den Worten, die an jenem Abend gefallen waren, tagelang. Aber ich suchte kein zweites Gespräch mit Dr. Dahlke. Ich wollte ihn nicht belästigen in seiner Einsamkeit.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(2. Fortsetzung.)

 

       Am Morgen, beim Kaffeetisch, waren Dr. Dahlke und ich meist die ersten Gäste, alle anderen kamen bedeutend später. Fr saß schon dort, wenn ich kam, und ich setzte mich dann auf die gleiche Tischseite, ließ aber zwischen ihm und mir mehrere Stühle frei. So war die Unterhaltung nur schwer möglich und das Frühstück verlief auch schweigend. Einige Tage nach unserm Abendgespräch schob er mir eine gelbe dünne Broschüre hinüber: „Die Bedeutung des Buddhismus für unsere Zeit“, ein Heftchen, von ihm selber verfaßt. Ich dankte und legte es neben mich. Er drehte es um, so daß die Schrift auf dem Tischtuch lag, daß niemand, der noch kam, den Titel lesen konnte.
       Von da an las ich einige Tage hindurch das kleine Buch und fing es immer wieder von vorne an, wenn ich es gerade durch-gelesen hatte. Ich machte mir Bleistiftnotizen am Rande, wo ich es nicht verstanden hatte, die ich jetzt noch darin vorfinde. An einem der folgenden Morgen am Kaffeetisch fragte ich Herrn Doktor, was er unter dem „Sinn“ und dem „Zweck“ der Welt verstehe, von denen er in seinem Heft spreche. Nach meiner Meinung sei der Zweck nur ein von Menschen der Welt untergelegter Begriff. In Wirklichkeit habe die Welt keinen Zweck. Er bejahte unumwunden und erklärte, daß mit Sinn dasselbe gemeint sei wie mit Zweck. Auf mein Geständnis daß ich noch einiges nicht verstanden hatte in seinem Buch, lud er mich zu einem Morgenspaziergang ein, um diese Dinge zu besprechen. Es war ihm wie mir unangenehm, dies Thema etwa unter den Augen der Pensionsgäste weiter zu verhandeln, „Man tut gut, darüber mit niemandem zu sprechen,“ sagte er. Da fürchtete ich, es täte ihm leid, mit mir gesprochen zu haben, und ich wußte nicht, wie ich mich entschuldigen sollte, wegen der Anrede von Frau R. So sagte ich: „Wenn man aber gefragt wird, Herr Doktor.“ — „Dann muß man antworten,“ sagte er einfach. Wir verabredeten, uns um 9 Uhr im Vestibül zu treffen.
       Jetzt kam ein alter Superintendent an den Tisch, setzte sich Herrn Doktor gegenüber und begann mit Behaglichkeit von allerhand Vorgängen im evangelischen Verein und im Kepplerbund zu sprechen. Beide Vereinigungen sollten zusammengeworfen werden; er, der Superintendent, verspreche sich aber keine Bereicherung für ihre Ziele davon, weil zu beiden Vereinen ohnehin die gleichen Leute gehörten, der Zusammenschluß also keine Vergrößerung bedeute. Herr Doktor fragte, wie denn eine Vereinigung möglich sei, da doch der evangelische Verein christliche und der Kepplerbund naturwissenschaftliche Ziele verfolge, was sich doch nicht vereinigen lasse. — Ich hörte gespannt zu. Der alte Superintendent wurde plötzlich so erregt, daß seine Stimme zitterte und er antwortete: „Dann wollen wir doch lieber nicht weiterreden.“ „O, warum nicht?“ gab Herr Doktor zurück und sein Ton klang gemütlich. — Ich war so aufgeregt vor diesem Spaziergang, daß ich gegen meine sonstige Gewohnheit unpünktlich kam. Ich hatte nicht die Fassung, pünktlich hinunterzugehen, und ich entschuldigte mich nicht deswegen. Herr Doktor wartete schon. Wir gingen ins Wintertal, dem Herzberger Teich zu.
       Als ich das Heft aufschlug, fand ich erst auf der 17. Seite die erste Bleistiftnotiz, die mir wert erschien, sie Herrn Doktor mitzuteilen. Ich las die Textstelle: „. . . mit der Einsicht in die Anfangslosigkeit der Lebensprozesse schwindet jedes Ziel des Lebens. Es bleibt nur ein wirkliches Ziel: Das Aufhören, das Eingehen des anfangslosen Spiels“. — Und in all meiner Gequältheit sagte ich nun: „Man kann doch nicht, Herr Doktor!“ Er verstand alles, was ich damit meinte: daß der Tod kein Aufhören, nur Bühnenwechsel ist, und daß man von diesem Bühnenwechsel nicht los könne. Und nun begannen Herrn Doktors Belehrungen, einfach, klar, rückhaltlos, und doch so schwer für mich, diesen noch nie gehörten Gedanken zu folgen. „Ja, doch! — man kann aufhören. Alle Religionen, aller Glaube lehrt, daß eine Seele, ein Ewiges, Unvergängliches da ist, für das der Tod nur Bühnenwechsel bedeutet. Allein der Buddha lehrt, daß die menschliche Inkraft keine Seele ist, sondern eine Kraft, die als Trieb immer wieder neu Leben schafft, sich selber weiterzeugt.
       So lange Trieb im Menschen ist, kann Leben nicht aufhören, es greift immer wieder neu aus. Hat aber der Trieb aufgehört, dann brennt der Lebensprozeß dem Verlöschen zu.“ — Über „den Trieb“ verbreitete er sich noch weiter, es sei kein stets bewußter Trieb zu bestimmten, einzelnen Dingen hin, sondern ein unterbrechungsloses Wirken, die Tendenz, die Welt als Nahrung aufzunehmen, die Welt, soweit sie sich sinnlich darstelle. Ernährung besteht nicht nur in der Aufnahme von Nahrungsmitteln, Essen und Trinken, auch Atmen, sondern ebensowohl muß alles, was wir durch die Sinne sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, aufnehmen, als Nahrung angesprochen werden. Der Inder zählt sechs Sinne, der letzte ist das Denken, durch den ebenfalls Nahrung in Form von Begriffen aufgenommen werde. Soviel fühlte ich deutlich: Trieb steigt immer wieder in mir hoch. Es drängt mich, zu sehen, zu hören, zu wissen, zu erfahren, es drängt mich, zu leben, zu streben in die Zukunft hinein. Vom Trieb war ich nicht frei, das fühlte ich jetzt mit leiser Beschämung und nahm Herrn Doktors Worte ruhig hin. Wie aber der Trieb aufhören könnte, das begriff ich nicht. Es kostete Herrn Doktor viel Mühe, mir klar zu machen, daß hier nicht von einem Trieb an sich die Rede sei, der da ist, sondern vom Aufspringen des Triebes erst in Folge von geeigneter Nahrung. Trieb ist nur da, solange er genährt wird, und er wird genährt auf dem Wege durch die Sinne und — das ist das Ausschlaggebende auf Grund des Nichtwissens davon, daß alles Dasein vergänglich ist. „Wenn Sie etwas sehen, springt Trieb danach in Ihnen auf, und das Gesehene wird Ihnen zur Nahrung, zu neuer Bekräftigung Ihres Daseins.“ — „Wie kann das, was da ist, aufhören?“ fragte ich in Zweifel und Qual zugleich, „Was da ist, kann nicht vergehen, was aber da wird, das kann vergehen!“ sagte Herr Doktor. Wir blieben stehen, er sah mich voll an und wartete auf mein Verständnis. Ich arbeitete, Er sah es und lächelte ganz wenig, ganz fein, geduldig. Mein Denken war plötzlich geschwunden. Mir war, als hätte ich für einen Augenblick springend mit der Kuppe meines Fingers einen Zweig an einem Baume über mir berührt, der sonst unerreichbar hoch hängt. So blitzartig kam das Verständnis — und schwand es auch wieder. „Was da ist, kann nicht vergehen, was da wird, das kann vergehen.“ — Lange Zeit habe ich mich an diese wenigen Worte immer wieder geklammert, wenn mir später das Verständnis von Herrn Doktors Schriften so schwer wurde. Jetzt sagte ich: „Ich habe das noch nicht verstanden!“ — „Was haben Sie noch nicht verstanden?“ — „Ich habe es wohl verstanden, aber ich kann noch keinen Gebrauch davon machen!“ — Und er beruhigte mich, das könne man auch nicht erwarten, das könne erst später kommen.
       Herr Doktor hatte den Bürstenabzug von ein paar Bogen seines damals in Druck befindlichen Werkes „Buddhismus als Religion und Moral‘ mitgenommen und las mir, während wir langsam weitergingen, daraus vor. In dem Exemplar, das ich mir später kaufte, habe ich diese Seiten angestrichen und mit Bleistift „Wintertal“ daneben geschrieben, denn dieser erste und einzige Spaziergang in Goslar ist mir eine heilige Erinnerung geworden. Es waren die Seiten aus dem Kapitel: „Muß der Mensch glauben?“ Die Frage, ob der Mensch glauben müsse, wurde von mir vom Gebiet der Naturwissenschaft aus kritisiert. Meinem damaligen Horizont nach war die Wissenschaft die erste Ursache zu den Veränderungen in der Auffassung der Religion. Vor allen Dingen ergaben sich Schwierigkeiten, wenn man das Bestehen eines Naturgesetzes, über das kein Geschehen hinausgehen kann, ohne es zu zerbrechen, mit dem Glauben verglich, nach dem die Schöpferkraft aller Dinge auch dies Gesetz geschaffen haben mußte und folgerichtig dann selber darüber stand. — Wogegen anderseits gerade die Existenz und Undurchbrechbarkeit der Naturgesetze als Argument für das Dasein einer höheren Macht gilt.
       Als Herr Doktor von diesen Naturgesetzen als einer „Selbst-Gesetzlichkeit“ sprach, davon, daß Gesetz das werde, was sich selber mit seinem Entstehen in die Welt setze, wurde mir der Denkfehler klar, dessen Vorhandensein ich bis dahin immer nur dunkel gefühlt, mir selber aber nicht hatte erklären können. Und ich äußerte: „Das ist also ein falscher Schluß, daß man meint: da, wo ein Gesetz sei, müsse notwendig ein darüber stehender Gesetzgeber sein, der es gesetzt habe.“ „Diese Folgerung ist irrig,‘“ stimmte Herr Doktor zu, „ein Naturgesetz gibt es nur, als ein sich selber Setzendes, das Entstehen, das Werden selber, dem keine Bahnen vorgeschrieben sind. Das ist noch nicht Gesetzlosigkeit, sondern Selbstgesetzlichkeit, Leben, das sich selber setzt in jedem Wirkungsmoment.“ Mir kam der Gedanke an Darwin und sein Entwicklungsgesetz, das nach einem höheren Sinn zu arbeiten schien, den wir uns in unserm Leben zweckdienend fügten. „Zu Welchem Zweck?" — „Um die Rasse zu verbessern.‘ — „Glauben sie, daß die Menschen sich heiraten, um die Rasse zu verbessern?“ fragte Herr Doktor mir schalkhaftem Lächeln. „Nein,“ mußte ich zugeben, und lachte nun mit.
       Mir fiel die ganze Torheit dieser Erwähnung damals nicht auf. Wie kann überhaupt „Verbesserung“ eintreten, wenn Vorhandenes fortzeugt, ohne Hinzukommen eines höheren Elementes, durch das die Zeugung veredelt werde. Immer wieder spielten hier doch nur überkommene, undurchdachte Begriffe die Hemmungen vor der Erkenntnis, die Dr. Dahlke vermitteln wollte. „Was meinen Sie, ist das Auge z um Sehen geschaffen, oder kommt es vom Sehen?“ „Es kommt vom Sehen,“ antwortete ich, „Wenn es vom Sehen kommt, dann muß doch eine unbegreifliche Anlage, ein Pigmentfleck vorher dagewesen sein, aus dem es sich entwickeln konnte. Man sagt also im Grunde nichts Neues mit dem „das Auge kommt vom Sehen“, denn man muß nun die Anlage erklären. Das sah ich ein, denn ich erinnerte mich, daß mir bei dein Durchdenken dieser Darwinschen Lehre immer die Überlegung aufgetaucht war: wenn das Auge wirklich einmal überhaupt nicht, auch in keiner Anlage dagewesen war und das Licht den ersten Pigmentfleck hervorgerufen habe, warum ist dann nicht die ganze vom Licht getroffene Haut einzig Auge geworden, warum haben sich diese „Pigmentflecke“ nur an zwei kleinen Stellen der ganzen Oberhaut gebildet? Aber ich kannte die wissenschaftlichen Werke Darwins und seiner Nachfolger nicht im Original und meinte nicht anders, als daß diese einfache, kindliche Frage von ihm selbstverständlich zufriedenstellend gelöst sei und nur uns Laien nicht 'in aller Breite auseinandergesetzt würde.
       Herr Doktor belehrte mich nun, daß diese Lösung nicht gefunden war und er fuhr fort: „Das Auge ist weder zum Sehen mit diesem Zweck geschaffen, wie der Glaube sagt, noch ist es vom Sehen wie das Entwicklungsgesetz es lehrt, sondern es ist Form des Sehens, es ist nicht vor dem Sehen entstanden, nicht nach dem Sehen, sondern es entsteht immer wieder durch das Sehen. — Wie auch das Sehen durch das Auge, von Anfangslosigkeit her. Von Entwicklung im Sinne eines Fortschrittes kann man nur reden, wenn man einen festen Einsatzpunkt hat, einen Anfang des Weltgeschehens. Den aber gibt es in Wirklichkeit nicht. Dahin ist diese Anschauung zu korrigieren. Es entwickelt sich freilich immer wieder neues, anderes. Aber dieses „entwickeln“ ist kein Vorwärts im Sinne eines Aufstiegs, kein unter ein Gesetz gestelltes, planmäßiges Vorgehen mir einem letzten Zweck im Hintergrunde. Wo man keinen Anfang sehen kann, darf man keinen Fortschrittsgedanken vertreten, Alle diese Vorgänge sind lediglich Wellenbewegungen in ihrer Vergänglichkeit, immer wieder Anpassungsversuche einer Natur an die andere und immer wieder Zerfall des Passenden, Verungleichung, Katastrophe.
       Diese Verarbeitung der Lehre auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, wie sie das Buch „Buddhismus als Weltanschauung“ gibt, ist mir ein außerordentlich wertvolles Hilfsmittel zum Verständnis geworden. Ich war naturwissenschaftlich eingestellt. Mir hat dieses Buch mehr gegeben fast als die „Religion und Moral“, denn die Naturwissenschaft hat mir mehr zu schaffen gemacht in der Weltanschauung als der Glaube. Lange Zeit habe ich geglaubt, daß alle Absagen an die Glaubensreligionen, das Schwinden des Glaubens dem Wachsen der Naturwissenschaft und der Einstellung zu ihr zuzuschreiben sei. Es ist nicht immer so. Aber Herrn Doktors Einstellung scheint einmal so gewesen zu sein, und ich danke sie ihm, weil sie meine Anlage traf. Herr Doktor fühlte, daß er mich sehr anstrengte und fragte einmal: „Können Sie noch?“ Nach einer Atempause glitt das Gespräch mehr an die Oberfläche, ich versuchte mich zu entschuldigen wegen meines langsamen Verständnisses, durch das ihm viel Mühe entstand. Aber er sagte, daß ich gegen Naturwissenschaftler vom Fach im Vorteil sei; diese müßten den ganzen durchlaufenen Weg ihrer Arbeit wieder rückwärts gehen, bevor sie an die Lehre kämen, was sehr viel schwieriger sei.
       Und wie das Gespräch so zu wechseln pflegt, in seinem Inhalt, fragte er mich, ob ich glaube, daß es nie wieder Krieg gebe. Ich verneinte mit weltmännischer Sicherheit. „Ich glaube es auch nicht,“ sagte er, aber sein Ton war doch nicht so fest überzeugt. Ich fühlte, daß er sehr viel Gutes von den Menschen und der Welt dachte und erwartete. — Wir ahnten beide nicht, daß die Präludien zum Juli des gleichen Jahres vielleicht jetzt schon im Gange waren. Zuletzt machte ich noch die Allerweltsbemerkung, daß das Klima Indiens wohl zur Untätigkeit geneigt mache und diese Religion besonders für solche zur Untätigkeit gezwungenen Leute geeignet sei, Herr Doktor verneinte. Es sein keine Religion der Schwächlichen. Er selber sei sehr kräftig gewesen, bis zu seiner letzten Krankheit. Er habe beim Militär gedient und sich freigeschwommen.
       Auf der Haustreppe sagte er: „Es ist nicht gesagt, daß Sie jetzt dabei bleiben werden.“ Er meinte, bei der Überzeugung, daß der Buddhismus die richtige Lösung für alle meine Fragen habe. „Nein, das ist es nicht,“ sagte ich. Aber ich tat das nicht aus rechter, fester Überzeugung, sondern aus Ehrfurcht vor einer unübersehbaren Lehre, zu der sich zu bekennen nur einem vorschnellen, unüberlegten und ihre Größe unterschätzenden Urteil entsprochen hätte. „sagen Sie mir, was ist Mitleid?“ fragte er, oben an der Treppe angelangt. „Ich will darüber nachdenken und Ihnen dann Antwort geben“ und „— wie ich mich bedanken soll, das weiß ich nicht,“ fügte ich ratlos hinzu. Er erwiderte: „Es ist nichts zu danken,“ und ging den Gang hinab in sein Zimmer. Auch ich ging in mein Zimmer, müde und aufgeregt. Der Rammelsberg lag schneebedeckt im Sonnenschein unter meinen Fenstern, ein riesiger Grabhügel. Nun ist es zu Ende, dachte ich, und das Wort „mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ kam mir in den Sinn. Der Glaube versagt hier, fühlte ich mehr als ich dachte. Die Spannung war so groß, daß ich eine Weile nicht denken konnte, nichts tun, nichts verarbeiten, nur stillehalten. Aber ich wußte, was verloren ist, kommt nicht wieder, — es brauchte auch nicht wiederzukommen. —

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

3. Fortsetzung.

 

       Am Nachmittag gegen 5 Uhr fand sich Herr Dr. Dahlke regelmäßig im Lesezimmer ein, wo ihm ein Glas Milch serviert wurde, und er aß Honigkuchen oder Feigen dazu. Das Zimmer war dann frei von Gästen. Ich kam hinzu und setzte mich ans Fenster, während er es liebte, den Öfen im Rücken zu haben. Den Klimawechsel von der letzten Indienreise hatte er noch nicht überwunden, und es fror ihn immer etwas. So saßen wir, getrennt fast durch die ganze Diagonale des Zimmers, beieinander. Er lehrend und ich zuhörend und fragend. Es war immer erquickend, wie gerade er auf dies eine Thema, sein Thema, den Buddhismus, zuschritt, ohne Einleitung und gleichgültige Vorrede davon anfing. Er ersparte mir damit die Bitte um Belehrung, und ich fragte mich nur manchmal: fühlt er, wie sehr ich nach diesem Gespräch verlange, noch ehe ich selber begonnen habe zu reden? Es muß wohl so gewesen sein. Wiederum begann Dr. Dahlke von der Kraft zu sprechen, und auseinanderzusetzen, was er damit meinte — von der „individuellen Inkraft“, die immer wieder neu aufspringt, die keine Seele, kein Ewiges, Beständiges ist, im Gegensatz zur Kraft der Glaubenslehren anderer Religionen. „Ich verstehe wohl, daß Kraft ein Werdendes ist — Prozeß — wie Sie sagen, aber das Wesentliche erschien mir bisher gar nicht, ob es sich um Sein oder Werden handelt, sondern darum, ob die Kraft, die es nun einmal gibt, — und an die selber man nicht zu glauben braucht (denn was immer geschieht, es muß ja von Kraft herrühren) — Sinn und Verstand hat. Ist das der Fall, und gibt es Erscheinungen, die diese Annahme stützen im Weltgeschehen, ist das Weltgeschehen sinnvoll und läßt die Folgerung einer sinnvollen Ursache zu, dann hat der Pantheismus recht.” — „Dann hätte er wohl recht, aber das Weltgeschehen als sinnvoll ansprechen, das ist eine einseitige Betrachtung.
       Man kann einen Krug, der zur Hälfte gefüllt ist, ebenso gut halb voll wie halb leer nennen, je nach dem, von Welchem Standpunkt man ihn betrachtet. So ist das Weltgeschehen, sinnvoll von der einen Seite, sinnwidrig von der anderen gesehen. Aber vergessen Sie nicht: tatsächlich ist es ja beides, sowohl sinnvoll wie sinnwidrig, — nur dieser Sinn ist vergänglich, nicht ewig, liegt im Diesseits, und wird, wenn erreicht, auch überkommen und räumt neuen Sinn und Zweck den Platz usw. in Endlosigkeit. Auf ein Welterblühen folgt eine Weltkatastrophe im Kleinen wie im Großen. Sie sehen, daß nicht die Frage nach dem Sinnvollen, werden die Frage, ob vergänglich oder nicht zunächst gelöst werden muß. Bedenken Sie, daß aller Sinngebung Begrenzung gesetzt ist! Im Unendlichen gibt es keinen universellen Sinn.“ — „Aber es gibt doch ein Naturgesetz, Herr Doktor! Wie stellt sich der Buddhismus zum Naturgesetz?” — „Welches Naturgesetz meinen Sie?” „Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft.” — „Die meinen das Robert-Mayersche Gesetz von der Erhaltung der Energie?" „Ja“ — „Da machen Sie einen Ausschnitt aus der Welt, Das Gesetz hat Gültigkeit nur im begrenzten System.” Und ich ergänzte in Gedanken: und die Welt ist unbegrenzt, unendlich. „Das Robert-Mayersche Gesetz lautet; Bewegung geht in Wärme, Wärme in Bewegung über, bleibt aber als solche erhielten, abgesehen von minimalen Mengen, die auf das Konto einer unvollständigen Technik gesetzt werden und für den Physiker nicht ins Gewicht fallen. Vom Standpunkt der Physik, d. h. praktisch läßt sich wohl damit arbeiten, weil die Verlustmengen für die Zwecke der Praxis zu minimal sind, In Wirklichkeit aber bleibt hier gar nichts erhalten, sondern es vergeht und wird alles neu. Bewegung wird zu Wärme, Wärme zu Bewegung. — Das, was der Physiker mit Energie meint, ist außerdem gar nicht Energie, Inkraft, es ist die Rückwirkung der wirklichen Energie. — Die wirkliche Energie springt immer neu auf als Trieb, als Durst und wandelt sich nicht rückwärts, sie ist nur da als Vergängliches. In bezug auf die Nicht-Selbstheit, die Nicht-Identität der Wesen führte Dr. Dahlke das Wort Heraklits an: „Der Mensch steigt nicht zweimal in denselben Fluß.” — Der Mensch ist nicht mehr derselbe und der Fluß ist auch nicht mehr derselbe. — „Wie denken Sie über die Zeit?” Ich wußte nichts zu sagen. „Zeit, — Rhythmus“ — murmelte ich vor mich hin. — „Zeit ist nicht, Zeit wird!“, sagte Dr. Dahlke. Dies Wort war der andere Markstein, an dem das Gesetz von der Erhaltung der Energie zerschellte, der erste war der unbegrenzte Raum. In einer werdenden Zeit, — besser im Werden‘, und in den räumlichen Grenzenlosigkeiten bleibt nichts erhalten. „Wie kann es kommen, daß der Trieb nicht mehr aufspringt, daß er vergeht, daß er nicht verdammt ist, immer neu zu werden?“, fragte ich.
       Es liegt hier der Kernpunkt der Lehre. Alles andere danach war mir von sekundärer Bedeutung. Dies aber kann man nicht auf sich beruhen lassen und dann den Buddhismus loben,ob der Tiefe seiner Moral und seines Reichtums an Geist. Wie kann es geschehen, daß Trieb nicht mehr aufspringt? Und die Antwort, die Dr. Dahlke hierauf gab, lautete: „Durch Erkenntnis! — Wer einen Grosehen auf dem Wege liegen sieht und weiß, daß er schmutzig ist, der hebt ihn nicht auf.” Der erste Gedanke, der mir jetzt kam, war natürlich der: daß der Hunger den Menschen zum Aufheben brächte, der zweite Gedanke gleich darauf aber der: beim Anblick des Schmutzes vergeht der Hunger. In der Erkenntnis von der Unlauterkeit, der Unreinlichkeit, der Wertlosigkeit und Vergänglichkeit vergeht die Lust des Lebens. Der Trieb, der Hunger versiegt durch die Erkenntnis, sie führt zum Aufhören. Dr. Dahlkes Gedanken gingen mit mir in gleieher Richtung. „Wie denken Sie über Willensfreiheit?” fragte er, ahnend, daß mir diese Frage jetzt zu schaffen machen mußte. „Eben dies denke ich: Der Mensch ist nicht frei, hat nicht die Freiheit, seinen Trieb zum Aufhören zu bringen.” — „Er folgt nicht einer höheren Kraft, sondern seiner eigenen Erkenntnis.” — „Es kommt doch vor, daß man etwas erkennt und dieser Erkenntnis mit seinem Tun doch nicht folgen kann!” -— „Dann ist die Erkenntnis nicht wirklich ! Sie wirkt nicht.”
       Da war es wieder, das Wort „wirklich”, das in Dr. Dahlkes Reden eine so bedeutende Rolle spielte, und dem ich nicht beikommen konnte! Das, was man im üblichen Sprachgebrauch unter „wirklich” und „Wirklichkeit” versteht, reicht nicht aus, um das Wort bei ihm zu begreifen. Die Wirklichkeit da draußen war tot, langweilig, uninteressant und hatte keine Bedeutung; Denken, die Idee schien mir das Wertvolle am Leben, der Idee zu leben die menschliche Aufgabe. Als ich zu Dr. Dahlke davon sprach, antwortete er in missbilligendem Tone: „Aber da denken Sie ja ganz ideal!“ Ich wußte meiner völligen Ratlosigkeit keinen Ausdruck zu geben. — „Ja!“ — Was sollte man von einem Weltbilde denken, das das Ideale nicht billigt und „die Wirklichkeit“ zum „obersten Richter” machte?
       Ich jagte hinter dem Sinn des Wortes Wirklichkeit einher, der mehr sagen mußte als ich je
darin gesehen hatte. „Wirken” ist ein altes Wort, dem Dr. Dahlke einen neuen Sinn gegeben zu haben schien, das er aus der Verflachung des Alltagslebens herausgerettet und der Menschheit vertieft aufs neue geschenkt hat. Im täglichen Sprachgebrauch gleicht es einem versandeten Brunnen, der kein Wasser mehr spendet, und niemand ahnt seine Tiefe. Wirken in vergangener Zeit bedeutete so viel wie Weben, einen Webstoff bereiten, mit Kraftaufwand herstellen. Dieser Vorgang des Herstellens ist Wirken, und weiterhin bezeichnet es jeden Vorgang, bei dem etwas geschaffen wird.
       Die Wirklichkeit ist dementsprechend der Webeprozeß, Werdevorgang; Wirklichkeit das jeweilige Augenblicks-Ergebnis vorangegangenen Wirkens. Wirken ist ein Zeitwort, Verb; über das Partizip hinweg formt es sich zum Adjektiv, Adverb und Substantiv und besagt, daß das, was getan wird, sich am Täter selber als Eigenschaft auswächst und endlich zur Persönlichkeit selber wird. Wirklich ist, was wirkt. In ihm erschöpft sich der ganze unbegrenzte sich selber wirkende Lebensvorgang: Kraft, Tätigkeit, Ergebnis, Eigenschaft. Es ist ein Wort von eminenter Lebensdarstellung.
       Man bedenke den Unterschied zwischen der Wirklichkeit und der Realität! Wirklichkeit bezieht sich immer auf die Kraftseite des Weltgeschehens, Realität auf das re, das gegenständliche des Weltseins. Nicht, daß beide Gegensätze wären, sondern so, daß die Realität der sinnlich wahrnehmbare Niederschlag, der Rückschlag der Wirklichkeit ist, der neuem Wirken wieder zur Nahrung werden kann. Re als Wort heißt „Sache“, re als Vorsilbe bedeutet „zurück“, „Ich habe mir Ihr Wort ‚wirklich‘ in ‚wirkend‘ übersetzt“, sagte ich zu Dr. Dahlke, „weil ich ihm dann besser beikommen kann.” — „Das ist nicht unrecht; es mag sein, daß, wenn man ein Wort dauernd gebraucht, man seinen Sinn verschiebt ohne es zu bemerken‘, sagte er. indessen meine ich, er hat den Sinn nicht verschoben, sondern nur ausgeschöpft in seiner ganzen Weite, Wirklichkeit ist Ursache, Aktualität und Resultat und alles zugleich und alles hintereinander.
       Wirklich nannte Dahlke eine Erkenntnis, die auf den Erkenner wirkt, — sobald sie auf ihn wirkt, oder — erst wenn sie auf ihn wirkt. Dieser wirkenden Erkenntnis sollte also das Wollen anheim stehen. — Erkennen, Nahrungsaufnahme geht ihm voraus, ist sein Erzeuger. Es hängt ab von der Einsicht, von Zweck und Ziel. welcher Mensch könnte je etwas wollen, das weder aus einer Ursache noch zu einem Zweck geschähe, ja wohl gar zweckwidrig wäre! Wollen, ein Kind der wirkenden Erkenntnis, ist selber Wirken und Vater kommender Lebensphase, mitten eingegliedert in die Kette des Lebenslaufes — und doch nicht unfrei, nicht einem anderen, einer unbegreiflichen höheren Macht untergeordnet, — wir sind nicht verdammt zu wollen, was unserer Erkenntnis nicht entspricht. So überlegte ich mir, was Dr. Dahlke gesagt hatte, in den Stunden des Tages, da ich nicht mit ihm zusammen war. „Haben Sie über das Mitleid nachgedacht?” fragte er. — „Ja, ich habe mir ein Tier vorgestellt, das ich sterben sehe, das würde Mitleid in mir erregen, das sterbende Tier wäre die Veranlassung zu dieser Empfindung.
       Ich denke, daß das ein geistigsinnlicher Ernährungsvorgang ist.” Meine Ausdrucksweise war damals unbeholfen auf diesem neuen Gebiet, aber Dr. Dahlke verstand mich und entgegnete: „Dann haben Sie das, was ich Ihnen über den Ernährungsvorgang gesagt habe, richtig angewandt”, und nach einer kleinen Pause, „das freut mich!” Da war ich glücklich, ihm eine Freude gemacht zu haben, dem, der bereit war und keine Mühe scheute, sich mir verständlich zu machen. „Was machen Sie aus dem Wort Heraklits: der Götter Leben sterben wir und leben ihren Tod”? — „Ich will darüber nachdenken”, sagte ich, denn im Augenblick konnte ich den Sinn, den Dr. Dahlke vermutlich mit Buddhismus unterlegte, nicht entdecken. Am anderen Nachmittag sagte ich: „Ich glaube, Heraklit meinte, je mehr der Mensch seinen Geist entwickelt, um so mehr stirbt ihm der Gottglaube und umgekehrt, je weniger der Menschengeist „lebt“, um so mehr Götterglauben gibt es; die Götter leben um so mehr, je weniger Menschendenken lebt und umgekehrt.“ — Überrascht sah er auf: „Da fassen Sie die Sache rein spirituell auf. Nein, so ist es wohl nicht gemeint. Wenn ein Gott stirbt, so wird ein Mensch geboren, und umgekehrt, der sterbende Mensch geht zum Himmel. Der Himmel Heraklits ist kein Ort der Ewigkeit, nicht transzendent, sondern ein Verweil, aus dem wieder herausgestorben werden kann, — Wiedergeburt!” — Und doch immer neu, immer anders. „Ich habe mir schon früher einmal gedacht: Leben ist kein Kreislauf, man kehrt nicht an den alten Ort zurück. Es ist eine Spirale, die Rückkehr scheinbar, tatsächlich aber auf einer neuen Ebene.” — „Das kommt der Wahrheit entschieden näher”, sagte er. Nun irritierte mich im Dahlke’schen Sprachschatz das Wort „Erlebnis”. Bisher hatte ich diesen Ausdruck immer etwas gemieden. Er schien mir durch den Gebrauch, den Schriftsteller gelegentlich von ihm machen, reichlich verfänglich, ja unehrlich. Wer da behauptet, etwas „innerlich erlebt“ zu haben, ist gegen jeden vernünftigen Einwurf gefeit, und wären es die finstersten Spukgeschichten oder religiöse Schauungen und Offenbarungen, die Erlebnisse des Transzendenten, die heiligen Schauer der inneren Gewißheit von Gottesnähe!
       Innere Erlebnisse kommen nur bei exaltierten und hysterischen Personen vor. Ein gesunder Mensch hat so etwas nicht, lautete mein Urteil. Von äußeren Erlebnissen hatte ich die gleiche Vorstellung wie der Lehrer, der seiner Klasse den Aufsatz mit den Ferienerlebnissen abverlangt. Hier half mir Dr. Dahlke selbst auf den Weg. Alles Äußere an Ereignissen, denen man beiwohnt, nannte er nicht Erlebnis, sondern Erfahrungen. Das Wissen um die eigenen Bewußstseinsinhalte nannte er Erlebnis. Ich erlebe, daß ich jetzt denke, mich freue, mich ärgere, Furcht habe, ruhig bin, mich langweile, mich aufrege usw. Erlebnis muß man dieses nennen, weil man sich einen solchen Zustand er-lebt, sich selber zu ihm entwickelt im Lebensvorgang.
       Etwas erarbeiten heißt, es bekommen durch Arbeiten; erbetteln, etwas bekommen durch Betteln, erringen bekommen durch Ringen, erkämpfen bekommen durch Kämpfen, erleben bekommen durch die Tätigkeit „leben”. Aber was man erlebt, das bekommt man nicht als Objektbesitz, das wird man. Ich erlebe mir täglich, ja stündlich, augenblicklich jedes Bewußtseinsmoment, ich werde es. „Es gibt eine gewisse Art Bücher”, sagte ich, „die schildern Bekehrungen aus einer Religion in die andere, meist vom Heidentum zum Christentum. Herr Doktor, diese Bücher sind mir unsympathisch, sie sind künstlich Erdachtes Eine wirkliche innere Umkehrung eines Geistes, der sieht, daß er sich festgefahren hat und nicht mehr weiter kann, dem sein Glaube unter dem Messer der eigenen Kritik nicht standgehalten hat, ein Mensch, der sich abkehrt in der Not seines gedanklichen Zwiespaltes, hin zu einer Plattform, auf der alle seine Zweifel Lösung finden sollen, ist unter diesen Gestalten nicht zu finden.” — „Sie haben recht”, sagte Dr. Dahlke, „sie sind nicht erlebt”.
       Seine Stimme klang beruhigend, voll Güte und Nachsicht, es lag keine Kampfansage darin gegen jene Schrittsteller. Dr. Dahlke fügte hinzu: „Auch die Bekehrung von Paulus auf dem Wege nach Damaskus ist keine wachstumsmäßige Entwicklung des Denkens. Paulus war schon vor seiner Bekehrung ein glaubenssüchtiger Mensch und hat mit ihr nur den Gegenstand des Glaubens gewechselt.” Paulus war keiner, der sich überdrüssig von seinem bisherigen Standpunkt und dessen erkannter Unzulänglichkeit seufzend abwendete, um nach neuer, denktieferer Nahrung zu suchen, keiner, dem im Denken und Sein der Zwiespalt klafft und der durch die Schrecklichkeiten dieser Kluft wandert; er war keiner, der, treulos der alten Lehre, zweifelt und verzweifelt — nicht an Himmelsseligkeiten, sondern an seinem eigenen, gesunden Verstande. Paulus wurde bekehrt durch Offenbarung, aber Dr. Dahlke stand der Offenbarung kühl und ablehnend gegenüber.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(4. Fortsetzung.)

 

       „Der Pantheismus, den Sie vertreten, ist eine Anschauung auf einer sehr hohen Entwicklungsstufe“ nahm Dr. Dahlke einmal das Wort, „aber der Buddhismus steht noch höher!“ fügte er hinzu. Ich ließ mir das alles gefallen, mir war’s nicht um Kampf zu tun, sondern um Erkenntnis. „Die höhere Einsicht ist die, die den weiteren Rundblick erlaubt und die den größeren moralischen Zwang ausübt, und da gibt es keine Religion, die so zur Moral zwingt, wie der Buddhismus. An ihrem Moralgehalt erkennt man ihre Größe. Hier gibt es nicht Gnade, hier muß ein jeder mit voller Selbstverantwortlichkeit für sein Tun einstehen.“ — „Herr Doktor,‘ unterbrach ich, ‚so etwas ähnliches wie: ein großer Mensch muß moralisch auch besser sein als andere, habe ich einmal in einem Gespräch mit Bekannten über Goethe diesem zum Vorwurf gemacht, Seine Liebesgeschichten ziehen ihn herab. Da ist man sehr über mich hergefallen und hat ihn verteidigt. Einen solchen Großen dürfe man nicht mit dem Maßstabe der gewöhnlichen Menschen messen.“ — „Lassen Sie sich ihr gesundes Empfinden nicht verderben,“ entgegnete er, „Sie haben recht, ein geistvoller Mensch ist nicht größer, wenn er nicht auch besser ist und seinen Geist dazu braucht, besser zu werden.“ Wir sprachen über Wilhelm Meister und Herr Doktor äußerte: „Das Werk ist voll von Sinnlichkeit.“ „Goethe sagt einmal irgendwo: O Mensch, versuch’ es nur, so leicht ist’s gut zu sein und es zu scheinen ist so eine bitter schwere Pein. ‚So leicht ist's gut zu sein?‘ Herr Doktor, wenn man doch nur wüßte, was gut ist!“ Man kann sich anstellen wie man will: Von keiner Seite her gibt es eine Betrachtungsmöglichkeit für das Tun, die ein Kennzeichen für das, was gut ist, aufzeigte.
       Betrachter man es nach seinen Erfolgen, die sich in endloser Kette hintereinanderreihen, so bleibt durchaus nicht immer gut, was zuerst gut war; betrachtet man es nach der Gesinnung des Täters, so macht man die Erfahrung, daß sie noch längst nicht vor den schädlichen Wirkungen der Tat bewahrt, und aus mancher guten Gesinnung sind böse Torheiten geboren. Die Gesinnung allein macht es nicht. Religiöse Gebote und juristische Paragraphen reichen nicht aus, um in Zweifelsfällen als Richtschnur zu dienen. Auch hier hängt das Urteil am Zweck, der vergänglich ist. Man sagte mir einmal: Wenn Sie von zwei Dingen nicht wissen, Welches das Bessere ist, dann tun Sie das Schwerere von beiden! Ich konnte mich dagegen nur mit Beispielen wehren. Es ist schwerer, gegen die eigene Überzeugung zu handeln als nach ihr — also muß es wohl das Bessere sein!? Es ist schwerer einen Beruf zu ergreifen, der gar nicht der eigenen Veranlagung entspricht, als einen, der ihr entspricht; also soll am besten jeder Mensch einen ihm nicht gemäßen Beruf ergreifen!? Was sagt der weise Schulmeister nun? Wieviel bittere Anklagen hatte ich nicht schon gegen eine Welt gerichtet, die das Gute gebot und das Wissen darum verhüllte. In dem banalen Wort: Wie man’s auch macht, es ist verkehrt! war mir das ganze Elend dieses Mangels an Wissen eingeschlossen.
       An dieser Stelle versagt das Christentum, Mit der Liebe ist es nicht getan. Man versuche einmal seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst und man wird merken, daß man ihm dabei auf die Füße tritt. Der Sittenkodex muß hier schon einspringen und die Vornehmheit der Zurückhaltung in der Nächstenliebe predigen. So lebt es sich tatsächlich leichter unter den Menschen. In wievielen Schwierigkeiten zeigt Nächstenliebe nicht besser den Weg durch den dunklen Wald des Lebens wie ein Thermometer die Himmelsrichtung zeigt. „Jede Tat wirkt in beiden Richtungen,“ antwortete Dr. Dahlke, „einmal nach außen auf die Welt, und ihre Folgen entgleiten ins Unendliche, sie wird vieldeutig, bald gut, bald nicht — und einmal wirkt sie zurück auf den, der sie tut. Allein hier in der Rückwirkung auf die individuelle Persönlichkeit des Täters wirkt sie eindeutig, gut oder nicht gut. Gut im buddhistischen Sinn ist, was mich, den Täter, besser macht. Dies „besser“ versteht sich im Sinne einer Loslösung von der Selbstsucht — nicht als Altruismus, sondern — so daß ich mich mit der Tat löse, mein Dasein zur Auflösung bringe.
       Wer erkennt, daß in ihm kein Selbst, keine Seele ist, dem bleibt nichts gut als das, was diesen Werdevorgang Ich nun auch dem Erkennen gemäß auflöst. Selbstlösung ist das einzige eindeutig Gute. Die Moral ist eine Funktion des Erkennens — des Erkennens von der Nichtselbstheit. Gut ist immer nur der Verzicht! Altruismus eine feinere Art der Selbstsucht.“ Und wiederum verstummte ich, staunend und aufs höchste erregt, gepackt, mitgenommen von diesen Worten, die ein Licht in eine Dunkelheit hielten, wo ich so oft schon mit der Welt zusammengerannt war. Diese zwei Richtungen des Wirkens: nach außen auf die Welt — nach innen auf mich! Das hatte noch niemand gesagt! Das Gute ist nicht der Altruismus, sondern der Verzicht! Das hatte auch noch niemand gesagt! Höheres, Größeres als Verzichten gibt es nicht. Ich hätte diese neue Waffe, mit der mir eben noch der Hieb Bescheid getan hatte, aufheben mögen und allen denen damit dienen, die mich mit so lauen Redensarten von allerlei Dutzendidealen hatten abspeisen wollen, wo mir’s doch nur um das Ganze der Güte ging und ihr Kennzeichen, das ich nicht hatte, und das sie zu haben glaubten oder vorgaben — weil sie es nicht brauchten, nicht wußten, daß sie es nicht hatten. Selbstlosigkeit erhält hier den neuen, nie gehörten Sinn der Arbeit, des Ringens um die Lösung des Selbst. Von dieser Erkenntnis des Nichtselbst sollen die künftigen Taten gerichtet werden, und das heißt praktisch „Selbstverantwortlichkeit“. Sie kann nur da sein, wo kein ewiges Selbst ist, keine Seele.
       Der Buddhismus hat etwas Erschreckendes in der Erstwirkung, in der Gewaltigkeit seiner Erkenntnis, das hatte ich erfahren, und Dr. Dahlke hatte von sich selber auch schon bekannt: „Ich erschrak, als ich diese Lehre zuerst hörte.“ — Aber als er sagte: „Mit der Übernahme der vollen Selbstverantwortlichkeit für sein Tun ist der Buddhist der einzige Erwachsene unter den Menschen: die anderen alle sind Kinder ihrem Gott gegenüber, der ihnen Gnade verspricht, sie nicht ernst nimmt in ihren Taten“ — war ich voll einverstanden. Es legt die tiefste Würde darin, ein Erwachsener zu sein, sich nichts schenken zu lassen und voll für sein Tun selber jederzeit eintreten zu müssen. Ein Erwachsener, der sich so erwachsen fühlt, tauscht nicht mehr mit der „seligen Kindheit“, legt das Spiel, den Unernst bewußt ab, verlangt selber ernst genommen zu werden und andere ernst nehmen zu können.
       Selbstverantwortlichkeit ist die höchste und letzte aller Verantwortungen, weil hier kein Spielraum zwischen Richter und Gerichtetem, zwischen Ich und Mir steht, der ein Entwisehen wie vor einem Richterstuhl möglich machte. Ja wahrhaftig, ich will lieber selbstverantwortlich sein, als nach einem unbekannten Ratschluß verantwortlich gemacht oder begnadigt werden. Ich weiß, ich stehe so zwar allein, vereinsamt, aber doch nicht in der Gewalt unbekannter Gesetze, „Das einzige Recht des Menschen ist das Recht auf Verzicht.“
       Spontan brach es bei mir durch: „Herr Doktor, heiraten kann man dann doch nicht mehr!“ — „Nein“, sagte er, „das kann man dann nicht mehr“, und schwieg wieder. Ich sah durchs Fenster. Die Dächer Goslars lagen schneebedeckt am Fuß des Berges, der Mond stand tief und bleich am Himmel, im Zimmer herrschte Dämmerung. Ein schwarzer Vorhang senkte sich für den Bruchteil einer Sekunde über die Welt — und als er sich hob, war sie anders geworden; dieselbe Welt, aber mit umgekehrten Vorzeichen, mit umgekehrten Fahrsignalen, mit herumgeworfenem Steuerrad — es ging rückwärts! Wohl hatte ich gewußt, daß Buddhisten Mönche waren, aber daß sie es aus dem Zwang der Erkenntnis der Wirklichkeit sein mußten und nicht etwa aus einer subjektiven, einseitigen Meinung pessimistischen Charakters! Daß es ihnen nicht mehr möglich wäre, ihre Ansicht noch einmal mit irgendeiner anderen Idee zu vertauschen, andere Prinzipien zu übernehmen, das hatte ich nicht gewußt.
       Ich hörte einmal einen aus Indien kommenden Deutschen sagen: „Die buddhistische Religion ist die vernünftigste von allen.“ Der Mann ging aber auf Freiersfüßen, wie ich wußte, und ich hatte ihm damals entgegnet, ich glaubte, die Buddhisten dürften nicht heiraten, darauf hatte er mir geantwortet: „Ach, so schlimm ist das nicht.“ — „Ja“, sagte Herr Doktor resigniert, „so machen sie es! Ich gebe immer den Vergleich vom Persischen Schah, der die Einrichtung eines Blitzableiters kennenlernte und, entzückt davon, befahl, ihm einen solchen auf seinem Pulvermagazin anzubringen. Als das Werk sich dem Ende näherte, da stellte sich heraus, daß der Ableiter zu kurz war und zwei Fuß über dem Erdboden aufhörte. Man meldete dies nun dem Schah, aber er sagte: ‚Auf das kleine bißchen wird es wohl nicht ankommen.‘ Und beim nächsten Gewitter ging das Magazin dann erst recht in die Luft.“ „Bedenken Sie, wenn ein Familienvater auf die Lehre stößt — — —!“ sagte Herr Doktor anderen Tages. „Ja“, antwortete ich, „ich habe mir auch schon gedacht: Er kann nichts anderes tun, als seine Kinder im Sinne der Lehre erziehen.“ Das Problem der Kindererziehung hat Dr. Dahlke später gelegentlich noch öfter berührt. Nie hat es ihn ganz zur Ruhe kommen lassen. Aber mir schien immer, als fände er den rechten Faden nicht. Es gab keine Kinder um ihn, und theoretisieren ohne Erlebnisse und Erfahrungen war seine Sache nicht. Er traute solchen Theorien keine Stoßkraft zu. Eine Frage kam ihm damals und auch noch später: wenn es möglich wäre, ein Kind gänzlich ohne jeglichen Gottbegriff zu erziehen, würde es dann von selbst auf die Gottidee kommen? Das war mehr als eine Frage der Kindererziehung.
       Es war die Frage: ist der Gottgedanke, der Glaube, menschliches Urbedürfnis, und schafft Menschendenken ihn je und je, oder ist er Fabrikat aus dem Hirn machthungriger Oberklassen? Nach den letzten Anschauungen Dahlkes muß er mehr doch zur ersteren Annahme geneigt gewesen sein. Denn er sah, daß das Denken darin seine Befriedigung sucht, „in Einem das Ganze“ zu finden, daß menschliches Denken nach Kausalität und Vereinheitlichung verlangt, nach kausaler Vereinheitlichung, und sie findet im Gottglauben, oder aber — und deren sind wenige — in der individuellen Ichkraft, die der Buddha lehrt. Rom oder Uruvela hieß ihm der letzte Waffengang, den Menschendenken in sich selber auszutragen hat.
       Dahlke kämpft niemals gegen die Gottidee, niemals zeigte er sich wie die Atheisten, die man besser mit Antitheisten bezeichnen könnte. Von seinem überragenden Standpunkt wandte er sich nicht gegen den Gegenstand, sondern gegen die Denkform, die diese Art Gegenstände schuf. Nicht Gott war ihm ablehnenswert, sondern die Denkform „Glaube“, und damit griff er an die Wurzel und verlor sich nicht im Kampf gegen die Symptome. So urteilte Dahlke auch nicht anders über Luther. Er steht mit in der Reihe der Gläubigen. „Was er geleistet hat, dünkt mich, ist die Schöpfung auf deutschem Sprachgebiet. Hier liest seine Größe. Er hat dem deutschen seine Sprache gegeben,“ sagte er damals. Von Luther war es zu den Evangelien, zu Jesu selber nur noch ein Gedankenschritt. Aber auch hier nicht das übliche Urteil des Liberalen oder Radikalen der Kirche. Nichts von einer Anzweiflung der Echtheit der Evangelien, Anzweiflung der Existenz Jesu selber ist gesprochen worden. Das traf die Sache nicht.
       Er hat Jesus immer zu den Großen der Welt gezählt. Aber von Judas und seiner Tat war einmal die Rede. Dahlke schnitt das Gespräch selbst an und — hatte Mitleid mir Judas, der den Fluch der Christenheit auf sich geladen hatte — nur, „auf das die Schrift erfüllet werde“, und in dem die Reue nachher so heiß gebrannt hatte, daß er sich selber das Leben nahm. Ich erzählte daraufhin von einer eigenartigen Deutung der Judasepisode, die ich einmal Jahre zuvor, ich weiß nicht mehr von Welchem Schriftsteller, in der Zeitschrift Maximilian Hardens, der „Zukunft“, gelesen hatte. Danach sei Judas’ Verrat im Einverständnis mit Jesu geschehen, um die Gegnerschaft Jesu an einem Meuchelmord zu hindern und anstatt dessen zum öffentlichen Prozeß zu zwingen, wodurch noch die Möglichkeit einer Befreiung und Rechtfertigung Jesu gegeben war. Judas zwang mit seinem „Verrat“ die ganze Hohepriesterschaft, zur Sache öffentlich Stellung zu nehmen, ihn vor Pontius Pilatus zu stellen, und dann mußte Jesus auf dem Wege der Verhandlungen zu seinem Recht kommen und den Schutz der Öffentlichkeit erhalten. Der Verfasser begründete seine Ansicht damals sehr geistvoll, soviel ich mich erinnerte; und als ich dieses nun Dr. Dahlke erzählte, lehnte er es nicht ab, sondern hielt es für möglich. Es ist etwas Großes und Gutes, einen Menschen, den alle Welt beschuldigt, entschuldigen zu können. Der Mensch, der diese Deutung der Judasgeschichte gefunden hat (weil er unbewußt danach suchte), muß selber ein guter Mensch gewesen sein. Mag sie nun stimmen oder nicht, Und Dr. Dahlke seinerseits machte Front gegen eine Menschheit, die nicht bedacht, wie groß die Sühne war, die Judas sich selber auferlegt hatte, und die ihn wirklicher von seiner Schuld befreite als jede Gnade und Vergebung es hätte tun können. — Man verzeihe es mir gütig, daß in diesen Blättern nicht nur Dahlkes Wort geschrieben steht, daß ich so viel eigene Verarbeitung mit hineinflechte! Ich kann nicht anders.
       Die markigen Worte Dahlkescher Rede waren mir damals nicht eher verständlich, als bis ich sie in einsamer Stunde durchgearbeitet hatte, durchgedacht, mir zu eigen gemacht, wie einen Felsblock, den man zerkleinern muß, um seiner Herr zu werden. Aus diesen Überlegungen gingen meine Fragen, Antworten, Bemerkungen hervor. Und wenn Dahlke mich verstand in der Unbeholfenheit meiner Rede, in ihren knappen und ungenauen Brocken, dann glaube ich nicht anders, als haben hier untersinnliche Beziehungen (um nicht zu sagen übersinnliche) gewaltet. Verständnis von Mensch zu Mensch geht — wenn es überhaupt eintritt — nicht auf dem platten Wege der sinnlichen Wahrnehmung, sondern unmittelbar ohne Leitungsmedium. Dahlke antwortete oft auf das, was ich dachte, nicht was ich fragte, reagierte auf das, was ich fühlte, nicht was ich sagte. Wie erstaunlich genau konnte dieser Mann sich auf den Horizont seines Gegenüber einstellen!

(Fortsetzung folgt.)

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke

Von M. L.

5. Fortsetzung.

 

       Die Tage in Goslar waren begreiflicherweise nicht eine ununterbrochene Belehrung, „edles Schweigen oder lehrreiche Rede“. So viel ich erfuhr, arbeitete Herr Doktor schon von 5 Uhr morgens an, kam gegen 8 Uhr zum Kaffeetisch, ging spazieren, arbeitete wieder und traf zum Mittagessen mit den Tischgästen zusammen. Sein Platz an der Tafel überhob ihn der Notwendigkeit, sich mit irgend jemand zu unterhalten, und nachher verließ er den Saal mit bubenhafter Geschwindigkeit. Am Nachmittag traf ich ihn, wie schon erwähnt, im Lesezimmer. Und abends nach der letzten Mahlzeit, war er auch der Geselligkeit ein wenig zugänglich, saß im kleinen Rauchzimmer, obwohl er Nichtraucher war und nahm Teil an den Gesprächen der Gäste, Einige waren weit gereist, kannten den Orient,andere hatten über ihn gelesen. Dann kam es öfter zu interessanten Unterhaltungen über dieses Thema.
       So entsinne ich mich noch, daß man über den Reichtum des Orients an Sprachen redete, und ich bewunderte die Forscher, die sich mit diesem ungemein großen Felde beschäftigen mußten. „Ach“, sagte Herr Doktor, „wenn man die ersten zehn hinter sich hat, dann ist es nicht mehr schwer.“ Besonders freundlich sprach er über die Samoaner, „dies glückliche Volk, das unter einem selten schönen Himmel lebt, Jahr für Jahr ohne nennenswerte ‚schlechte‘ Jahreszeit. Es braucht sich fast nicht zu kleiden. Blumengeschmückte Jünglinge ziehen morgens aus, um Baumfrüchte als: Nahrung zu suchen in der Wildnis des Waldes. Sie arbeiten und sorgen nicht, sie streiten und zanken nicht. Ihre äußerst liebenswürdige Charakteranlage macht das Leben unter ihnen leicht und schön, Sie besitzen nur ein einziges Schimpfwort, das auf deutsch etwa soviel heißt wie: ‚Du bist verrückt!" Den europäischen Ehrengast füttert die Ehrenjungfrau des Dorfes eigenhändig. Sie glauben gar nicht, was für Mahlzeiten ich dort habe aushalten müssen“, schloß Herr Doktor seine Erzählung.
       Ich habe damals und oft noch später gedacht: Ob wohl der Fleiß unserer Landstriche eine "Tugend und die Arbeitsnotwendigkeit ein Glück bedeutet, wie es so gern behauptet wird. Es scheint mir mehr als zweifelhaft. Nimmt nicht die Arbeit unsere besten Kräfte, daß wir in Nachdenklichkeit erlahmen und verkümmern! Läßt uns nicht die Mühe, mit der wir den Besitz erringen, ihn eifersüchtiger festhalten und verteidigen als jene Völker ihr mühelos erworbenes Gut! Not macht viel häufiger rauh, roh, bitter, boshaft und schlecht als gut und ergeben. ist unter unserem Himmel schwerer, ein guter Mensch zu werden als auf glücklichen Inseln — darum gibt es bei uns mehr Schimpfworte als dort. Unsere Kraft wird nicht durch Anspannung gestärkt, sondern wir schaffen die Aufgabe nicht und versagen. Von seinen Erlebnissen in Indien gab Herr Doktor damals die Geschichte vom Überfall durch wilde Bienen zum besten, die in der Neu-Buddbhistischen Zeitschrift Herbst 1921 enthalten ist. „Am Abend sah mein Kopf aus wie ein Pfannkuchen‘, sagte er. Auch von einem der Wahrsagekunst fähigen Weibe hörten wir (a. a. O. ebenfalls schon geschrieben).
       Das Thema „zweites Gesicht, Fernsehen, Wahrsagung“ usw. fesselte uns damals einige Zeit. Vermutlich war Herr Doktor selber mit dieser Veranlagung ein klein wenig behaftet. Er gab mehrmals später Zeugnis davon, daß er geahnt oder gefühlt hatte, wenn bekannte alte Patienten an ihn dachten, oder wenn in seiner Familie gesundheitlich nicht alles stimmte. Von dem Eindruck, den seine Persönlichkeit einmal gemacht hatte, erzählte er höchst scherzhaft: „Ich war von Indien nach Ägypten gekommen, hatte mich hier einige Zeit aufgehalten und wollte dann nach Hause fahren, als ich erfuhr, daß das Schiff, mit dem ich gerechnet hatte, unterwegs wegen Havarie habe die Fahrt unterbrechen müssen. Ich sing zum Büro der Reederei, um Erkundigungen bezüglich eines anderen Schiffes einzuziehen, mit dem ich jetzt fahren mußte. Ich bin etwas empfindlich und kann nicht gut mit jemand anders in einem und demselben Raume schlafen, so fahre ich — vielleicht über meine Verhältnisse — erster Klasse, Einzelkabine. Als ich auf dem Kontor der Reederei ankam, war ich vom schnellen Gehen etwas erschöpft und konnte mein Anliegen nicht gleich glatt vorbringen.
       Der junge Mann fragte mich etwas von oben herab: „Sie fahren Zwischendeck?“ „Nein“, sagte ich, konnte dann aber wieder nicht gleich fortfahren, so daß er etwas aufmerksamer hinzufügte: „Ach so, Sie fahren zweiter Klasse?“ „Nein, sagte ich und hatte mich inzwischen ganz erholt, „ich fahre erster Klasse und Einzelkabine, und ich weiß nicht, ob ich die auf diesem Schiff kriegen kann.“ Es war nun recht spaßig anzusehen, wie von Anfang bis zu Ende unserer Unterhaltung der Mann immer geschmeidiger wurde! Als ich nach Hause kam, sah ich gleich in den Spiegel. Ich fand an meinem Anzuge nichts auszusetzen, als daß mein Schlips nicht mehr ganz tadellos war. Da band ich ihn ab und nie wieder um!“ schloß er mit komischem Pathos. Wie oft mag wohl der Eindruck, den man von einem Menschen hat, fehl gehen! Herr Doktor war in Hut und Mantel nicht eine „hervorragende, bedeutende Persönlichkeit“. Klein und hager, den Hut tief über den Augen und immer irgendwo etwas Extravagantes, gänzlich unbewußt. Menschen, die alles „bedenken“, können sich den Torheiten der Mode oder Kleidungssitte nie ganz fügen. Der Schnitt seiner Beinkleider erinnerte etwas an einen Zimmermann auf Wanderschaft. Er besaß Handschuhe, die waren doppelt so groß wie seine Hände, eine braune, rostige, dicke Strickweste sah handbreit unter der Stoffweste des Anzuges hervor, und was dergleichen Dinge mehr waren. Wenn man ihm aber im Zimmer gegenüber saß, dann wirkte er, wie nie ein Mensch sonst auf mich gewirkt hat, und doch war das keine Suggestion, keine Gefangennahme des klaren Bewußtseins, sondern man raffte sich zusammen, straffte den Geist und gab sich Mühe, das Beste zu leisten in Rede und Antwort, wozu man fähig war, um seines Umgangs würdig zu sein.
       Von Menschen, die ihn persönlich wenig oder nicht kannten, habe ich die Vermutung gehört, daß sein Einfluß und seine ärztlichen Erfolge wohl auf nichts anderem beruhen könnten als auf Suggestion. Dem möchte ich ernst entgegentreten, Doktor Dahlke hat nicht suggeriert und nicht suggerieren wollen. Das hätte seinen Anschauungen und seiner Überzeugung durchaus widersprochen.
       Der Denker will wohl überzeugen, aber nicht überreden, er will die Einsicht, das Verständnis anderer und kann nicht zufrieden sein mir Suggestionserfolgen. Wer da weiß, daß geistiges Leben Wachstum ist, der gibt Nahrung und wartet, bis das Wachstum sich vollzieht durch die Aufnahme der Nahrung. Er „tut“ nichts an der Sache, er läßt sie werden, läßt ihr ihre — dem Menschen seine — Freiheit. Wohl wirkte er beruhigend wie kein anderer auf die Gemüter seiner Kranken. Wohl gab er ihnen Kraft von seiner Kraft — er gab sie wirklich, er tar nicht nur so — weil er das konnte, weil er die Kraft hatte. Und das spürte auch der, den er belehrte, dies starke Wohlwollen, die Sorge um das geistige Ergehen fühlte man über sich wachen, die führende Hand des Lehrers fühlte man und vertraute sich ihm an.
       In seiner Gegenwart konnte ich gleichsam fließender denken, und das kaum Gedachte zu Wort gebracht, nahm Gestalt an. Wie kann man dagegen bei anderen Menschen kämpfen müssen, um nicht der Flachheit zu verfallen! Er verschmähte es durchaus nicht, auch einmal in die „Fliegenden Blätter“ zu sehen. Ich scheue mich nicht, das zu sagen. Er gab uns mehrere Proben davon, wie hoch er einen guten Witz, ein Bonmot einzuschätzen wußte. Als er zum Militär eingezogen war und die Menge der jungen Leute wartend im Kasernenhof gestanden hatte zum ersten Appell, wurden sie von einem Unteroffizier alphabetisch aufgerufen, wobei ein jeder mit „hier“ antwortete. Als der Unteroffizier nun den Namen „Sommer“ rief, meldete sich niemand. Er rief zum zweiten Male lauter, und noch lauter ein drittes Mal, da sagte eine Stimme leise und schüchtern: „Mein Name ist Winter!“ Schallendes Gelächter quittierte damals im Kasernenhof, und auch wir lachten, als Herr Doktor geendet hatte, Jahre später saß ich im Eisenbahnzug einer Berliner Vorortbahn Herrn Doktor gegenüber, er zeigte zum Fenster hinaus auf einige Kasernengebäude: „Dort habe ich gedient.“ — „War das da, wo die Geschichte mit Sommer und Winter passiert ist?“ fragte ich. Er bejahte und schwieg. Nach einer Weile sagte er sinnend: „Was für eine Tragik liege darin.“ Ich verstand ihn nicht, fragte aber auch nicht und nahm mir vor, darüber nachzudenken. Da fügte er hinzu: „Wie muß dieser Mensch gekämpft haben, bevor er das sagte!“ — Das Ballgespräch eines ostpreußischen Unteroffiziers mit seiner Schönsten: „Freilein, kennen Se den Blubbereit?* — „I nei.“ — „Ei, kennen Se vielleicht dem Spirgies’?“ — „I nei, auch nicht, da kenn’ ich noch eher dem Blubbereit!“ übersetzte Herr Doktor nach seiner Art: „Kennen Sie die Materie?“ „Nein.“ — „Kennen Sie den Geist?” — „Nein, dann kenne ich noch eher die Materie.“ — Das nennt man über Geist und Materie philosophieren. „Ich kann solch Witzwort bisweilen pur brauchen“, sagte er, „es ist manchmal die einzige Möglichkeit auf eine Frage schlagend zu antworten.“ Ich aber kann seither kein Witzblatt mehr zur Hand nehmen, ohne an das Wort von der Tragik des Witzes zu denken. Und man findet sie immer — und oft so ergreifend, daß man still das Buch schließen muß.
       Die Nachmittage im dämmerigen Lesezimmer reihten sich hintereinander, nicht kann ich sie mehr deutlich trennen. Die Gedanken sprangen hin und her. Alles, was uns in den Weg kam, wurde unter die buddhistische Lupe genommen, Herr Doktor sprach auch einmal über das Verhältnis der Männer zu den Frauen: „Sie werden zu hoch geachtet, die Trauen, in germanischen Ländern. Es ist nicht richtig, wenn man die Frau höher achtet als den Mann.“ Ich warf ein: „Das geschieht doch nur auf dem Parkett. Im Leben überall sonst gibt doch der Mann den Ton an, seine Frau, seine Familie fügt sich ihm.“ Er mochte das nicht ohne weiteres gelten lassen, gab zu, daß er von mir persönlich wohl wisse, daß ich mir der Hochschätzung des Mannes eine Ausnahme machte, daß aber z. B. in Amerika die Frauenverehrung weit über das Maß des Vernünftigen hinausgehe. Das mußte ich einräumen, denn ich hatte von dieser amerikanischen Sitte gehört. „In Indien gilt die Frau nicht so viel wie hier.“ Später las ich die schönen Worte, die Dr. Dahlke über die Bescheidenheit der indischen Frau geschrieben hat. — „Kennen Sie David Hume, Untersuchungen über den menschlichen Verstand?“ — „Nein.“ — „Lesen Sie das. Der Mann kommt zu dem Schluß, daß die Kausalität, der Kausalbegriff ein Produkt der Gewohnheit ist, daß es in Wirklichkeit keine Abhängigkeit der Geschehnisse voneinander in Form von Ursache und Wirkung geben kann. Aber er hat nicht recht.“ Und nun verbreitete Dr. Dahlke sich ausführlich über den paticcasamuppāda, wie er unseren Lesern wohl bekannt ist. Diese Kausalität ist äußerlich, objektiv niemals wahrnehmbar, da sieht man nichts als den Ablauf der Geschehnisse selber, ohne kausale Zusammenhänge beweisen zu können. Denn auch bei noch so großer Wiederholung und Häufung von Beispielen, noch so feiner Zerlegung der Vorgänge kann es auf diesem Wege nie zu einer Erkenntnis der Kausalität kommen. — Aber in der Inschau, im intuitiven Denken erleben wir die Kausalität in uns und unterstellen sie daraufhin erst den Vorgängen der objektiven Welt. „Ich habe nicht Kausalität, ich bin Kausalität selber.“ Ich spürte diesem Gedanken nach und übersetzte ihn in meine Sprache: Was mich zwingt, das Wort „weil“, „damit“ zu brauchen, das ist kausales Denken, der Zusammenhang, den ich herzustellen fähig bin zwischen den einzelnen Vorgängen meines [uns Und dann in der Innenbeobachtung die zwölfgliedrige Reihe! Es läßt sich mit nichts beweisen, daß sie stimmt, aber es leuchtet unmittelbar ein, sie muß stimmen! Denken weiß von sich selber und weiß, daß es die Reihe Bilder — das ist nicht bloß abstraktes Denken, sondern vielmehr sprudelndes Leben, das zum Bewußtsein kommt.
       Ich las später den Hume und hatte eingedenk Dahlkescher Belehrung keine Schwierigkeiten, ihn zu verarbeiten. Allein es stieg mir ein tiefes Mitleid auf mit diesem Manne, der so ehrlich den Sinn gesucht und ihn als Illusion hatte abtun müssen. So war er gestorben. Wie ich einst in Goslar die Religion der Liebe hätte aufs neue Dr. Dahlke anbieten mögen, so kam mir nun der Gedanke, Welche Erlösung die Buddhalehre für Hume hätte sein können! Wenn man solche Schriften liest und ihren Kampf nachfühlt, dann möchte man doch gern den Buddhismus weitergeben denen, die unter den Mängeln der Erkenntnis leiden müssen. Dr. Dahlke sprach von Schopenhauer, der bis dahin als einer der besten Versteher des Buddhismus gegolten hatte. „Er hat ihn - verstanden. [ir kommt bis dicht vor die Wahrheit, und dann dreht er sich um. Er sieht, daß alles Wesenhafte am Willen hängt, aber er sieht nicht mehr, daß es ein etwas wie „einen Willen“ nicht gibt, daß der Wille selber nur in einzelnen aufspringenden Willensregungen besteht, daß der Wille nicht mehr aufspringen kann, wo die notwendige Erkenntnis ist,“ Als ich später Schopenhauer las, sah ich ein, wie recht Dahlke mit diesem Urteil hatte, — Die Natur lag im Rauhreif, hoher Schnee deckte die Erde. Wie schön war das alles! — Aber jetzt mischte sich in den Genuß dieses Anblickes so viel Erregung, hervorgerufen durch das gerade Vorgehen von Herrn Doktor bei seiner Belehrung, daß es mir gleichsam den Atem versetzte.
       Ich verlangte nach Belehrung, ich fühlte, ich konnte nur noch vorwärts, nie mehr zurück; aber was ich verlor, war mir doch zu lieb gewesen, als daß ich nicht hätte Schrecken und Erregung empfinden müssen, trotz aller Wißbegier. Wenn das stimmt, sagte ich mir immer wieder, dann kannst du nicht zurück. Und es stimmte doch, und ich konnte keinen Fehler finden! Mir war, als müßte ich ersticken am Nahrungsüberfluß, den dieser reiche Geist mir bot.
       So wirkten Herrn Doktors Worte. Und immer wieder kam mir das: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ in den Sinn. Es ist ja nicht so, wie die Gläubigen annehmen, daß der denkende Mensch frevelnd Gott verläßt, sondern so, daß der Gottglaube zerrinnt unter dem Denken, daß er nicht standhält, nicht Antwort steht auf die grimmig ernsten Tragen der geistigen Not. Ich traf meine Reisevorbereitungen, noch ehe meine Zeit abgelaufen war; diese Märsche mit Siebenmeilenstiefeln über den Leichenacker von Idealen, diese Denkleistungen von gigantischem Ausmaß vermochte ich nicht länger zu ertragen. Aller Familienzusammenhang, aller Zweck, alle Ziele, alle Arbeitsnotwendigkeiten, mit denen man sein Dasein immer wieder entschuldigt und rechtfertigt — alles ging verloren. Und man merkte mit einem Male, daß man am Leben hängt und alle Pflichten das schöne Entschuldigungs- und Verschleierungsmittel gewesen sind für dieses Hängen. Dieses Hängen an den Verwandten, an der Schönheit der Erde, an der Kunst, am Reichtum des Geistes, am glitzernden Spiel der Literatur, an den Wunderwahrheiten der wissenschaftlichen Forschung über „Sonnen und Sonnenstäubchen“ hinweg, diese tiefe lebende Verehrung für das Menschentum, das um all diese Herrlichkeit mit unsäglichen Opfern gerungen hat — dieses Hängen an all diesen Dingen ist Selbstsucht und weiter nichts. Ich gab Herrn Doktor aus freien Stücken die Versicherung, daß ich weiterarbeiten wollte, „Ich will nicht den Kopf wegstecken, ich will nicht Vogel-Strauß-Politik treiben gegen die Erkenntnis; aber ich muß nun dieses erst einmal verarbeiten, was Sie mir gesagt haben, und alles, was mir begegnet, daran messen.“ „Haben Sie noch etwas zu fragen?“ fragte er mich am Morgen beim letzten Frühstück. „Nichts, das ich mir nicht selber beantworten könnte“, erwiderte ich. — „Das ist ein stolzes Wort!“ — „So meine ich es nicht, mir kommt es vor, als hätte ich einen großen Tisch vor mir, ganz bedeckt mir vollen Schüsseln und müßte nun erst sehen, was alles darin ist, ehe ich sagen könnte, was mir fehlt. Ich muß in die Einsamkeit gehen.“ — „Tun Sie das! Einsamkeit ist das Notwendigste jetzt, ich wünsche Ihnen, daß Sie sie finden mögen!“ — Er sprach noch von Meister Eckhart und seinem Traktat über die Einsamkeit. Später habe ich diese schöne Schrift gelesen von der „Abgescheidenheit“. — „Werden Sie heute noch spazieren gehen?“ — „Ja, ich denke ins Wintertal.“ — Ich ging auch tatsächlich noch einmal diesen Weg und rief mir wieder alles ins Gedächtnis zurück, was Herr Doktor gesagt hatte auf jenem gemeinsamen Spaziergange.
       Ein einzig gutes Arbeitsmittel hatte er mir gegeben. Er hatte, ich weiß nicht mehr Welchen Schriftsteller zitiere: „Wenn du wissen willst, was du weißt, so mußt du dein Tintenfaß fragen.“ Schon in Goslar hatte ich angefangen, mich schriftlich mit dem Buddhismus auseinanderzusetzen. Dem Aufschreiben aller Unklarheiten und ihrer Ausarbeitung verdanke ich meine besten Fortschritte. So gebe ich diesen Rat weiter. Mittags nach der Tafel verabschiedete ich mich von den Gästen. Ein alter Herr wünschte mir „alles Gute“. Ich hörte es mit halbem Ohr und dachte: so etwas Banales willst du zu Doktor Dahlke nicht sagen. Da stand er vor mir, und in meiner Ratlosigkeit fand ich kein Wort des Dankes und keins des Abschieds, obwohl ich überzeugt war, daß ich ihn nie wieder sehen würde, und die eben gehörten Worte rutschten mir über die Zunge: „Ich wünsche Ihnen alles Gute!“ Er lächelte höchst amüsiert und sagte: „Das halte ich für selbstverständlich!“ Aber ich ließ mich nun nicht mehr aus dem Text meiner Verwirrung bringen, beteuerte: „Das ist es auch“, und weiß nicht, wie ich davon gekommen bin. Herr Doktor erlaubte mir noch, wenn ich etwas zu fragen hätte, ihm zu schreiben, „ich will es Ihnen beantworten, so gut ich kann“. Die Bescheidenheit, die in diesen Worten lag, rührte mich tief. Dann dachte ich: davon willst du nur in höchster Not Gebrauch machen, wenn du absolut nicht mehr allein weiter weißt. Denn seine Einsamkeit war mir heilig, und ich wollte sie ihm erhalten, so lange ich irgend konnte.

Fortsetzung folgt.

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(6. Fortsetzung.)

 

       Nun folgte eine Zeit von mehr als einem Jahr, in der ich von Dr. Dahlke nichts hörte. In dieser Zeit arbeitete ich die Bücher „Buddhismus als Weltanschauung“ und „Buddhismus als Religion und Moral“ durch. Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, hier über mein Eindringen in das Wesen des Buddhismus genauer zu sprechen, Nur so viel sei hier gesagt: diese Arbeit bewirkte, daß ich im Spätherbst des gleichen Jahres, 1914, mich verpflichtet fühlte, Herrn Doktor für sein Werk zu danken und ihm zu bekennen, daß ich zu der pantheistischen Weltanschauung und Religion, in der ich seither gelebt hatte, nicht mehr würde zurückkehren können. Ich schrieb in diesem Sinne einen Brief an ihn, ohne indessen dadurch eine dauernde Verbindung veranlassen zu wollen. Im März des folgenden Jahres, 1915, erhielt ich ein sehr freundliches Schreiben mit manchem guten Ratschlag und herzlichem Wunsch, daß es mir gelingen möge, immer tiefer in die Lehre einzudringen, sowie der Aufforderung, öfter von mir hören zu lassen.
       Im Laufe des Sommers kam es zum Plan einer Zusammenkunft. Aber erst zwischen Weihnachten und Neujahr konnten wir diesen verwirklichen. Ich reiste am 30. Dezember nach Berlin und stand verabredetermaßen am Silvestertage mittags 12 Uhr in der Prinzregentenstraße, wo Herr Doktor seit einiger Zeit Wohnung genommen hatte. Ich gestehe, ich zog die Glocke mit Herzklopfen und hatte doch keine Ursache, Furcht zu empfinden einem Menschen gegenüber, dem ich das Beste zu danken hatte, was ich besaß und der frei von aller Selbstsucht nichts gewollt hatte, als mir das Glück der Lehre zu öffnen. Ein junges Mädchen meldete mich, und einen Augenblick später stand Herr Doktor vor mir im Flur und hieß mich mit Freundlichkeit und Freudigkeit willkommen. Er führte mich in sein Sprechzimmer, einen mäßig großen Raum, und ließ mich an der Schmalseite seines Schreibtisches, ihm schräg gegenüber, niedersitzen. Das Zimmer kam mir in jenem Augenblick sehr sonnig vor. An den hellen Wänden hingen einige unauffällige kleine Bilder, Erinnerungen aus Indien und anderes, an der Hauptwand stand ein großes Bücherregal, in der Mitte darauf eine kleine Buddhastatue, in der Ecke noch ein Chaiselongue. Und nun saßen Herr Doktor und ich beieinander nach zweijähriger Trennung, der doch eine nur kurze Bekanntschaft voraufgegangen war. Damals, in Goslar, hatte ich mich von einem Fremden getrennt, jetzt saß ich einem nahen Bekannten gegenüber. Und obschon ich das Gefühl einer hohen Achtung vor ihm keinen Augenblick aus dem Bewußtsein verlor, kam doch im Gespräch dieses gute Kennen zum Ausdruck. Die merkwürdige Art der Rede und Gegenrede setzte auch schon wieder ein, dieses Nur-Andeuten und doch Gleichverstanden-Werden.
       Herr Doktor erzählte, wie es ihm ergangen war. Er hatte sich zu Beginn des Krieges „in die Arbeit gestürzt“, um hier Rettung vor den Schrecklichkeiten zu suchen. Er hatte einen befreundeten Arzt in St. eine Zeit lang vertreten, bis dieser unerwartet schnell aus dem Heeresdienst entlassen worden war. Ich glaube aus gesundheitlichen Gründen. Dann war er hier nach Berlin zur Vertretung eines anderen Kollegen gekommen. Die Praxis überanstrengte ihn nicht. Sein Aussehen hatte sich gegen die Goslarer Zeit entschieden gebessert. Begreiflicherweise erzählten wir uns über die Eindrücke, die der Kriegsausbruch auf uns gemacht hatte. Herr Doktor hatte in der Tat geglaubt, daß Kriege bei uns kaum mehr möglich seien. Versunken in das eigene Geistesleben, bereit zum Aufgeben, zum Fahrenlassen, zur Loslösung hatte er offenbar nicht bemerkt, wie einsam er inmitten einer Welt ungekühlten Lebensdurstes stand. Der Mensch schätzt den Menschen nach sich, d, h. subjektiv, ein. Er hält seine Gedanken für Weltgedanken, seine Nöte setzt er auch bei anderen voraus, sicherlich mir einer gewissen Berechtigung. Aber die Friedensliebe und -Sehnsucht, die Herrn Doktor in den Buddhismus getrieben hatte, war nicht Allgemeingut der zivilisierten Welt. — Er schilderte, wie ungeheuer schmerzlich, wie schrecklich ihn der Wahnsinn des Krieges berührt hatte, wie sein Denken katastrophal dadurch zunächst aufgehoben worden sei, in eine Starre versetzt, „Zu Anfang dachte ich immer: Wenn ich doch nur in Indien wäre, jetzt!“ — Kein Wort des Hasses, keins des Vorwurfs, keins der Verachtung, keins der Anklage kam über seine Lippen. Nur Leiden spürte er, ein schreckliches intensives Mitleiden mit allen denen, die da draußen in Not und Tod, in Haß und Wahn zugrunde gingen, mit denen, die in Angst und Liebe, in Wahn und Wut hier im Lande saßen. Und dann hatte er sich gemüht, die Methode in diesem Wahnsinn zu verstehen. Er suchte nach des Krieges Sinn und Überwindung. Seine Enttäuschung endete, wie sie bei einem wahrhaft großen Menschen nur enden kann: in Mitleid und Liebe, in Hilfsbereitschaft, Opfersinn und -gabe. Er wollte schreiben.
       Dieser Entschluß gab ihm wieder Boden unter die Füße. Er erwarb Geld mit der Praxis und gab es für die Lehre — für die irrende Welt. — Ich blieb zu Tisch. Dann gab mir Herr Doktor das neu erschienene Werk „Buddhismus“ von Grimm in die Hand, das er vom Verfasser zur Kritik erhalten hatte. Und während er selber sein Schlafzimmer aufsuchte, um eine durchwachte Nacht etwas auszugleichen, blätterte ich in diesem Buche und suchte mir die fraglichen Stellen heraus, die jene verhängnisvolle Abweichung aufzeigten, durch die der Verfasser aus dem Buddhismus aufs neue eine Atta-Lehre machen wollte, weil er den Anatta-Gedanken nicht zu ertragen vermochte. Dann kam Herr Doktor zurück. Er hatte einen Patientenbesuch in Spandau zu machen und forderte mich auf, mit ihm dorthin zu kommen. Wir fuhren hin, und unterwegs erzählte er mir manches aus seiner Jugend, aus seiner Studienzeit, das ich besser mit anderen Erzählungen zusammengefügt demnächst hier wiedergeben möchte. Ich wartete vor der Tür des Patientenhauses bis Herr Doktor wiederkam und fragte nach dem Befund. „Besser als ich erwartet hatte.“ Wir freuten uns beide. Er setzte mir den Fall noch kurz auseinander. Dann fuhren wir stehend in einem überfüllten Vorortzüge zurück. „Ich möchte wohl wissen, was Ernst Mach zu Ihrem Buche gesagt hat,“ warf ich hin. „Der hat es wohl gar nicht gelesen,“ sagte Herr Doktor Welch.
       Zu Hause angekommen, zeigte er mir noch mehrere Kunstwerke indischer und chinesischer Herkunft. Er besaß einige schöne Bildermappen mit Reproduktionen berühmter orientalischer Kunstschätze. Ich kannte nichts derartiges. „Wollen wir einmal in ein Museum gehen?“ fragte er mich. Ich lehnte das, dankend für seine Bereitwilligkeit, ab; denn ihm mußte es eine Anstrengung sein, dorthin zu gehen, und die Werke selbst kannte er. So riet er mir, am nächsten Morgen, zur Zeit seiner Sprechstunde, die Sammlungen des Völkerkundemuseums in der Budapester Straße anzusehen, und nachher wieder zu Tisch zu kommen. Unter seinen Schätzen zeigte er mir auch jenen schönen Marmortorso, den Buddhakopf, dessen Auffindung er in der Neu-buddhistischen Zeitschrift beschrieben hat.
       Damals war noch kein Sockel dazu vorhanden und er konnte nur liegend aufbewahrt werden. Bei den geschlossenen Augen ist mir (die liegende Stellung immer als die natürlichere erschienen. Ich mußte an Parinibbana denken. Ich bat, den Kopf anfassen zu dürfen, weil ich wußte, daß man die letzten Feinheiten der Ausarbeitung mehr fühlen als sehen kann. Den Beweis dafür fand ich auch gleich. Ich ersuchte Herrn Doktor, ebenfalls mit der Hand über das Marmorantlitz zu fühlen, und überrascht zögerte sein Finger an der Nasenwurzel. „Sie haben recht, das erwartet man nicht“, sagte er. Die Nase entsprang merkwürdig hoch, fast oberhalb der Augenwinkel. Wir versenkten uns lange in diesen Anblick. „Helen Keller sagt einmal, sie glaube, der Gesichtssinn sein der oberflächlichste von allen,“ bemerkte ich. — „Es könnte sein, daß sie recht hat,“ antwortete Herr Doktor zögernd. In die buddhistische, indische und chinesische Kunst habe ich mich erst langsam hineinfühlen müssen.
       Wir sind es gewöhnt, Leidenschaften zu sehen, Gefühle, Schmerz und Lust; Ausdruck von Energien, Tatendrang, Begeisterung, gefühlsmäßige Frömmigkeit in Gebärde und Gesicht, die Furchen und Falten, die die Kämpfe in Lust und Haß im Antlitz hinterlassen haben. Das nennt man Geist, und es ist doch nur Drang, Wille, Gier. So fremd, wie uns der Gedanke des letzten reinen Verzichtes, des Entsagens ist, sein „nichts weiteres auf dieses hier“, so fremd sind uns seine stillen geglätteten Gesichter. in. Buddhaantlitz zeigt mehr Spuren jenes gewaltigen Ringens auf, das diesem Frieden voranging. Vom Geist, vom Denken, von Zucht und Weisheit ist alle Tat gebändigt, alles Leiden gestillt, sind alle Furchen eingeebnet. Wie sollte man das anders ausdrücken können, als in der Geschlossenheit dieser faltenlosen Züge, diesen nur nach innen offenen sanften Bogen, den gewölbten Lidern, dem eingezogenen Mund, „wo nichts sich regt!“ Das Edeltum der Form, des Baues allein verrät noch die Herkunft. Das Leben darin bleibt regungslos, wie die Flamme bei Windstille. In manchen Monumentalbauten und Plastiken der ägyptischen Kunst habe ich etwas Verwandtes zu finden geglaubt, ob mit Recht oder nicht, das wage ich nicht zu entscheiden. Und noch etwas anderes rührt in dieser Kunst, das ist der Ausdruck der Pietät gegen die Überlieferung. Jede Haltung, jede Geste, die Kleidung, die ganze Umgebung, jeder kleine Zierrat, alles hat seinen Sinn, seine Bedeutung. Der große Künstler, ebenso wie der naiv anbetende Laie, sie fügen sich willig der Überlieferung, und keiner sucht seiner eigenen Reife einen anderen als den traditionellen Ausdruck zu verleihen. Man denke an die „Auffassungen“ in der bildenden Kunst des Westens und ihren Wandel! Ehrfurcht und Frömmigkeit gegenüber dem, was man übernommen hat, fehlen hier ganz. Auch hier zeigt der Westen eine die Entwicklung vortäuschende Veränderlichkeit, wohingegen im Buddhismus die klare Überzeugung herrscht, daß an ihm nichts zu entwickeln ist, daß er vollendet war, als er entstand. Wohl ihm, wohl uns! Lachend und spottend über das vergängliche Schönheitsideal des Augenblickes ruht der Geist sicher in der Lehre der Wirklichkeit und der Sinn wird nicht gereizt durch das immer Neue innerlich friedloser Künstler. Von den Photographien, die Herr Doktor mir zeigte, schenkte er mir einige und fügte noch eine große Abbildung, einen handgetönten Druck des Buddha von Kamakura, hinzu. Gegen neun Uhr verließ ich ihn und kehrte in mein Hotel zurück.
       Am nächsten Morgen ging ich, wie mir geraten war, in das Museum für Völkerkunde und sah mir den großen vergoldeten Buddha, das wunderbare Tor des Stupa und einige Bodhisattas an. Um 12 Uhr saß ich wieder an der Seite des Schreibtisches wie am Tage zuvor. Diesmal plauderten wir über meine Art, den Schriften Herrn Doktors Verständnis abzuringen. „Ich habe mir alles, was mir unklar war, aufgeschrieben und Aufsätze dagegen gemacht, bis ich zuletzt doch immer auf Ihre Spur gekommen bin, Diese intensive Beschäftigung hat mich dahin gebracht, daß ich mir geradezu Ihren Stil aneignete, was ich erst bemerkte, wenn ich das Geschriebene wieder durchlas.“ Herr Doktor lächelte: „Mir ist es so ähnlich mit Jean Paul gegangen. Ich hatte mich so in ihn hineingelesen, daß ich ihn in seiner Art nachahmte.“ Von der „Weltanschauung“ sagte er: Sie hat mir jahrelang Arbeit gemacht. Wo ich auch hinkam, auf meinen Reisen, immer lag gleich wieder das Manuskript auf dem Tisch meines Hotelzimmers. Ich bin immer von einer Kladde in die andere gekommen.“ „Das sieht man dem Werke an,“ beteuerte ich. „Daß es eine Kladde ist?“ scherzte er. Ich erzählte, daß es mir einige Zeit Schwierigkeiten gemacht hatte, zu begreifen, daß Leben tatsächlich individuell sei, da doch Teilung bei der Vermehrung offenbar eintrete. „Und wie haben sie diese Schwierigkeiten gelöst?" fragte er, „Mit einem Regenwurm‘, sagte ich kurz, „ich habe mir vorgestellt, ich hätte einen gezähmten Regenwurm, der auf seinen Namen hörte. Den teilte ich in der Mitte quer durch und fragte mich, welcher Tel würde auf den Namen weiterhin hören oder würden es beide Teile tun?“ „Und wie haben Sie die Frage gelöst?“ fragte er weiter. „Ich habe mir gedacht, nur der eine Teil würde weiter auf den Namen hören, der andere würde weiterleben, weil ein neues Kamma in ihm fußgefaßt hätte. Er würde ein zweites Lebewesen sein mit einer aus irgendeinen Sterben übernommenen Energie, was sein Leben anbetrifft, nicht ein Teil des ersten Wurmes. Ich habe dann gedacht: Unmöglich, daß Sie, Herr Doktor, nicht auch auf diese Schwierigkeit gestoßen sein sollten. Ich habe daraufhin „Buddhismus als Weltanschauung“ durchsucht und in der durch Teilung sich vermehrenden Amöbe meinen Regenwurm wiedergefunden.“ Herr Doktor erzählte, daß auch ihm diese Trage längere Zeit Schwierigkeiten gemacht hatte, und daß die Amöbe ein noch besseres Musterbeispiel für dieses Problem sein als der Regenwurm. wir waren uns des Komischen an dieser Sache wohl bewußt — ein gezähmter Regenwurm ist schließlich nicht das klassische Objekt für Weltanschauungsfragen. Aber er genügt ja.
       Dann setzten wir uns zu "Tisch. Die Wirtschafterin hatte am Tage zuvor erst ihr Amt angetreten. Herr Doktor lobte ihre Kochkunst. Sie ist bis zuletzt aber ihm geblieben und entwickelte sich bald zu einer Art Universalgenie. Allgemein unter dem Titel „Fräulein“ bekannt, spielte sie im Dahlkeschen Haushalt sowie bei den Patienten keine unbedeutende Rolle. Nach Tisch hieß Herr Doktor auf einem Grammophon die Eroica von Beethoven spielen. Er war in früheren Zeiten ein leidenschaftlicher Anhänger der Musik, namentlich Beethovenscher, gewesen und hatte auch immer Leste gehabt, die bereit waren, ihm vorzuspielen. Soviel ich weiß, spielte er selber nicht. Jetzt lebte er ganz ohne Musik und konnte gut leben ohne sie. Man glaubt nicht, wie entbehrlich Kunst ist, bevor man versucht hat, sie zu entbehren. Dann gingen wir wieder Patientenbesuche zu machen. Abends zeigte mir Herr Doktor ein Buch von Henry Bergson „Einführung in die Metaphysik“. Ein Wiener Student hatte ihn darauf aufmerksam gemacht mit der Bemerkung, es sei das gleiche, was Dr. Dahlke als Buddhismus ausgebe. „Aber es ist nicht dasselbe,“ sagte Herr Doktor, „der Mann hat nicht verstanden, was Buddhismus ist.“ — Ich fragte nach dem Stande einer buddhistischen Bewegung hier. Aber Herr Doktor hatte bisher keine Anhänger, keine Versteher gefunden. Schon in Goslar hatte er kein Hehl daraus gemacht. Auf meine d ige Frage, wie er sich stellen würde, wenn sein Buch nicht den erwarteten Erfolg haben sollte, von der Wissenschaft aufgenommen zu werden, hatte er geantwortet: „Nun, dann habe ich es für mich selber geschrieben.“
       Auch am dritten Tage war ich noch Gast in der Prinzregentenstraße. Wieder plauderten wir, aber nie in leeren Worten, sondern ein jeder gab aus seinem Innenleben, was ihn bewegte. Wir gingen auf Patienten-Besuche und draußen erhielt ich regelmäßig Bescheid, wie der Befund gewesen war. „Ich habe das Glück, mit der Homöopathie im Sinne meiner buddhistischen Überzeugung zu medizinieren,“ sagte er. „Das habe ich mir wohl gedacht,“ antwortete ich, eingedenk der betreffenden Bemerkung aus der „Weltanschauung“. An einer Straßenbahnhaltestelle wartend, beobachteten wir einen sehr kleinen Soldaten. „Sehen Sie doch nur! Jetzt nehmen sie alles, der Mann dort hat sicherlich nicht das Militärmindestmaß!“ sagte Herr Doktor. „Meinen Sie nicht? Ich habe einen Bekannten, einen Reserveoffizier, der mich nicht größer dünkt. — Und er hat eine Frau, die größer ist als ich,“ fügte ich der Merkwürdigkeit halber hinzu. -— „Dann haben sie sich nicht aus Liebe geheiratet,“ sagte Herr Doktor. — „Das kann sein. Haben Sie wohl mal Sherlok Holmes Kriminalromane gelesen? — Aber sowas lesen Sie wohl nicht?“ setzte ich schnell hinzu, -—— „Oh, warum nicht!“ bemerkte er. — „Darin sagt der betreffende Holmes zu seinem ihm eben seine Verlobung ankündenden Freunde: Ich würde niemals heiraten, aus Furcht, mein klares Urteil zu beeinträchtigen.“ — Herr Doktor stimmte eifrig zu: „Da hat der Mann recht, die Liebe beeinträchtigt das klare Urteil.“ Dann hing jeder ein Weilchen seinen eigenen Gedanken nach. Wie häßlich das ist, einen anderen Menschen um sein klares Urteil zu bringen!
       Am Abend verabschiedete ich mich voller Dankbarkeit. Wir wußten nicht, wann sich die Gelegenheit zu einem Wiedersehen bot. „Ich schreibe nicht viel, Herr Doktor, weil ich Sie nicht viel stören möchte und weil ich immer denke, was ich Ihnen schreiben könnte an auftauchenden Gedanken aus der Beschäftigung mit der Lehre, das wissen Sie ja doch schon alles.“ Er nickte freundlich und zufrieden. Dann schloß sich die Tür. Von der Straße aus blickte ich noch einmal hinauf zu dem matten Licht, das durch die geschlossenen Vorhänge schimmerte. Ich war nicht traurig, ich war sehr friedlich und feierlich gestimmt. Die Schritte hallten auf der dunklen Straße, die Sterne leuchteten vom klaren Himmel. Es ging sich schön zu Fuß durch die stille Kälte.
       Der Morgen brachte ein sehr schlechtes, naßkaltes Regenwetter. Trotzdem meldete man mir bald nach 8 Uhr Herrn Doktors Besuch an. Er saß im Schreibzimmer des Hotels mit nassem Regenschirm und war gekommen: „nur um mir das Buch von Henry Bergson noch zu bringen“. Ich sollte es mit nach Hause nehmen. Er, Herr Doktor, selber müsse jetzt gleich zurück in die Sprechstunde. Ich warf schnell meinen Mantel über, ihn noch etwas zu begleiten. Auf dem Flur klagte er über sein Befinden. Er hatte wieder fast nicht geschlafen. Eine Arterienverkalkung „hier hinten“, er zeigte auf seinen Kopf, bereitete ihm oft lästigen Schwindel und ein beständiges quälendes Klingen im Ohr, Ich sagte irgend etwas impulsiv heraus, ich weiß absolut nicht mehr was, es muß wohl ein Versuch gewesen sein, ihn zu trösten. Plötzlich lächelte er spitzbübisch, amüsiert. Und ich merkte, ich hatte etwas Dummes gesagt, wenn ich ihm, dem Arzt, Hoffnung auf Besserung machte. Wir stiefelten durch den Regen über pfützenreiche Straßen. Herr Doktor schien das Wetter nicht zu bemerken. Er sprach jetzt lebhaft und unbekümmert von seinen Beobachtungen an Volkscharakteren. „Der Deutsche ist überall der kleine Mann, flink bei der Hand, aber ihm fehlt es an Vornehmheit. Er wirkt da draußen im Auslande nicht gut. Kennen Sie die Bezeichnung ‚Radfahrer‘? Er duckt sich nach oben und tritt nach unten. Und wenn er einem Untergebenen wohl will, so zeigt er das gleich in einer unvornehmen kränkenden Art, als wenn er dem anderen mit plumper Vertraulichkeit auf die Schulter klopfen wollte.“ Und doch habe ich immer das Gefühl gehabt: Auch wenn Dr. Dahlke räsonnierte, dann tat er es nicht, um einer wirklichen Abneigung Luft zu machen, sondern viel eher, um zu helfen, damit es besser wurde in der Welt. Er war sicherlich — wenigstens damals — durchaus noch nicht frei von Temperament, er konnte sich über Schlechtigkeiten sehr aufregen und empören. Niemals aber war er ein herzloser Weltverächter. Mitleid und Liebe verließen ihn nicht denen gegenüber, an denen er vieles auszusetzen hatte. Er sagte das wohl nicht, aber man fühlte es doch aus der Art seiner Rede. Die Straßenbahn kam. Herr Doktor sprang auf und grüßte noch einmal zurückwinkend von der Plattform.

(Forts. folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(7. Fortsetzung.)


       Von nun an kam ich öfter nach Berlin, teils für Tage, teils für Wochen. Nicht nur mein Wille, mein Schicksal führte mich. Ich hatte dort zu tun. Dann läutete Dr. Dahlke regelmäßig Donnerstag abends bei mir an und bestellte mich zum Freitag, wenn seine Sprechstunde ausfiel, zu sich, und wir machten miteinander Krankenbesuche und Besorgungen. Nur einmal habe ich eine Kranke mit ihm zusammen gesehen, weil die äußeren Verhältnisse das mit sich brachten. Von der Behandlung ist nichts Besonderes zu berichten. Er gab ein paar Anordnungen und, sich zum Gehen wendend, berührte er mit den Fingerspitzen die Weidenkätzchen, die auf dem Tisch der Kranken standen: „Wenn die Menschen doch alle erst so sanft wären wie die Kätzchen“, sagte er. Niemand antwortete ihm. Es war Krieg draußen. Da wandte er sich zu mir um: „Nicht wahr, es ist nicht schwer, geistreich. zu sein! Aber wahr sein ist schwer!“ — Im Sommer 1917 war Herr Doktor schon eifrig mit dem Gedanken beschäftigt, für den Buddhismus wieder etwas zu schreiben. Er schwankte noch, ob es ein Buch oder eine Zeitschrift werden sollte. Seine Praxis beschäftigte ihn schon weit stärker als zu Beginn. „Meine alten Patienten haben allmählich gemerkt, daß ich wieder da bin.“ Überlegend, was er schreiben wollte, äußerte er: „Mit einer Zeitschrift ist man immer gedrängt, damit sie rechtzeitig fertig wird. Bei einem Buche fällt das fort.“ Dennoch entschloß er sich für eine Zeitschrift. Aber er fand keinen Verleger dafür. Niemand erhoffte damals von einer derartigen Schrift Erfolg. Die Welt war mit Kriegsgedanken bis zum Rande gefüllt. Auch ich hatte gewagt, abzuraten, und vorgeschlagen, ob man nicht das Ende des Krieges wenigstens abwarten wollte. Allein Herr Doktor ließ sich auf nichts mehr ein, „Jetzt ist die Lehre am nötigsten; wenn man fragen würde, wann die Welt Zeit dazu hätte, dann hätte sie sie niemals.
      Er entschloß sich, die Schrift im Selbstverlag erscheinen zu lassen. „Das wird natürlich eine Menge Geld kosten, aber dazu ist es ja da!“ Mit dem Gedanken des Selbstverlages befreundete er sich immer mehr: „Nun kann ich schreiben, wie und was ich will, und brauche aut keinen Verleger Rücksicht zu nehmen.“ So entstand die „Neu-Buddhistische Zeitschrift‘, die an den Kriegsereignissen nicht vorüberging, sondern sie lebhaft mitbegriff und gedanklich verarbeitete. Die „Studien zum Weltkrieg und „Gedanken und Meinungen über zeitgemäße Themen“ gaben ihr einen aktuellen Charakter.
       Hier erlaube ich mir einzufügen, daß die Kriegsaufsätze, die in Fortsetzung erschienen, keinen Abschluß gefunden haben. Ich merkte, daß sie aufhörten, wollte aber absichtlich Herrn Doktor darauf nicht hinweisen, weil Ich glaubte, daß er sie in einem der nächsten Hefte wohl zum Abschluß bringen würde. Dann geriet mir die Sache doch aus dem Gedächtnis. Ich habe nie gefragt, wo das Binde geblieben sei. Vielleicht biegt es noch irgendwo in dem Manuskripten, vielleicht hat Herr Doktor es nicht für geeignet zur Veröffentlichung gehalten. Vielleicht änderte er damals seine Anschauungen über die Rolle, die Deutschland in diesem Kriege gespielt hatte oder die es bei diesem Friedensschluß spielen wollte.
       Jedenfalls war auch ihm das Kriegsende unerwartet, wenigstens in der Art, wie es eintrat. Wohl hatte er von Anfang an einen Sieg der Mittelmächte für unmöglich gehalten. Ich entsinne mich, daß er das 1916 sagte: „Die Feinde haben ein begrenztes Operationsfeld, wir haben das nicht. Rußland kann es machen wie zu Napoleons Zeiten: es zieht sich immer weiter zurück, es weicht der Entscheidung aus und ermüdet uns. Wir haben keine Zeit zu warten; wir verschlechtern unsere Lage mit jedem Vormarsch nach außen.“ Dann kam das neue Moment, daß auch Herr Doktor nicht gewittert zu haben schien. Zuerst zeigte es sich in undeutlichen Äußerungen der sozialdemokratischen Parteien. Er kritisierte einzelne Äußerungen und las eifrig Zeitungen, auch Rosa Luxemburg und anderes. Wir blieben vor jedem Aushang neuer Blätter stehen. Einmal warf er spontan hin: „In einer Hinsicht imponieren mir die Rechtsparteien: sie sind aufrichtig, sie wollen haben und sie sagen aufrichtig, daß sie das wollen.“ Dann gab es wieder Zeiten, in denen auch er keinen Ausweg zu erkennen "mochte. Ich entsinne mich, daß wir einst in der Straßenbahn über den Potsdamer Platz fuhren, ein jeder seinen Gedanken hängend; da sagte Herr Doktor plötzlich in das Schweigen hinein: „Wenn der Buddha da wäre, der wüßte jetzt, was das Richtige zu tun wäre.“ Ich antwortete: „Einmal hat er doch dem Magadha-Minister auf dessen Frage, ob der König mit den Vajji Krieg führen sollte, eine Antwort gegeben.“ — „Sie meinen im Parinıbbana-Sutta. Ja!“ — „Und diese Antwort lautete nicht: Ihr dürft keinen Krieg anzetteln, der Krieg ist Unrecht.“ -— „Nein! So lautete sie nicht“, sagte Herr Doktor sehr ernst. Und dann folgte wieder Schweigen. Ich zählte mir die sieben Eigenschaften aus dem Sutta auf: „Solange ein Volk häufig Versammlungen abhält, seine Versammlungen gut besucht sind, solange es in Eintracht zusammenkommt, in Eintracht auseinandergeht, in Eintracht seine staatlichen Obliegenheiten ausführt, nichts Ungebräuchliches festsetzt, die alten Gebräuche nicht verletzt und in Beobachtung der alten Gesetze Ich ihn es seine Greise ehrt und schätzt und deren Rat beherzigt, seine Frauen und Mädchen nicht fortschleppt, noch mit Gewalt zurückhält: solange es seine Gedenkmale ehrt und schätzt, den religiösen Dienst für sie nicht verfallen läßt, solange Obhut, Schutz und Schirm für die Männer der Religion bereit ist — solange ist bei einem Volk Gedeihen zu erwarten und nicht Verfall. Der feindliche König wird einem solchen Volke nicht beikommen können, zum mindesten nicht, soweit es offenen Krieg betrifft; ausgenommen vielleicht durch Diplomatie und ‚innere Spaltung.
       Später hat sich wohl kein Kenner dieses Suttas der Tatsache verschließen können, daß in Deutschland auch nicht eines dieser sieben Merkmale eines im Gedeihen begriffenen Volkes zu finden war. Und Dr. Dahlke sagte einmal in Empörung: in Volk von Kriegsgewinnlern kann keinen Krieg gewinnen!
       Er war der erste und einzige von denen, die ich damals kante, der prompt bei Friedensschluß sagte: „So — jetzt haben wir den Krieg verloren. Jetzt müssen wir arbeiten! Wer Schulden hat, muß arbeiten!“ Das hat keine Zeitung, keine politische Partei damals dem Volke klarzumachen gewußt.
       Als bedingungsloser Freund des Friedens hoffte auch er, daß diese Form des Kampfes, die man Krieg nennt, einmal von der Menschheit überwunden werden könnte. Inzwischen hat sich gezeigt, daß andere Kampfesformen wie die wirtschaftliche oder der Klassenkampf eine Schwere annehmen können, die der mit Kugeln an Grausamkeit bedenklich nahekommt. Und damit bewahrheitet sich von neuem sein Wort: „Aber wollt ihr Frieden pflanzen, sorgt erst, daß er in euch sei“ (Winterheft 1918, Neu-Buddhistische Zeitschrift). Was hilft es der Welt, wenn der Pazifist ihr den Degen und noch einiges andere nimmt; wenn im Denken der Frieden nicht eingezogen ist, wird nur mit anderen Waffen weitergekämpft: Wirtschaftskampf, Inflation, Streik, Aussperrung, Arbeitslosigkeit, Hunger, Rassen- und Klassenkampf oder wie man sonst die Menschen zu Paaren treibt. Mir scheint jerzt fast, als wären diese Arten des Kampfes in ihrem Ansatz noch verhängnisvoller, weil diese „Schlachtenlenker“ ihre Brust dem Feinde nicht darbieten, sondern aus sicherer „Position“ „arbeiten“. Alle diese Kampfesarten werden noch skrupelloser begonnen als der Krieg. Man ist sich ihrer letzten Konsequenzen nicht so bewußt und meint, dabei nicht zu töten.
       Die deutsche Nachkriegszeit und ihre Politik brachte, abgesehen von dem Eindringen russisch-kommunistischer und bolschewistischer Ideen, keine neuen eigenen Weltanschauungen hervor. Als die Revolution des 9. November kam, hatte ich den Eindruck, als ob Dr. Dahlke kopfschüttelnd dabei stand etwa mir der Frage: „Das ist alles?“ — Wenn etwas an ihr, so mag ihn die Kleinheit ihres Geistes enttäuscht haben.
       Er wandte sich den russischen Ideen zu, verarbeitete und kritisierte sie, beschäftigte sich mit ihnen wie mit denen Indiens bis an sein Lebensende, indem er die politischen Grundsätze weltanschaulich, d. h. in Gültigkeit auf alle Welt hin prüfte, international! Seine Probleme lauteten nicht „Indien und England“ oder „Rußland und wir“, sondern „Der Staat und wir (wir denkenden Menschen)“; damit machte er die Frage zu einer eigenen Angelegenheit der oberen Zehntausend (10 000 oder sehr viel weniger). Dies Problem „Staat und Mensch‘ kann gedanklich ergriffen und erfaßt werden nur von sehr wenigen Denkern, gelöst nur vom Genius. — „Weltherrscher! — Friedensfürst!“ — Welch ein Mensch ist so groß? Der Kämpfer ist ein Dilettant im Vergleich mit ihm. Alexander, Cäsar, Karl, Napoleon mögen Weltherrscher gewesen sein; Friedensfürsten waren sie nicht. Die Frage „Staat und Mensch“ war ihnen nie problematisch. —
       Wir überlegten einst, was ein zum Kriegsdienst verpflichteter Buddhist zu tun hätte. „Das Vollendete wäre, die Arme hängen und sich erschlagen zu lassen. Wer bringe das fertig?“
Damit wäre eine Art, dies Problem von der persönlichen Seite her zu lösen, gegeben. Von der Seite des Staates und seiner Vertreter indessen nicht; denn der Staat ist eine von Menschen aus Notwendigkeit geschaffene Einrichtung, und zwar nicht zum mindesten auch zu dem Zwecke, Töten zu verhindern kraft Gesetz und Macht.
       In dieser Richtung bewegten sich unsere Gedanken und gelegentlichen Äußerungen. — Inzwischen war die Zeitschrift etwa ein Jahr alt geworden,sie war und blieb ein Schmerzenskind. Ihre Abonnentenzahl blieb klein. „Wenn ich sie bekannter machen will, muß ich annoncieren, das ist aber in den Tageszeitungen nicht üblich; es geht allein im Buchhändler-Börsenblatt. Ich muß dem Verein der deutschen Buchhändler und dem Buchhändler-Börsenverein beitreten, dazu muß ich handelsgerichtlich eingetragener Verlag sein“, erklärte Herr Doktor. Und eines Freitags machten wir uns auf, um die Eintragung ins Handelsregister vornehmen zu lassen. In derart praktischen Dingen war Herr Doktor begreiflicherweise nicht sehr geübt. Ein Beamter überreichte uns einen Fragebogen und wies uns an einen Schreibtisch, ihn auszufüllen.Da saßen wir nun und studierten erst mal,. Welche Würden wir nachweisen mußten, um unter handelsgerichtlich eingetragenen Firmen Aufnahme zu finden. Ich bekenne, Herr Doktor war ein ganz Teil wahrheitsliebender als ich, aber die Größe meines Mundes trug den Sieg davon.
       „Wieviel Lagerräume haben Sie?“ „Schreiben Sie“, sagte ich, „zwei Räume von ca. 100 Quadratmeter Flächeninhalt,“ (Das war teils Trockenboden, teils Zeitschriftendepot, teils Kellerküche, teils Packpapierecke.)
       „Wieviel Angestellte beschäftigen Sie?“ „Fräulein“ konnte man ja schließlich nicht vergrößern. Also: Eine Büroangestellte für dauernd, anderes Personal nur vorübergehend; daß „Fräulein“ im Nebenamt Haushälterin und Sprechstundenhilfe war, was ging das das Handelsregister an! Das „vorübergehende Personal“, erklärte ich Herrn Doktor, seien der Junge des Portiers, der schon einmal ein Paket zur Post gebracht hätte, und ich in gleichen Diensten, „Wieviel Geschäftsräume haben Sie?“ „Ein zweifenstriges Verlagsbüro.“ Das war das kleine Wohn- und Eßzimmer von Herrn Doktor. Die zwei Fenster lagen aber hintereinander wegen Kälte. „Wieviel Jahresverdienst haben Sie durchschnittlich?‘ „Keinen“, schrieb Herr Doktor in einer Anwandlung von neuem Mut zur Aufrichtigkeit, Daß er keinen haben wollte („Noch nie hat ein Buddhist für die Lehre Geld genommen“), damit konnte er dem Handelsregister nicht imponieren. Als wir das Blatt dem Beamten einhändigten, sagte dieser denn auch: „Keinen Verdienst? — Ja — denn — Schreiben Sie lieber: Verdienst unbestimmt!“ Herr Doktor fügte sich resigniert. Dieser Morgen war ja nun doch einmal verlogen. Er strich das „Keinen“ aus und schrieb, wie ihm geheißen. Wer begierig war, hätte das ausgestrichene Wort noch entziffern können. Bei Tisch sagte er müde: „Und wenn wir nicht gelogen hätten, dann hätten wir das Ziel nicht erreicht.“
       Er hatte aber genug von diesen unerfreulichen Dingen und schickte mich allein zum Schiffbauer-Damm, dem Büro des Börsenvereins, der Herrn Doktors buchhändlerische Bedeutung in anderer Richtung abtaxierte und ihn wohlwollend aufnahm.
       Fräulein hatte sich ganz der geschäftlichen Seite des Verlages angenommen. Sie schrieb Rechnungen und notierte die Schulden der Gläubiger hinten auf der letzten Seite eines außer Kurs gesetzten Ärztekalenders. Als die Seite voll war, nahm sie die vorletzte, dann fing sie ganz wo anders an usw. Das tat mir leid. Ich besorgte so etwas wie ein Kontobuch und trug Monat für Monat Einnahmen und Ausgaben nach. Ausgaben waren mehr. So zog ich auf der Einnahmeseite einen schrägen Strich und setzte die Additionssummen in gleiche Linie. Wieviel hat mir dieser Strich zu denken gegeben! Ich war dadurch, was meine Vertrauenswürdigkeit in bezug auf Sparsamkeit anbetraf, gänzlich außer Kurs gesetzt.
       Fräulein führte das Buch weiter und schrieb nicht nur mehrere Ausgaben in eine Linie, sondern schuf auch noch eine Zwischenlinie. So wurde die Schrift derart klein, daß man die Notizen, wenn man später einmal einen Vorgang suchte, kaum noch entziffern konnte. Dafür hielt aber das Buch mehrere als dreimal so lange. In diesem Punkte waren Herr Doktor und ich immer uneinig, denn ich hielt es mit dem Prinzip: wenn schon, denn schon! Entweder überhaupt keine Buchführung; dabei spart man das meiste Papier, ebenso wie die Schreibarbeit und das unendlich mühevolle Suchen später. Oder man führt ein Buch so verschwenderisch schön mit schrägen Strichen, daß man vor jedem Prokuristen einer handelsgerichtlich eingetragenen Firma Ehre einlegen konnte.
       Herr Doktor war nun, um der Lehre Verbreitung zu geben, auch auf den Gedanken gekommen, Vorträge einzurichten. Er selbst freilich redete vorerst nicht. Er wußte, daß seine Stimme schwach war, und litt vielleicht auch etwas unter einer Art Scheu vor der Öffentlichkeit. In jungen Jahren soll er sehr schüchtern gewesen sein. Dazu fürchtete er für seine Gesundheit, für sein Herz, für seine Nachtruhe, die ihm bei der immer stärker werdenden Praxis so nötig war. Er hatte eine junge Dame mit dem Ablesen der Vorträge beauftragt, während er selber unerkannt als Zuhörer im Hintergrunde saß. In den Bekanntmachungen war weder Autor noch Rednerin genannt. „Was ist Buddhismus und was will er?“ Die Sache sollte wirken, kein Name sollte zu einem Vor-Urteil günstiger oder ungünstiger Art verleiten. Der Eintritt war frei. (Für die Lehre nahm Herr Doktor kein Geld.) Das war mir nicht sehr recht. Ich wagte den Einwurf: Wenn es nichts kostet, dann kommt nur ein Publikum, das da glaubt, etwas geschenkt zu bekommen. Dagegen wähnt der Ernsthafte, daß das, was nichts kostet, auch nichts wert sein. Aber Herr Doktor beharrte auf seinem Standpunkt. Ich warf ein, daß die Zeitschrift doch auch verkauft werde. „Aber nur zum Selbstkostenpreis von Papier und Druck.“ — „Gut, dann lassen Sie sich wenigstens auch die Unkosten des Saales ersetzen!“ Er wollte nicht, und es blieb beim freien Eintritt.
       In der Vortragspause ging Herr Doktor ins Künstlerzimmer zur Rednerin, und ich spitzte im kleinen Vorraum die Ohren nach kritischen Äußerungen des Publikums, das tatsächlich wenig gewählt aussah. Ob diese Vorträge wohl auch gedruckt zu haben wären, fragte ein Herr und erhielt die Antwort, sie würden in der Zeitschrift noch erscheinen. Er könne sie nicht recht verstehen, gab er aufrichtig zu. Es lagen die ersten Hefte der Zeitschrift zum Kauf aus. Den dritten Vortrag hielt Herr Doktor dann doch selbst und stellte sich zur Diskussion zur Verfügung. Ich hörte ihn nicht mehr. Es soll nicht viel dabei herausgekommen sein. Es folgten noch einige Vorträge. Ich glaube, im ganzen waren es sechs. Dann schloß Herr Doktor.
       Das waren keine Abende ‘des Genusses, wie das Publikum es gewöhnt war. Nicht den Gefühlen wurde geschmeichelt. Herr Doktor erwartete, daß der Hörer das Gehörte nachdachte, und zu denken schien niemand das Verlangen zu haben.
       Ich fragte mich damals: Was würdest du tun, wenn du als Neuling, von ungefähr in diesen Saal verschlagen, deine erste Bekanntschaft mit dem Buddhismus durch diese Vorträge hättest machen müssen? Ich konnte mich nicht mehr an die Stelle dieser Menschen hier versetzen, wurde aber ein gewisses Gefühl des Unbehagens nicht los bei diesem Gedanken. Ich war froh, daß der Zufall mich anders mit Herrn Doktor zusammengeführt hatte. So richtig diese Vorträge waren, so sehr ich mich bemüht habe, diese Schriften unter die Leute zu bringen — irgend etwas Rätselhaftes war an ihnen, das ich anders wünschte. Ich wußte nicht, was es war. Es schien ihnen die Zündkraft zu fehlen. Seither ist mir das Zündenkönnen immer ein Problem gewesen.
       Auch Herr Doktor schien zu mutmaßen, daß hier irgend etwas nicht stimmen könnte. Beim Vortrag merkte man ihm die körperliche Anstrengung an, die seiner Stimme feinere Nüancierungen verbot. Zudem: Was er sagte, war das Ergebnis jahrelangen tiefen Denkens und heißen Kampfes, aber kein Wort war die Reaktion dessen, was er etwa von den Gesichtern der Hörer hätte ablesen können. Die Kluft zwischen Hörer und Redner schien mir groß. War es jenes hohe Maß innerer Abgeklärtheit, das ihm das spontane Wort verbot, die gefühlsmäßige Äußerung unmöglich machte? Lag eine Absicht darin, völlig gefühlsfrei zu sprechen, die Absicht, der Hörerschaft von vornherein zu verstehen zu geben, daß das Auslöschen aller Gefühlswerte hier notwendig war? Und doch glühte Herr Doktor noch selber für die Sache! „Ich wollte, es hätte einer die Macht, das Publikum zu packen“, sagte er. Und es lag ein Zähneknirschen in den Worten.
       Wenn man nicht weiß, was ein Mensch verlangt, so fragt man ihn. Wenn man denkende Menschen nach ihrer Stellungnahme zu den ihnen bekannten oder von ihnen vertretenen Religionen fragt, so lauter nicht selten die Antwort, daß sie für sich selber das Bedürfnis nach diesen Religionen ablehnen, weil das Denken dabei nicht auf seine Kosten kommt und daß sie nur um des Volksteiles der Nichtdenkenden willen das Bestehen der Religion wünschten. Gut! Hier ist eine Religion, die dem Denken Nahrung gibt, die nichts gemein hat mit der überlieferten Dogmatik, nichts gemein mit den Gefühlswerten etwa einer Christian Science, einer Heilsarmee usw. (die für das „Volk“ gut sind). Hier ist ein Gedankenbau, an dessen Verständnis sich die anspruchsvollsten, begabtesten und wagemutigsten Forscher des Geistes versuchen können. Hier ist ein Objekt für die tiefste geistige Not, die Not um den Sinn des Lebens!
       Und der kühne Frager und Denker beträgt sich — — — wie ein Bettler an der Tür, dem man unverhofft (ungehofft) Arbeit anbietet!
       Es kamen immer wieder Leute persönlich zu Herrn Doktor, aber wie viele sind geblieben von allen denen! Die wieder fortgingen, sie alle sind nicht gegangen, weil ihnen diese Lehre zu rückständig, zu unwissenschaftlich, zu unehrlich mit verlockenden Versprechungen erschienen wäre. Sie alle sind gegangen mit ausweichenden Reden. „Es ist, als ob man Watte schneidet,“ sagte Herr Doktor einmal.
       Und doch, und doch hoffen wir, daß einmal eine neue Wahrheitsliebe — die jetzt so selten ist —, eine neue Ehrlichkeit aufkommen wird, und der Denker in Demut bekennt, daß zwischen seinem Erkennen und seinem Vollbringen die Kluft hegt, nicht aber zwischen der Lehre und der Vernunft!

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(8. Fortsetzung)


       Im allgemeinen war Dr. Dahlke nicht gesprächig von Natur. Man konnte oft lange an seiner Seite gehen, ohne daß Worte gewechselt wurden. Er schien das sogar zu lieben. Seiner natürlichen Schweigsamkeit war es wohl zuzuschreiben, daß ich nur wenig über seine Jugend, sein Elternhaus, die Schule und Studienzeit erfuhr. Und wenn er darüber sprach, so veranlaßten ihn gewöhnlich nur Gelegenheitsgründe, Augenblicke, die ihn in assoziativer Erinnerung an seine Jugend gemahnten. Auch von Jugendfreundschaften erwähnte er nichts. Möglicherweise hatte er keine gehabt. Er war als Kind entschieden sehr schüchtern gewesen, und seine kleine Gestalt hatte diese Veranlagung wohl noch begünstigt. Klein, schüchtern, schweigsam; das muß der Eindruck gewesen sein, den auch seine Lehrer von ihm empfingen.
       Auf der Schule war fakultativ Hebräisch gelehrt worden, und er brachte es so weit darin, daß er auch unpunktierte Texte fließend lesen konnte. Man lobte ihn deswegen und riet ihm, Theologie zu studieren, aber ein anderer Lehrer warf ein: „Nein, das kann er nicht; er kann ja nicht reden!“ Als er mir das erzählte, fügte er noch belustigt hinzu: „danach wurde damals die Eignung zum Theologiestudium beurteilt!“ — Seine Mutter hatte ihn einst gefragt, warum er unaufhörlich so fleißig arbeite; da hatte er geantwortet: „Mutter, ich mag die Schule nicht lernen, darum will ich möglichst bald raus.“ — In Hannover, wo Dahlkes einige Zeit gewohnt hatten, gab es, so entsann er sich, eine große Wiese. „Dorthin sind wir oft gegangen. Den Eltern habe ich natürlich gesagt: Wir gingen mit dem Lehrer.“ Ein kaum merkliches Lächeln spielte für einen Moment um seine Augen. Beim Anblick einer Asphalttonne sagte er einmal: „Das Zeug habe ich mir als Junge unter meine Stiefelsohlen geschmiert, damit sie länger halten sollten. Aber meine Mutter schien anderer Meinung zu sein. Sie hat es immer wieder abgekratzt.“ Von echter Kindlichkeit sprach, wie er mir einmal erzählte, daß er als Junge mit brennender Sehnsucht an .die Weihnachtsbescherung gedacht hatte. „Ach, ich konnt ’s nicht abwarten!“
       Im Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover hing auf dem Flur ein Bild, das er als Kind immer und immer wieder betrachtet hatte, es ist ihm sein Leben lang im Gedächtnis geblieben. Später, auf seinen Indienreisen besuchte er die 'Tempelruinen von Ellora, und als er sie erblickte, kam ihm plötzlich jenes Bild aus der Schule ins Gedächtnis. Es hatte diese Tempel dargestellt.
       Es ist so natürlich, wenn man angesichts solcher Erlebnisse sich fragt: Sind das vielleicht Spuren unbewußter Erinnerung an eine frühere Geburt, die im Kinde gewirkt, ihn zu dem Bilder hingezogen haben? War er ehemals ein Inder? Sind diese "Tempelbauten ihm nicht Inbegriff und Ausdruck für sein ganzes religiöses Denken und Fühlen gewesen, haben sie ihn nicht einst so gewaltig umfangen, daß die Möglichkeit für ihr Wiedererkennen auch durch den Tod nicht ganz ausgelöscht werden konnte?
       Wieviel mag in diesem seltenen Manne an unbewußtem Indertum gesteckt haben? Jetzt sah er freilich deutsch aus und lebte deutsch. Man konnte viele Charakterzüge an ihm deutsch nennen, Wie aber würde ein Inder über ihn urteilen? Würde er nicht am Ende so manches als indisch bezeichnen? Wir, die wir Indien, Land und Leute nie gesehen haben, sind nicht imstande, derartiges zu erkennen und hier Vergleiche zu ziehen. Allein, seine wunderbare Fähigkeit, dem Buddhismus auf die Spur zu kommen, wie es bis dahin noch kein Deutscher auch nur annähernd vermocht hat, scheine mir von einer inneren Verwandtschaft zwischen Dahlkes Geist und der Lehre zu zeugen. „Man muß vorher wissen, was diese fremden Worte sagen wollen, sonst kann man sie nicht verdeutschen.“ So sagte er einst zu mir beim Übersetzen einer schweren Palistelle. Das Wertvollste an seinen Übersetzungen hatte Dr. Dahlke eben nicht „übersetze‘, sondern intuitiv, mitempfindend erschaut, erkannt, erraten und dann das richtige Wort für diese Erkenntnis im deutschen gesucht. So paradox es klingen mag, wer hat es nicht schon erlebt, daß das Verstehen von Mensch zu Mensch, von Geist zu Geist nicht auf dem Wege der vollendeten und exakten Ausdrucksweise läuft. Wer hat nicht schon erlebt, daß ein unbeholfener, ja, ein verkehrter Ausdruck uns den Einblick gewährt in ein ganzes Gedankenfeld und uns ein Urteil gewinnen läßt über einen Charakterzug in seiner Fremdheit oder Verwandtheit, Schriftlich muß der Mensch sich korrekt ausdrücken, um verstanden zu werden, mündlich braucht er es nicht.
       Mich dünkt, Dr. Dahlke war in vielen seiner Gefühle Inder. Die Gefühle aber sind nur die zur Eigenschaft gewordenen Taten aus vergangenen Lebzeiten. Was ich mir selber, eigen schaffe, das wird meine Eigenschaft, Besonders in seiner Einstellung zu der bildenden Kunst alter und neuer Zeit ist mir das damals aufgefallen, daß er eine ausgesprochene Neigung zu Indien (auch China und Ägypten) besaß, (die mehr war als etwa nur Ehrfurcht vor alledem, was mit der Lehre zusammenhing. Zur deutschen Kunst scheint er wenig innere Verbindung gehabt zu haben, von Feuerbach abgesehen, dessen Farben er rühmte. Auch deutsche Tradition und Sitte schien ihm wenig zu bedeuten, Er liebte wohl die Strohdächer Sylts. Ob er in solchen Häusern aber die Heimat seiner Ureltern sah, das bezweifle ich. Ob alte deutsche Städte mit ihren Giebelhäusern ihm ausgesehen haben wie das liebevolle, runzlige Gesicht seiner Großeltern? Niemals habe ich in seinem Gebaren derartiges lesen können. Kein altes Möbelstück machte Eindruck auf ihn.
       Doch wissen wir nicht, was für eine Kindheit seine spätere Einstellung in dieser Hinsicht beeinflußt hat, Die zahlreichen Versetzungen seines Vaters von einer Stadt in die andere haben vielleicht ein rechtes Heimatgefühl nie zur Entfaltung kommen lassen.
       Ja, er kam mir heimatlos vor! Und sein Reisedrang spricht mit dafür, Er suchte auf seinen Reisen, was er nie gefunden hat, auch nicht auf Ceylon oder in Birma, Ich ahne fast, er suchte eine Vergangenheit, die er unbewußt in sich trug als nie sich ganz aufhellende Erinnerung aus früheren Leben. Auch Indien ist ja anders geworden in den Zeiten. Er suchte die kongenial Denkenden von einst — und fand sie nicht mehr. Da hielt er Selbstgespräche mit ihnen, schrieb Bücher an sie. Dann wieder stürzte er sich in die Arbeit, damit ihm dies Leben leichter wurde. Wie leidvoll das alles war! —
       Wir blickten von einer Dünenkuppe auf Sylt hinab auf das ferne, weiße Kliff von List. Die bewachsenen Hügel um uns spielten in matten lila und gelbweißen Farben. Dr. Dahlke schien das Bild zu genießen in vollen Zügen. „Diese Farben! — In der Campagna sieht man sie ähnlich! — Da hinten die Düne! — Wie ein verblichener alter Knochen, so weiß! — Alle Jahre mehr reißt die See von der Insel! — Welch schöne Form sie hat! — So lang und so schmal! — Immer weniger wird sie! Bis zuletzt nur noch mein steinerner Brunnen übrigbleibt.“ — Der Vergangenheit galt seine unbewußte Sehnsucht, der Vergänglichkeit sein Denken.
       In Wennigstedt auf Sylt hatte er sich ein kleines Haus für seine Person allein bauen lassen. Es bestand in der Hauptsache aus einem großen Raum, zwei Fenster nach Süden, eins nach Osten, so hoch in der Wand, daß man nicht hinaussehen konnte. Hier stand eine Marmorbank aus Italien, darüber drei Bilder, die die ganze Wand beherrschten, Motive aus Ägypten, sonnendurchglühte Ruinen von wunderbarer Schönheit. An der Nordwand eine fast lebensgroße Buddhastatue aus Holz, eine sitzende Gestalt, die Rechte lehrend erhoben. Nie habe ich eine schönere Plastik gesehen! In einem kleinen Nebenraum befand sich noch eine ganze Sammlung von Buddhastatuen verschiedener Größe. Umgeben war dies Gebäude von einem wild bewachsenen Fleckchen Erde, von einer hohen Mauer eingeschlossen. In diesem Hof befand sich jener eben erwähnte Brunnen, ein rechtwinkliges Mauerwerk aus Muschelkalk. Stufen führten zu seiner Sohle hinab, und man konnte sich wohl denken, daß sein Besitzer dort unten auf der letzten Stufe gern saß, Buch oder Manuskript in den Händen.
       Hier suchte er wohl Erholung. Aber die Arbeit verfolgte ihn. Patientenbriefe kamen und wurden auch von hier beantwortet.

(Fortsetzung folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(9. Fortsetzung.)

 

       Dr. Dahlke war Arzt. Er konnte nichts anderes als Arzt sein. Sein medizinisches Bekenntnis hat er für uns niedergelegt in seinem Buch Heilkunde und Weltanschauung. Aber ich mag es nicht unterlassen, einiges Erlebte aus meinen Erinnerungen auch über Dr. Dahlke als Arzt zu sagen.
       Das medizinische Studium dauerte in den achtziger Jahren acht Semester. „Schon im Alter von vierundzwanzig Jahren wurde ich auf die Menschheit losgelassen.“ — „Wie die jungen Ärzte es anfangen, hier, mitten in einer Großstadt wie Berlin, eine Praxis zu gründen, das ist mir rätselhaft. Wie lange müssen sie wohl auf Patienten warten! — Ich bin schnell hineingekommen. Als ein alter homöopathischer Arzt merkte, daß ich —“ er stockte, um es nicht zum Eigenlob kommen zu lassen — „nun, daß ich die Homöopathie verstanden hatte, da überließ er mir bald seine seine ganze Praxis.“ Eine Patientin erzählte mir einmal beglückt, wie lange sie Dr. Dahlke schon kannte. „Wir kamen zu ihm auf Veranlassung des alten Herrn Dr. X, der uns, als er schon bettlägerig war, Dr, Dahlkes Adresse mit Bleistift auf ein Stück Papier geschrieben hatte mit den Worten: ‚Wenn ich nicht mehr kann, gehen Sie dahin‘.“ Als die Dame Dr. Dahlke diesen Zettel übergab, soll er tief gerührt gewesen sein. Der alte Arzt war inzwischen gestorben.
       Es liegt wohl nichts daran, nun zu beschreiben, wie riesenhaft die Praxis bald wuchs, wie die Patienten bis in die Nacht hinein im Wartezimmer saßen, wie furchtbar angestrengt Dr. Dahlke arbeiten mußte. Was gilt uns der Ruf unseres Lehrers als Wunderarzt, den er freilich hatte! Es ist uns eine beglückende Bestätigung dessen, was wir wissen, und wir wissen noch mehr als die Patienten, die nur den Arzt kennen lernten. Es war rührend und drollig zugleich, eine Weile in seinem Wartezimmer zu sitzen und die Gespräche seiner Patienten dort mit anzuhören. Patienten sind dankbare Menschen, wenn sie Grund haben, dankbar zu sein. Mit welcher Freude wurde auch hier von den glücklichen Fällen erzählt, die Dr. Dahlke geheilt, gerettet hatte!
       Seine Haltung in der Sprechstunde, die Unterhandlung mit den Patienten der Sache nach unterschied sich in nichts außergewöhnlich von anderen Konsultationen., Und doch war etwas ganz erheblich anders. Die regungslose, gespannte Aufmerksamkeit seines Gesichtes, der Ernst seiner Arbeit, die tief innerliche Einstellung des Arztes auf den Patienten während der Konsultation, die feierliche Ruhe seiner Persönlichkeit; das alles wirkte so, als wäre man in einem Heiligtum, daß es den Patienten überwältigte und in unnennbarem Vertrauen mitnahm. Ernst und Ruhe verließen ihn nie. „Schnell machen gibt es bei mir nicht!“
       Vertrauenslosigkeit ließ Dr. Dahlke sich nicht gefallen. Ich hörte einmal eine telefonische Unterhaltung an. „Ich soll dorthin kommen? — Was fehlt der Patientin denn? — Dann muß sie zu mir kommen. — Sie hat kein Vertrauen? Dann habe ich auch keins!“ Sprachs und hängte an.
       Während des Krieges meldete sich einmal ein hoher Herr bei ihm an, Diplomat oder General oder sowas. Er habe wenig Zeit, er möchte deshalb Sonntagmorgen kommen. Der gute Mann hatte damit gerechnet, am Sonntag der einzige Patient zu sein. Dr. Dahlke hielt aber aus Rücksicht auf viele seiner berufstätigen Patienten grundsätzlich immer auch Sonntags Sprechstunde. Das überraschte den hohen Herrn, er schnaubte ein bißchen Wut und geriet mit Dr. Dahlke auf dem Vorplatz unsanft aneinander. Am Nachmittag bekam ich die Geschichte zu hören. „Mir sind alle meine Patienten gleich lieb! — Wie kann denn aber der Mann erwarten, daß das gegenseitige Verhältnis zwischen ihm und mir noch das richtige ist, wenn er so außer sich gerät!“ — Einige Tage später kam der Mann zu vorher verabredeter genauer Zeit wieder — „und wir haben uns beide mit außerordentlicher Höflichkeit behandelt“.
       Ein befreundeter Arzt erzählte mir, daß während Dr. Dahlkes Reisen einmal am ärztlichen Stammtisch ein sehr schwieriger Fall einer Patientin durchberaten wurde, ohne daß man zu einem Behandlungsbeschluß kommen konnte. Als keiner mehr einen Rat wußte, sagte einer der Herren nur seufzend: „Das wäre mal so’n Fall für den kleenen Dahlke!“ Er war bei seinen homöopathischen Kollegen genau so hoch angeschrieben wie bei den Patienten. Obwohl er als jüngerer Mann über eine gute Gesundheit verfügt hatte, muß ihn dies Glück doch schon zeitig verlassen haben. Nervenleiden eigener Art quälten den ständig Überanstrengten. „Ich habe jahrelang mit einer Streichholzschachtel in der Brusttasche meines Nachthemdes geschlafen, weil mich beim Erwachen im Dunkeln eine furchtbare Angst überfiel.“ Ich konnte mir keine rechte Vorstellung davon machen und ließ mir den Zustand näher beschreiben. „Es ist die reine Gehirnangst, sagte er, „ich kann mich nicht orientieren im Dunkeln. Ich fühle wohl, da ist die Wand, da ist der Stuhl, aber ich kann mich nicht orientieren. Ein Aufblinken des Lichts, und die Angst ist weg! Sonst sprach er wenig über seinen Zustand. Von seinen nervenleidenden Patienten nur sagte er: „Ich kann sie ja deshalb so gut verstehen, weil ich diese Zustände alle an wir selber durchgemacht habe.“ Wer ein guter Arzt sein will, muß Krankheit aus dem eigenen Erleben kennen, das war seine Überzeugung. Dennoch machte er auf seine Patienten nicht den Eindruck des kranken Mannes, von dem man etwa sagt: „Wer sich selber nicht einmal helfen kann, um wieviel weniger muß der andern helfen können!“ Sein Denken, seine Rede war so urgesund, so erfrischend und beruhigend nüchtern. Gefühlsausbrüche von Ekstase, Begeisterung waren seinem ganzen Wesen fremd, stets konnte man bei ihm auf leidenschaftslose, geistige Klarheit rechnen und auf Verständnis und Aufnahmebereitschaft für alles, was man auf dem Herzen hatte oder in den Gliedern spürte. So war er mit Ernst und Sachlichkeit stets ein warmherziger Mitempfinder und ein kraftvoll treuer Helfer. So ungeheuer groß seine Arbeitsmenge war, niemals hatte er „keine Zeit“, wenn es nötig war, Zeit zu haben.
       Er verließ sich in hohem Malte auf seine Fähigkeit, mit seinen Patienten in innerem Kontakt zu leben, Das machte ihn die äußere Symptomatik der Leiden -— zwar nicht wertlos, aber doch zum Wert zweiter Güte. Ich erlebte, daß er einmal eine Reihe Ärzte, darunter einen berühmten Orthopäden, dadurch in den Schatten stellte, daß er auf Anhieb am Gange einer Patientin eine Wirbelsäulenverletzung erkannte. Keiner der andern Ärzte hatte selbst auf Hinweis der Patientin diese Diagnose gestellt. Dr. Dahlke tat es, noch bevor die Patientin sich geäußert hatte, und verriet dadurch seinen guten Blick für das objektive Symptom. Aber er ließ sich vom objektiven Befund nicht unterkriegen. Auf einer Fahrt kreuz und quer durch Berlin auf Patientenbesuchen erzählte er mir folgenden Fall: „Eines Abends kam ein Mann zu mir, um mich zu seiner Frau zu holen, die am folgenden Tage wegen einer Geschwulst im Magen operiert werden sollte. Der Mann war berechtigterweise in Sorge, ob die Frau die Operation würde überstehen können, denn ihre Geschwulst hatte schon seit langer Zeit fast alle Ernährung unmöglich gemacht, außer ein wenig Milch behielt die Frau keine Nahrung mehr bei sich, und diese auch nur dann, wenn sie zuvor Morphium erhalten hatte. Ich war der Überzeugung, daß ich wohl auch zu der Operation raten mußte. Da die Leute aber alte, treue Patienten sind, so ging ich mit. Und ich fand ein Symptom für eine Arznei. Kaum hatte die Frau die Arznei zu sich genommen, da stand das Erbrechen, sie konnte die gebotene Nahrung bei sich behalten. Bei ihrem sehr bedenklichen Schwächezustand sagte ich zu den Leuten: Ich glaube, wir können es verantworten, noch ein paar Tage mit der Operation zu warten. Dem Öperateur wurde abgesagt, und die Frau genas zusehends; sie wurde kräftiger, als sie vor ihrer Erkrankung gewesen war. Der Operateur aber schrieb einen sehr beleidigenden Brief an den Mann, in dem er ihm vorwarf, zur Behandlung seiner Frau eine Hilfe herangezogen zu haben, die er, der Operateur, nicht als fachkundig anerkennen könne. — Damit hatte der Mann unrecht, denn ich bin approbierter Arzt“, schloß Dr. Dahlke. Er hatte mir die ganze Geschichte eben dieser Grobheit halber erzählt. Ich aber war in anderer Beziehung unbefriedigt: „Sagen Sie nur, Herr Doktor, was ist aus der Geschwulst geworden?“ fragte ich. Er blieb stehen, sah mich voll an und sagte Fast ein wenig unwillig: „Aber ich bitte Sie, das weiß ich doch nicht! Was kümmert mich die Geschwulst!“ — Die Gesundheit in erster Linie, das objektive Symptom in zweiter Linie oder gar nicht!
       Einmal sagte er: „Seit ich Buddhist bin, bin ich ein besserer Arzt geworden.“ Er beurteilte seither, so schien es mir, Krankheit unter dem Gesichtswinkel kammischer Gesetzlichkeit und kammischer Schöpfung, kammischer Eigenart. Er sah alle Arzneigaben als Reizgaben an. Inwieweit Hahnemann schon ähnlich dachte und lehrte, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch ist sieher, daß er von der anattatā, der Nicht-Selbstheit kammischer Energie (wenn man so sagen darf) keine Vorstellung gehabt haben kann. Diese Nicht-Selbstheit aber macht sie ja zugänglich für die Behandlung.
       Einmal erzählte Dr. Dahlke mir auch, daß er gerade einen Sterbenden unter seinen Patienten hatte, „Ich nehme ihm die Hoffnung nicht, wieder gesund werden zu können, Das soll man niemals tun“, sagte er schlicht. Und eifrig stimme ich dem heute bei: das soll man niemals tun! Dazu ist man nicht da. Es liegt nun wohl nahe, den Buddhisten zu fragen: Wie vereinigst du es mit deiner Wahrheitsliebe, einem Sterbenden Hoffnung auf Genesung zu machen? Aber vom rein menschlichen Standpunkt weiß doch der Arzt und auch der Laie, daß Trost und Hoffnung gute, lebenverlängernde Arzneien sind, und es würde daher eine Schädigung des Kranken sein, wollte man ihm die Hoffnung auf Genesung nehmen.
       Wie aber? Soll nicht ein Kranker auf seine letzte Reise vorbereitet werden? — Wir antworten: Gewiß, aber das soll nicht erst in der Todesstunde geschehen. Ob ein Mensch ins Angstzustande des Todes mit dem anfangen wird, was er in den Jahren vorher versäumt hatte, das ist sehr zweifelhaft, wenn auch die Möglichkeit an sich besteht. Schließlich muß auch hier das Taktgefühl entscheiden, d. h. die Fähigkeit, sich in die Lage des andern zu versetzen und daraus das Handeln zu bestimmen. Der Tod kann in jedem Augenblick über uns kommen; Gutsein in Gedanken, Worten und Taten ist immer gut. Die Todesstunde soll die wichtigste des Lebens sein. Gut, jede Lebensstunde ist eine Todesstunde!
       Wenn ich einem Leidenden zusprechen müßte im buddhistischen Sinn, dann würde ich ihn auf die Worte hinweisen, mit denen der Buddha von seiner Leidenszeit erzählt hat: „Rege war da meine Kraft, aufrecht; bereit die Achtsamkeit, unverwirrt; und auch die derart mir entstandene leidige Empfindung hielt den Geist nicht gefangen.“ Wenn der Geist nicht gelangen ist, können sich ruhige, klare Gedanken bilden und mehr brauche es nicht. Wie sollte ein solcher noch begierig sein zu fragen: Wann kommt meine Todesstunde? Denn auch solche Frage stammt aus der Gier, aus dem Haften, darum muß die Antwort entsprechend wehe tun.
       Das alles hat Dr. Dahlke mir zwar nicht ebenso, wie ich’s hier gebe, mit Worten gesagt; aber soweit ich ihn zu verstehen und zu erkennen vermochte, muß er so gedacht haben.
       Ein guter Arzt muß auch Menschenkenner im landläufigen Sinne sein, und Dr. Dahlke hat mit seinen Gedanken dieses Problem umstreift. Er achtete jene Menschen nicht hoch, die sich selber der Menschenkenntnis rühmen, indem sie betonen, wie sie niemandem trauen. Das Gute im Menschen können diese Leute niemals erkennen, und wo sie es sehen, da glauben sie es nicht und rühmen sich ihres Mißttrauens. „Zwei Dinge geben einen guten Anhalt für das Wesen eines Menschen, das sind seine Augen und sein Lachen“, so sagte er. „Wenn der Mensch lacht, dann ist es, als ob ein Vorhang reißt und das Wesen für einen Augenblick sehen läßt. Lachen befreit! Im Lachen löst sich eine Spannung. Ich mag die Leute nicht, die niemals lachen. Sie haben etwas zu verstecken,“ Im Beisein einer namhaften literarischen Größe erzählte er, als sich die Gelegenheit dazu bot, einen Witz. Nachher sagte er: „Ich habe es nicht unterlassen, im Ernst des Gespräches diesen Witz zu erzählen. Ich wollte mal sehen, wie der Mann darauf reagiert. Haben Sie gesehen, wie hemmungslos sein Lachen durchbrach?“
       Die französische Sprache war Dr. Dahlke weit weniger geläufig als das Englische, Ich erzählte ihm einst, wie ein mir bekannter Tertianer mit Mühe im Unterricht gelesen hatte: Napoleon lisait beaucoup à St. Hélène, Dr. Dahlke wiederholte langsam und übersetzte aufmerksam. Und ich verbesserte nach dem Muster des Tertianers: „Napoléon las viel in der frommen Helene,” Diese Wendung kam so überraschend, daß er doch fassungslos und herzlich lachte. Es klingt mir noch nach und damals dachte ich: Lachen hebt das körperliche Wohlbefinden, möchte es mir doch ab und an gelingen, ihn einmal lachen zu machen!

(Fortsetzung folgt.)



Ende

 

Quelle: Buddhistisches Leben und Denken 1930 bis 1933 (11 Folgen)

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(10. Fortsetzung.)

Nach Kriegsende hatte Dr. Dahlke auf Sylt, unweit des “ Leuchtturms von Wenningstedt dem Wattenmeer zu gelegen, ein zwölf Morgen großes Stück Heideland erworben, in der Absicht, dort ein Haus zu errichten, das ein Mittelpunkt deutschen buddhistischen Lebens und Lehrens bilden sollte. Er schrieb dies an mich und lud mich im Herbst ein, dorthin zu kommen. Ich folgte gern und habe dort wenige, doch schöne Tage erbracht.
       Die Witterung war schon bedenklich kühl, und es dunkelte früh. Am Morgen arbeitete jeder von uns für sich, Dr. Dahlke in seinem kleinen Sonderhause, das er „Sonnenbad“ zu nennen pflegte, und wo er ganz wohnte. Ich war im Wohnhaus der Familie untergebracht, die Sicht aus dem Fenster auf den Leuchtturm gerichtet. Sein Licht erhellte in Rhythmen die nächtliche Dunkelheit meines Zimmers. Gegen 11 Uhr, wenn keiner das Stillsitzen bei der Kälte mehr recht ertragen konnte, holte Dr. Dahlke mich zum Spaziergang ab. Dann zeigte er mir die landschaftliche Schönheit dieser seltsamen Insel. Wir gingen auf fußschmalen Pfaden hintereinander oder durchquerten das Dünenland. Die geknickten Seegrashalme, bewegt vom Winde, schrieben Kreise in den Sand. Meine Augen glitten über die Fläche, ich fand einen Stein, schön leuchtend blau und wert, ihn aufzuheben.
Ich zeigte ihn vor, und Dr. Dahlke betrachtete ihn gleichgültig; dann ließ ich ihn in die Tasche meines Jacketts gleiten. Wir gingen weiter, vertieft in ein Gespräch über eine frühere Unterhaltung mit einem pantheistisch eingestellten Herrn. Dieser hatte geäußert, er habe einmal die Einheit zwischen sich und Gott oder der Welt so packend deutlich erlebt, „deutlicher, als er jetzt die Zusammengehörigkeit zwischen sich und seiner Hand erlebe“, — er habe also Gott in der Welt und in sich erlebt. Dies Erlebnis Gottes führte er als Gegenargument an gegen die Lehre und das sonst erkannte Erlebnis der Individualität der Lebewesen. „Aber der Mann irrt sich“, fügte Dr. Dahlke hinzu, „er hat nicht Gott erlebt, er hat sich selber erlebt.“ „Herr Doktor“, pflichtete ich bei, „wenn in jenem Augenblick auch nur eine Mücke den Mann gestochen hätte, dann hätte er den Abstand zwischen sich und dem Tierchen erlebt. Der Nahrungsgenuß wäre Erlebnis des Tierchens gewesen, der schmerzhafte Stich dagegen sein Erlebnis.“ — — Ich zog halb in Gedanken den gefundenen Stein wieder aus der Tasche und gab spontan meiner Überraschung Ausdruck: „Der sieht ja jetzt ganz anders aus, der leuchtet ja gar nicht so schön blau wie eben noch!“ Da lachte Dr. Dahlke: „Was alles kann wohl die Ursache für Ihre Enttäuschung sein!“ Ich dachte nach: entweder hatte ich mich geirrt, oder die Beleuchtung war inzwischen anders geworden, oder der Stein trocken und glanzlos geworden oder — oder — Vergänglichkeit! — Ich steckte dieses Dokument des Werdens wieder in. die Tasche, und es ist mit mir gereist durch mehr als halb Deutschland und ist eingezogen ins buddhistische Haus in Frohnau. Wenn niemand den Stein fortgetan hat, liegt er noch dort in der Fensterbank des kleinsten. Zimmers und wird gebraucht, einen Flügel am Zuschlagen zu hindern. In der anderen Ecke liegt sein Bruder, den ich in Goslar auf dem Wege aufgehoben habe, auf dem Dr. Dahlke mich zum ersten Mal über Buddhismus belehrte.
       Während jener Zeit auf Sylt schrieb Dr. Dahlke an einer Arbeit, wie er mir sagte, die er später in der Zeitschrift unter dem Titel: „Welt und Ich“ veröffentlichte. Mit einem leisen Zucken der Ironie um die Mundwinkel sprach er diesen Titel aus, an das Missverstehen denkend, das ihn der Überheblichkeit zeihen würde.
       Und dann wieder kreisten seine Gedanken um das Nibbana: „Ich denke immer: mit einem Male muß es da sein!“ Ihm schwebte der Vorgang des Erwachens aus dem Schlaf vor. – Dann faßten ihn die Gedanken an die Wiedergeburt irgendwie bewußt durchlebt würden, worin ich ihm nicht zu folgen vermochte, aber auch nicht zu widersprechen wagte. Ich dachte an die Ohnmachten, die Bewußtlosigkeiten Kranker und Sterbender und konnte damit ein Wissen von dem Übergehen nicht vereinbaren. Später hat Dr. Dahlke seine Ansicht über diesen Punkt geändert. (Vgl. „Der Buddhismus, seine Stellung innerhalb des geistigen Lebens der Menschheit", Emmanuel Reinecke, Verlag.)
       „Wie ist es nur: zieht das Material ein Kamma an, oder sucht Kamma nach Nahrung, nach Stoff im Sterbemoment?“ Diese Frage hatte „Fräulein“ einmal an Dr. Dahlke gestellt, und er erzählte sie mir wieder. Wir waren uns damals der Dunkelheit des Problems bewußt. Kamma faßt, wo Nahrung ist; das wissen wir. Stoffliche Nahrung als Material ist Niederschlag eines anderen Kamma, demzufolge wäre alles Ergreifen von (stofflicher) Nahrung ein Sieg im Kampf zwischen zwei verschiedenen Energien. Wenn ich die Pflanze esse, so vertreibe ich die Energie, die sie gebildet hat, aus ihr. Nicht aber drängt sich die Nahrung zwischen meine Zähne, nicht sucht sie nach dem Esser. Nichts ist Nahrung an sich, sondern es wird erst Nahrung, indem es gegessen wird. Nicht sind die Keimzellen mit dem Streben zu neuem Kamma hin behaftet, sie lassen sich nur verzehren. Und anderseits braucht Kamma nicht bewußt sein Futter zu suchen. Wie viele physiologische Vorgänge selbst in uns, den mit Wissen von uns begabten Lebewesen vollziehen sich ohne unser Wissen! — Das neu erworbene Gelände wurde besichtigt, ein Sodenwall darum bestellt. Wir bauten Luftschlösser vom Hause, das dort einmal stehen sollte. Zwei Flügel im rechten Winkel zueinander liegend, mit Fenstern nur nach dem Innern des Winkels von der Außenseite fensterlos und anzusehen wie ein stummes Antlitz mit geschlossenen Augen. Kleine Räume, Mönchszellen gleich, eine Bibliothek im Winkel, ein Versammlungsraum an einem Flügel, ein Brunnen im Hof! Welchen Namen es tragen sollte? Wir sahen uns die Bauart der „Friesenhäuser an. In Analogie zu diesem Wort schlug ich vor „Buddhistenhaus“. Das war der Anfang zu dem, was später als das „buddhistische Haus“ in Frohnau wirklich erstand. Auch dies ist im Winkel gebaut, sonst aber ist alles innen und außen anders geworden.
       An den Nachmittagen machten wir mit Fräulein Dahlke, Herrn Doktors ältester Schwester, gemeinsam Spaziergänge an den Weststrand, in das Friesenwäldchen, durch die Wiesen. „Die Kleine“ kam auch mit. Sie war Fräulein Dahlkes wirtschaftliche Stütze. Ich besinne mich, wie sie auf einem solchen Spaziergang einen Holzschuppen, der der Luftschiffahrt diente, interessiert ansah und nach der Bedeutung der groß darauf gemalten Abkürzung „D.L.R.“ fragte. Ich versuchte zu raten: „Deutscher — Luftschiff —“ — „Rummel“, ergänzte Dr. Dahlke. Das stimmte mit seiner Ansicht über alle Errungenschaften der Technik zusammen. Einen über uns kreisenden Flieger sah er einmal an mit den Worten: „Zweitausend Meter Kulturhöhe“! Als wir heimkehrten, stand der Vollmond groß und tief am Himmel. „Uposatha! — Haben Sie daran gedacht? — „Ja, Herr Doktor.“ „Wie heißt es im Faust?“ fragte er. Fräulein Dahlke zitierte:

O, sähst du, voller Mondenschein,

Zum letzten Mal auf meine Pein,

Der ich so manche Mitternacht

An diesem Pult herangewacht:

Dann über Büchern und Papier,

Trübselger Freund, erschienst du mir!

Ach, könnt ich doch auf Bergeshöhn

In deinem lieben Lichte gehn,

Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,

Auf Wiesen in deinem Dimmer weben,

Von allem Wissensqualm entladen

In deinem Tau gesund mich baden.“ —

       Da war Dr. Dahlke zufrieden. Still wandte er sich um und sah noch einmal nach den leichten Wellen der drei verfallenen Hünengräber seines Geländes am Horizont, und wir gingen ins Haus. Eine Katze hatte sich mit eingeschlichen, strich unruhig durch die Räume, als suche sie etwas, wollte keine Milch nehmen und nicht hinaus. Die Kleine griff nach ihr und wollte sie vor die Türe setzen. Einen Augenblick stach mich der Mutwille: „Das ist ganz falsch. Legen Sie das Tier an den Ofen, Herr Doktor, und die Lampe daneben; wollen mal sehen, ob Mara, der Böse, dann rauskommt!“ Aber ich schluckte es herunter und blieb still und ernst.
       Später, als ich bei Dr. Dahlke ın Zehlendorf wohnte, während er auf Ferien nach Sylt gefahren war, nahm ich mir den Faust noch einmal vor, begierig auf den Eindruck, den mir dies Werk von der Plattform der buddhistischen Weltanschauung aus gesehen machen würde. Merkwürdigerweise hatte Dr. Dahlke auf Sylt zur gleichen Zeit das gleiche getan und erzählte es mir bei seiner Rückkehr. Ernst und nachdenklich lehnte er nun das Werk ab: „Das ist nicht das, was für uns noch gilt als Erlösung vom Leiden,“ — Ich würde es verstehen, wenn ein Neuling im Buddhismus solche Worte über Goethes großes Werk überheblich finden würde, „Er gibt mir nichts mehr“, hatte Dr. Dahlke gesagt. Aber man braucht nur zu bedenken, daß Goethe kein Religionsstifter war und durch seinen Faust auch nicht geworden ist und darum mit dem Buddha und seiner Erlösungslehre gar nicht vergleichbar ist. Der Faust hat keine Religion gebracht. Seine Weltanschauung bleibt im Nichtwissen über die Vergänglichkeit hängen, und sein Glaube hält uns die Ewigkeit hin. Der letzte Sinn im Leben ist mehr als seine Verzwecklichung in vergänglicher Arbeit, — "Erlösung ist größer als Ewigkeit.
       Als ich von Sylt abreiste, begleitete Dr. Dahlke mich zum Dampfer. „Schreiben Sie mir doch, wenn Sie in Ihre Prüfung gehen.“ „Nein, Herr Doktor, das möchte ich nicht, Sie regen sich am Ende mit mir auf, und das stört mich.“ „Nein, ich rege mich nicht auf, ich will mit Ihnen denken. Mitdenken hilft! Ein Mensch kann den anderen beruhigen in der Angst, wenn er bei ihm ist in Gedanken“, sagte er ruhig, wie selbstverständlich. Dann stieg ich auf das Schiff, und er stand am Ufer und hob nochmals die Hand, — Mir war sehr feierlich zumute, und in tiefem Glücksgefühl brachte ich die Fahrt unten in der Kabine zu, geschützt vor dem Regen da draußen, und achtete auf das leise Schwingen dann und wann im Schiffskörper. — Jetzt ging Dr. Dahlke durch Wind und Regen nach Hause.

(Forts. folgt.)

 

 

 

Erinnerungen an Dr. Dahlke
Von M. L.

(11. Fortsetzung und Schluß.)

       Schon während des Krieges war die Brandus’sche Verlagsbuchhandlung an Dr. Dahlke herangetreten und hatte Anregung zu einer Übersetzung buddhistischer Urtexte gegeben, die in einer Prachtausgabe veröffentlicht werden sollten. Ein kostbar ausgestattetes Werk von Übersetzungen mohammedanischer Suren war dort bereits erschienen. Wir bekamen ein solches Exemplar von außerordentlicher Schönheit in die Hände. Die Aufgabe und die Aussicht, die Suttas in gleichschöner Gestalt herauszugeben, reizte Dr. Dahlke, und er nahm den gebotenen Auftrag an, dessen Ausführung ihn später manchmal schwer belastete. Im Jahre 1920 war das Werk vollendet. Einmal habe ich zu einer Besprechung. dieser Angelegenheit im Verlag des Herrn Brandus vorgehen müssen und hatte auch sonst durch Dr. Dahlkes gelegentliche Erwähnung etwas Fühlung mit der Arbeit. Es war mir damals, soviel ich mich entsinne, besonders lieb zu hören, daß zwischen dem Verlag und Dr. Dahlke ein außerordentlich angenehmes Arbeitsverhältnis bestand. Beide Herren sprachen mit großer Hochachtung und Sympathie voneinander. Herr Brandus erwähnte mir gegenüber das damals gerade erschienene erste Heft der Neu-Buddhistischen Zeitschrift: „Ein Wort daraus liegt mir noch in den Knochen: ‚Das walte Vernunft“ Und Dr. Dahlke drückte mir wiederholt seine Zufriedenheit über die Beziehungen zu dem Verlage aus.
       Neben dieser Arbeit gingen Übersetzungen für den Selbstverlag, die mit einem ausführlichen Kommentar, einer Sinnerklärung im Anhang für jede Lehrrede versehen wurden. — Ich entsinne mich, daß ich etwa ein Jahr nach meiner ersten Bekanntschaft mit den Werken Dr. Dahlkes die Übersetzung der Langen Sammlung (Digha-Nikaya) von K. E Neumann zur Hand nahm. Gleich bei der ersten Lehrrede vom Prachtnetz (,„Priesternetz‘ übersetzt Neumann} gewann ich den Eindruck: Wenn ich nicht jetzt schon etwas über den Sinn und Wert des Buddhismus wüßte, dann würde ıch es nicht fertig gebracht haben, auch nur dieses erste Kapitel zu Ende zu lesen, so sinnlos, so ermüdend langweilig, fremd und unnötig wäre mir das alles erschienen. Für den Philologen mag das interessant sein — welches Altertumsstück wäre für ihn nicht interessant! — Aber menschlich hat es keinen Wert mehr. So hätte ich zweifellos geurteilt.
       Nun aber hat Paul Dahlke diese rätselhaften, fremden Schriften entziffert. Er hat sie übersetzt und kommentiert — so, daß es den anpackt und rüttelt, der sie liest, daß es ihm weh tut im tiefsten Innern seines Herzens und seines Geistes. Denn sie rühren an eine Wunde, die verborgen liegt, von der wir nur in wenigen klaren Augenblicken des Denkens einmal ahnen. Sie rühren daran, daß mit unseren religiösen Verhältnissen etwas nicht in Ordnung ist. Wer nicht erschüttert wird, wer nicht zusammenschauert, der hat den Buddhismus nicht verstanden, der hat die Wunde nicht entdeckt — aber wen sie von jetzt an schmerzt, der Mensch beginnt ein andrer zu werden.
      Dr. Dahlke hat mit seiner gewaltigen Denkkraft den falschen Vorwurf gebrochen, daß der Buddhismus ein Pessimismus und Quietismus wäre und anstatt dessen die Wirklichkeit und den ungeheuren Ernst dieser Lehre gezeigt, Material genug, um Generationen in Atem zu halten, zu höchsten Anstrengungen zu bewegen.
       Nein, Paul Dahlke war kein Pessimist. Er lehnte diese Stellung der Welt gegenüber von Grund aus ab. Pessimismus ist Zweifel, Mißtrauen. Dr. Dahlke schenkte Vertrauen und verlangte es auch für sich von den Menschen. Keine persönlichen Schicksalsschläge hätten sein klares Urteil trüben und ihn zu einem Pessimisten machen können. Noch nie hat der Pessimist etwas geleistet! Aber Dr. Dahlke hat etwas geleistet!
       Es ist bisweilen schwer — und war es auch wohl für ihn —, dieses Vorurteil zu überwinden, diese Ablehnung des Pessimismus klar zu machen. Man glaubte ihm nicht und konnte seinen überragenden Standpunkt nicht erkennen. Er suchte nach anschaulicher Darstellung hierfür. Eines Tages erzählte er mir eine kleine Geschichte, die er gerade gelesen hatte, eine gute Kennzeichnung des Pessimismus. „An einem kühlen Abend hüpften zwei Frösche spazieren und kamen an ein Kellerloch. In der Dunkelheit fielen sie hinunter und in einen Milchtopf hinein. Der eine war ein Pessimist, er glaubte nicht an Rettung, streckte die Beine von sich (Dr. Dahlke machte es mir vor) und ertrank. Der andere aber war ein Optimist. Er strampelte immerzu, immerzu. Und als der Tag kam, harte er sich einen Butterkloß gestrampelt, auf dem er sitzen konnte!“ Dr. Dahlke sah mich triumphierend an, und ich lachte fröhlich *).
       Das, was den Buddhismus in den Verdacht des Pessimismus gebracht hat, war nicht nur seine Lehre vom Leben als Leiden, es ist auch mit sein Mangel an Idealen. Auch Dr. Dahlke hatte keine Ideale und erkannte keine an. Ja, er bekämpfte sie wegen ihrer Gefährlichkeit. Das kann niemand so ohne weiteres begreifen. Wir haben ja bisher ausschließlich unseren geistigen Hunger mit dieser Speise stillen müssen. Wer keine Wirklichkeit im Denken zu verarbeiten hat, dem bleibt nichts übrig als das Ideal, und das höchste von allen ist der Glaube selber.
       Ich sah einmal ein Bild: ein Menschenantlitz mit geschlossenen Augen, den Lorbeer auf dem Haupte, in den Händen eine Dornenkrone, Vita humana —- das menschliche Leben — stand darunter. Ja, so sieht das Leben aus! Es hat geschlossene Augen, es sieht nicht, es trägt den Ruhm unwirklichen Denkens, die Ideale, die seine Not nicht wenden, um das Haupt, und seine Hände bluten von Dornen.
       Ideale sind nicht unerfüllte, sondern unerfüllbare Hoffnungen. Man weiß das ja wohl auch. In stiller Stunde hat man am Ende einmal darüber nachgedacht und diese Erkenntnis dann erschrocken zurückgedrängt. In der Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit des Lebens greift man das Ideal wieder auf und täuscht sich über die Wirklichkeit hinweg. Niemand, der vom Buddha nicht belehrt ist, weiß, daß in der Erkenntnis der Wirklichkeit Trost und Friede liegt.
       Das hat Dr. Dahlke uns klar gemacht. Und daß Entsagung der Weg ist, den wir gehen müssen, hat er uns gelehrt. Seine Werke legen Zeugnis ab von seinem Denken, und seines strengen Lebens sind wir, seine Schüler, Zeuge gewesen. Denken, um alle Begierden und selbst noch das Denken zu überwinden, das ist ein Ziel, das unser Westen nicht kennt. Wahrlich, von allen Tugenden ist Entsagung die höchste!
       Wirklichkeitslehre anstatt Ideal und Glaube, das war Dr. Dahlkes erste große Liebesgabe.
       Gleichsam wie ein Schlüssel zu allen Schlössern rätselhafter Philosophien und dunkler Religionen ist es mir immer vorgekommen, wenn Dr. Dahlke wieder und wieder nur an ihnen untersuchte, ob sie zu sich selber in Widerspruch treten, wenn man sie ausdenkt, oder ob sie Problem bleiben, offen, unvollendet wie die Unendlichkeit; — diese beiden Ausgänge bringen keine Lösung, keine Erlösung. Allein die Lehre des Erhabenen ist ohne Widerspruch und ist auch vollendet.
       Nach Kriegsende mußte Dr. Dahlke seine Vertreterstellung in Berlin wieder aufgeben und bezog nun in Zehlendorf-West eine kleine Wohnung in der Villa einer bekannten Dame. Als ihm diese Wohnung 1923 gekündigt wurde, entschloß er sich kurz, selbst zu bauen. Mit dem Rest der Inflatonsmillionen erstand er jenes schöne, große Gelände, auf dem heute die buddhistischen Häuser stehen. Und nun begann für ihn eine wirklich übermenschliche Anstrengung. Er baute das Buddhistische Haus und bestritt die Kosten dafür aus seinen laufenden Einnahmen. Seine Gesundheit war niemals sehr gut gewesen, seit ich ihn kannte. Und diese Arbeit verlangte äußerste Kraft. Hatte er seit längerer Zeit schon abgelehnt, neue Patienten anzunehmen, so mußte diese Beschränkung jetzt aufhören, und alles was kam, wurde behandelt. Im Spätsommer 1924 war das Haus beziehbar. Wir hofften, daß mit Fertigstellung des Baues wieder ruhigere Zeiten für Dr. Dahlke eintreten würden. Doch er selber hatte sich die Zukunft anders gedacht. Es wurden weitere Gebäude in Angriff genommen, ein Versammlungsraum, der Garten, die Tore, eine Buddhastatue, eine Vortragsanlage im Freien usw. und alles in kostbarem Material kunstvoll geschmückt mit Sinnbildern der Lehre, Bis an sein Lebensende hat Dr. Dahlke bauen und schaffen lassen auf diesem Grundstück. Und obwohl er täglich die Geldsumme dafür aufbringen mußte, obwohl er den weitaus größten Teil der Verlagskosten für seine Bücher und die Zeitschrift selber tragen mußte — seine buddhistische Arbeit unterblieb keineswegs. Sie forderte die halben Nächte. Um 4, ja 3 Uhr nachts stand er auf, spätestens um 5 Uhr und arbeitete. In den letzten Lebensjahren erschienen neben der Zeitschrift, die sich jetzt „Brockensammlung“ nannte, das Werk „Der Buddhismus, seine Stellung innerhalb des geistigen Lebens der Menschheit“, „Buddhismus als Wirklichkeitslehre und Lebensweg“ und sein weltanschaulich-medizinisches Werk: „Heilkunde und Weltanschauung“. Dann wurden an allen Vollmondtagen Vorträge für die Öffentlichkeit im großen Vortragsraum abgehalten und fast alle Abende Versammlungen zur Belehrung der Hausbewohner und einzelner Gäste.
       Mit dem Hause hatte Dr. Dahlke nicht nur die Absicht, eine Stätte für den Buddhismus in Deutschland zu schaffen, es trieb ihn auch der Wille, durch diese Bauten die Aufmerksamkeit der Umwelt auf die Lehre zu lenken. Es war ein Propagandavorstoß eigener Art. Er erreichte auch, daß das Haus in allen Tageszeitungen besprochen wurde. Unzähliche Besucher wanderten an Sonntagen durch den Garten. Aber die Anlage galt ihnen nur als eine Sehenswürdigkeit, die Laune eines „reichen Mannes“. Das Opfer, das Dr. Dahlke an Gesundheit und Leben unserer Welt gebracht hat, kannte niemand. Niemand machte sich klar: das ist auch für dich und deine Not, falls du sie spürst. Man kam in die Versammlungen, man hörte dicht gedrängt die Vorträge, neugierig, gelassen, kühl. Das Publikum, in dessen Mitte ich mehrmals gesessen habe, war nicht das, was Dr. Dahlke suchte und heranziehen wollte, dem er seine Lehre zu bringen gedachte. Er ging auch zielbewußt darauf aus, alle hinauszuscheuchen, die dem Buddhismus aus inneren Vorbedingungen heraus nicht zugeneigt sein konnten. Er hat nie um die Gunst seiner Hörer gebuhlt. Wie alle Großen, so überschätzte auch er wohl die Welt. Der Mensch taxiert den Menschen subjektiv, nach sich ein. Es ist kein Vorwurf, wenn ich sage: Dr. Dahlkes Schriften und sein Denken, auch seine Anforderungen waren zu hoch. Er war zu groß, als daß ein weitgehender Kontakt zwischen ihm und der Welt hätte bestehen können.
       Dies ist meine Hoffnung, daß wer kleineren Schüler doch noch einmal eine Verbindung herstellen könnten, die ihm, dem Denker, nicht möglich war. — Es gibt kein buddhistisches Mönchtum ohne ein entsprechendes Laientum. Beide Entwicklungsphasen sind kein reines Nacheinander derart, daß zuerst Mönche da sein müssen, die dann die Welt belehren und Laien machen, oder das zuerst Laien da wären und das Mönchtum sich aus ihnen entwickelte. Dr. Dahlke selbst, in seiner Persönlichkeit stellte jenes mittlere dar. Er war Mönch und Laie zugleich. Und in solcher Art Entwicklung wird der Buddhismus sich weiter entfalten, bis es dann einmal zu Differenzierungen kommen kann in Mönchtum und Laientum. Auch hier ist das Leben ein „gleichzeitig-abhängiges“ Entstehen. Wer immer die Notwendigkeit reinen Mönchtums erkennt, der muß mit ebenso großer Liebe auch für das Laientum sorgen. Beide sind abhängig voneinander, und beide bewirken einander. 
       Vielleicht hatte keiner von all denen, die rings in weitem, weitem Umkreis lebten, von allen Europäern der Vergangenheit und Gegenwart, den Buddhismus so tief erkannt und so weit in seiner Persönlichkeit, seinem Lebenswandel und seiner Arbeit verwirklicht, wie Dr. Dahlke.. Und darum fühlte und wußte er sich berechtigt und verpflichtet, uns alle zu belehren. — „Sie können mich nicht mit anderen Schriftstellern vergleichen, ich schreibe mit meinem Blut!“
       Das stimmte, denn sein Körper ging unter seiner Arbeit und seinem Leben zugrunde. Er wurde immer schwächer und zarter. Er erkrankte und erholte sich nur unvollkommen, wie man mir schrieb.
       Am 11. Februar 1928, es war ein Sonnabend, mittags bekam ich einen kurzen Brief, in dem Dr. Dahlke mich ersuchte, nach Frohnau zu kommen. Ich wußte, ohne daß mehr im Brief stand, wie ernst diese Aufforderung gemeint war. Es ist dort etwas nicht in Ordnung, ahnte ich und benutzte den Nachtzug, mit dem ich Sonntagmorgen in Berlin eintraf.
       Dr. Dahlke war krank. Seit einigen Tagen lag er zu Bett. Als ich zu ihm trat, begriff ich den ganzen Ernst der Lage. Sein Körper war völlig abgezehrt, seine Lippen zitterten leise von der Atemluft, weit offene Pupillen sahen mich an, und er sprach zu mir mit größter Anstrengung. „Wie geht es Ihnen? Was tun Sie jetzt?“ Das waren seine ersten Fragen. Dann eröffnete er mir seine Sorgen und sprach von seiner Krankheit. Er hatte Pläne, die er mir mitteilen wollte für den Fall, daß er nicht wieder arbeiten könnte. Ich urteilte schweigend über seinen Zustand: Dieses hält der Körper nicht lange aus, noch vierzehn Tage vielleicht. Wenn Hilfe kommen soll, muß es vor dieser Zeitspanne geschehen. Er behandelte sich mit Arznei, ein Kollege leistete ihm Beistand. Ich sprach dem Leidenden, der seinen Zustand nicht klar zu beurteilen schien, Mut zu und gab ihm das Versprechen, nach seinen Wünschen und Anregungen zu handeln: „Was die Zukunft bringt, Herr Doktor, das wissen wir nicht; aber ich will erst einmal anfangen“, das zu tun, was er mir aufgetragen hatte, meinte ich. „Ja, anfangen!“ sagte er, „das ist ein gutes Wort. Fangen Sie an!“ Noch manches wurde besprochen. Nachmittags ließ er mich noch einmal an sein Bett kommen und dankte mir, daß ich gekommen war. Als ich ging, wußte ich, daß ich ihn zum letzten Male gesehen hatte. —
       Der Mensch hofft ja! Und daheim kam mir allmählich mit der Arbeit noch einmal die Zuversicht. Dr. Dahlke, dieser beste Arzt, hatte sich vielleicht doch richtiger eingeschätzt, als ich es konnte. Die gefürchtete schlimme Nachricht kam nicht in den nächsten vierzehn Tagen. Dennoch war ich sehr niedergedrückt. Eine bekannte Dame legte mir nahe, daß am 29. Februar ihr Geburtstag sei, um einen Glückwunsch von mir zu erhalten. An jenem Tage war ich so gedrückt, daß ich ihr nicht zu gratulieren vermochte. Ich wollte es am nächsten Tage nachholen und mich dabei entschuldigen. Etwa vier Wochen später bekam ich die Nachricht, daß Dr. Dahlke am 29. Februar verschieden war. Nun wußte ich mich zu erinnern und wußte, warum ich an jenem Tage so gelitten hatte. —
       Ein Mensch wie Dr. Dahlke hinterläßt unverwischbare Spuren bei denen, die ıhn als Lehrer kennen lernten. Wenn ich sein Denken ganz begreifen, wenn ich diesem Lebensernst mit meinem Leben nahe kommen kann, dann mag sich das Ziel der Lehre erfüllen, wenn auch vielleicht über Unendlichkeiten hinweg. Wie sollte das anders sein!
       Ich denke an den Verkünder der Lehre des Erhabenen in stiller Stunde voll Ernst und Dankbarkeit.

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*) Eine Variante dieser Erzählung finde ich soeben, da ich dieses schreibe, in Müller-Partenkirchen: „Jetzt grad extra.“ Es kommt wohl nicht darauf an, ob Dr. Dahlke oder ich die Sache falsch erzählt haben, oder ob es mehrere Lesarten gibt.

 

Quelle: Buddhistisches Leben und Denken 1930 bis 1933 (11 Folgen)

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