Die Bedeutung des Buddhismus für unsere Zeit


von Dr. Paul Dahlke

 

Ihre Nöte hat jede Zeit. Dass aber die Nöte unserer Zeit ein gewisses Maß überschreiten, das zeigt sich praktisch an den ständig wachsenden sozialen Gegensätzen und der dementsprechend wachsenden Unzufriedenheit; theoretisch an den immer dringlicher werdenden Versuchen, eine Weltanschauung zu schaffen.

Wenn der Gute weint, der Schlechte lacht, wenn der Schwache leidet; der Mächtige seiner Gewalt sich freut; wenn der Ehrliche darbt, der Schurke prasst, wenn wir den Edlen in der Tretmühle des Alltagslebens sehen, in der er scheinbar sich verblutet, den Seichten in der behaglichen Muße einer persönlichen Unabhängigkeit, welche seine Beschränktheit nicht auszufüllen weiß - kurz wenn wir alle diese Verstöße gegen eine kosmische Gerechtigkeit sehen, von welchen jedes Moment der Wirklichkeit voll ist, so verlangt der denkende Mensch zweierlei: als Praktiker Abhilfe, als Theoretiker eine Vertiefung der Erkenntnis bis zu jener ursprünglichen Wurzel, welche dieses wirre Geäst der Gegensätze umgreift und damit begreift. Er verlangt einen Standpunkt, in welchem das Gefühl nicht mehr durch den Verstand verletzt wird, und umgekehrt der Verstand nicht mehr durch das Gefühl beunruhigt wird.

Jene Höhe des Erkennens, in welcher der Geist alles was geschieht als gesetzmäßig und damit als notwendig begreift, nennt man eine Weltanschauung. Berechtigterweise kann man von ihr nur da reden, wo eine kosmische Gerechtigkeit nicht geglaubt, sondern begriffen wird.

Unsere Zeit hat weder eine Weltanschauung, noch hat sie Abhilfe für die tausend und abertausend sozialen Nöte. Auf beiden Seiten, erkenntnistheoretisch wie praktisch, verrennt man sich in unlösbaren Gegensätzen. Der eine sucht die Nöte des Denkens im Glauben an Seele und Gott zu stillen, der andere im kühlen Rechenexempel einer streng mechanischen Weltanschauung. Der eine verlangt bei den Nöten des sozialen Lebens mehr Liebe, der andere mehr Polizei. Man kämpft gegen Verarmung, gegen Bettelei, gegen Unsittlichkeit, gegen Trunksucht, gegen Volkskrankheiten, gegen Säuglingssterblichkeit, gegen den Krieg etc. etc. ohne sagen zu können, dass an irgend einem dieser Punkte eine wirkliche Hilfe je erzielt worden wäre. Wie das Bellen des "Spitz aus unserem Stall" nichts zeigt als dass wir reiten, so zeigt der Lärm der Wohlfahrts-, Friedens-, etc. Kongresse nichts als das unaufhaltsame Rollen, in welchem sich alle unsere Zustände befinden.

Mit allen diesen Kämpfen gegen die sozialen Missstände gleichen wir Menschen, welche mit höchster Anstrengung das Wasser aus einem sinkenden Kahn ausschöpfen und nicht das Leck stopfen. Wir bleiben in den Symptomen stecken, daher die Erfolglosigkeit aller dieser Kämpfe. Was man oben ausschöpft, das dringt von unten her nach.

Das Entsprechende vollzieht sich auch auf gedanklichem Gebiet.

Je weiter der menschliche Geist vorwärts schreitet, um so breiter und entschiedener klafft der Spalt zwischen Glaube und Wissenschaft und wird von jedem Denkenden immer peinlicher empfunden. Je schärfer die Wissenschaft ihr mechanisches Weltbild ausarbeitet, um so krasser hebt sich ihr gegenüber der Standpunkt des Glaubens ab. Letzterer lehrt, dass hinter dieser Welt der Erscheinungen ein Transzendentes, eine göttliche Kraft steht, von welchem aus dieses ganze Spiel erst Sinn und Bedeutung bekommt; die Wissenschaft dagegen lehrt, dass es im ganzen Weltgeschehen nichts gibt, als was sich sinnlich darstellt oder doch: dass man nichts als nur das Anschauliche nötig habe, um eine Weltanschauung schaffen zu können.

Nun hängt die Stellung, die der Mensch sich selber in der Natur anweist, in letzten Grunde davon ab, ob er das Weltgeschehen als etwas ansieht, das von einem unbekannten Dritten, einem Transzendenten, einem Gott in irgend welcher Form geordnet wird, oder ob er es als ein System ansieht, dessen Angelegenheiten sich selbständig aus sich selber heraus ordnen - anders ausgedrückt: ob eine höhere Macht uns auf die Finger sieht, oder ob wir unter uns sind.

Einem Menschen, der ganz unempfindlich dagegen wäre, ob dem, was er tut, ein anderer zuschaut oder nicht; ob das, was er tut, "gemerkt" wird oder nicht, - einen solchen Menschen gibt es nicht. Dementsprechend wird der Mensch, je nachdem er hinter dem Weltgeschehen ein Transzendentes, Göttliches annimmt oder nicht, in seinem Verhalten dem Anderen gegenüber stets in irgend einer Weise beeinflusst werden. Das Bewusstsein, dass eine höhere Instanz da ist, wird ihn veranlassen, Vorsicht einerseits, Rücksicht andererseits zu üben. In das freie Spiel der Kräfte, das wir heute "Kampf ums Dasein" nennen, werden sich gewisse selbsttätige Hemmungen einschieben, die an der skrupellosen Betätigung dieses Spiels hindern. Diese Hemmungen werden fehlen, da wo man nicht glaubt, wo man, wie die mechanische Weltanschauung es tut, nichts anerkennt, als was man sich sinnlich, anschaulich darstellt.

Daher dieses brutale Spiel der Kräfte, wie es sich in so erschreckender Weise in den "Fortschritten" unserer Zivilisation darstellt, in diesem rücksichtslosen "Kampf ums Dasein", wie er sich aktiv zeigt in einem blinden Vorwärtsdrängen so weit es eben geht, - passiv in einem ebenso blinden Sichwehren gegenüber diesem Vorwärtsdrängen.

Jede Rücksichtnahme auf den Anderen, jeder Akt der Selbstbeschränkung, der Selbstlosigkeit, ist ein Akt der Moral.

Zu einem solchen Akt, soll er nicht bloße Dressur oder Askese sein, gehören Motive. Ein derartiges Motiv gibt der Glaube: die Furcht vor einem Gott, oder wie wir meist sagen: die Gottesfurcht. Ein solches Motiv fehlt der Wissenschaft. Sie ist a-moralisch, wie sie a-religiös ist.

Nun ist es eine Tatsache, dass der Glaube nicht gelernt werden kann. Wer ihn nicht hat, der kann ihn nicht erwerben. Man kann nur gläubig sein, aber es nicht werden.

Ja im Gegenteil! Es geht dem Glauben, wie es den Energien im energetischen Weltbild des Physikers geht: Er wird inert: er unterliegt dem, was der Physiker das Gesetz der "Entropie" nennt. Und jeder Denkende muss sich die Frage vorlegen: "Woher beschafft die Welt sich den nötigen Gehalt an Moral, wenn der Glaube geschwunden sein wird? Ebenso wie sich der Physiker die Frage vorlegt: "Woher beschafft sich die Welt den nötigen Gehalt an Energie, wenn alle Wärme geschwunden sein wird?"

Was unsere Zeit und unsere Lage von allem früheren unterscheidet, ist dieses, dass die ganze Oberfläche der Erdkugel der modernen Zivilisation erschlossen ist oder doch im Begriff steht, ihr erschlossen zu werden. Das ist für unser Problem von höchster Bedeutung. Es fehlt uns ein rettendes Barbarentum, das, wie etwa zu den Zeiten des zerfallenden römischen Weltreiches, die erschöpften Glaubensbestände wieder ergänzen könnte. Die Aussicht, dass unserer alternden Erde von einem anderen Planten ein neues, glaubensjunges Material zugeführt werden könnte, ist noch in weiter Ferne. So sind wir in die Notlage versetzt, aus uns selber heraus neue moralische Werte zu schaffen als Ersatz für die mit dem schwindenden Glauben verloren gegangenen.

Das ist die Aufgabe der modernen Menschen und der modernen Zeit. Die Frage, ob wir bald dahin kommen werden, die Luft vollständig zu meistern, das drahtlose Fernsprechwesen über den ganzen Erdball auszudehnen und was derartige Probleme mehr sind, die alle in der einen Frage wurzeln: "In wie weit wird es möglich sein, Zeit und Raum zu besiegen, zu unendlich kleinen Größen zusammenschrumpfen zu lassen" - alles das ist bei weitem nicht so wichtig wie die Frage: "Woher neue moralische Werte nehmen?" Die Welt kann sehr wohl bestehen ohne alle diese Fortschritte der Zivilisation; ja es gibt sogar viele, die behaupten, sie könne besser bestehen ohne alles dieses - aber sie kann nicht bestehen ohne Moral.

Nun arbeitet unsere Zeit wohl an der Schaffung neuer moralischer Werte, aber alle diese Werte verleugnen ihren künstlichen, synthetischen Charakter so wenig, wie die synthetischen Arzneimittel der modernen Chemie ihren künstlichen Charakter verleugnen. Es fehlen ihnen die innere Notwendigkeit, die allem Natürlichen eigen ist. Alle moralischen Versuche unserer Zeit behalten den Charakter des Experiments oder des Sports. Sie können so verlaufen wie sie verlaufen; sie könnten aber auch anders verlaufen, ja könnten im Notfall ganz unterbleiben.

Sie alle sind Ergebnisse, Funktionen eines Fühlens, aber nicht Ergebnisse, Funktionen eines Erkennens. Man fühlt wohl, dass Gutes tun besser ist als Böses tun, aber man begreift nicht, worin die Notwendigkeit hierfür liegt. Solange ich das aber nicht begreife, bin ich im Grunde genommen ein Narr oder ein Feigling, wenn ich meine Gelüste gewaltsam unterdrücke. Des Menschen ganzes, innerstes Wesen geht auf das Suchen der Lust aus, auf ihre Befriedigung. Soll er dagegen ankämpfen, muss er vernünftigerweise Motive haben. Er muss begreifen, dass Gutes sich selber lohnt, Schlechtes sich selber straft, er muss kosmische Gerechtigkeit begreifen.

Hier ist es, wo der Buddha einsetzt.

Die kosmische Gerechtigkeit, die jeder Denkende nicht glauben, sondern begreifen will, ergibt sich mit der Kamma- (Karma) Lehre, in ihr liegt die Bedeutung des Buddhismus für eine Weltanschauung.

Der Buddha lehrt, dass jedes Lebewesen durch und durch ein Verbrennungsprozess ist. Dass es als solche Form einer individuellen Energie ist, die in jedem Daseinsmoment einen neuen Wert annimmt, weil sie zusammen mit ihrem Material sozusagen aufblüht, sich entwickelt. Wie die Wärme-Energie einer Flamme in jedem Moment aus ihren Vorbedingungen und entsprechend ihren Vorbedingungen neu aufspringt, so springt die Ich-Energie (das Kamma) eines Lebewesens in jedem Moment neu auf, nimmt einen neuen biologischen Wert an in den Willensregungen. Jedes Lebewesen unterhält sich selber durch seine Willensregungen in seinen Willensregungen.

Energie ist notwendig, ein Nicht-Sinnliches, denn alles Sinnliche ist ja Form, Ausdruck von Energien.

Auch die Ich-Energie ist notwendig ein Nicht-Sinnliches. Sie wird aber sinnlich, begreifbar dem Einzel-Wesen selber als Bewusstsein.

Damit löst sich die Kardinal-Frage jeder Weltanschauung: "Gibt es ein Nicht-Sinnliches?" in einer wahrhaft genialen Überraschung.

Es gibt ein Nicht-Sinnliches, aber das selbe ist kein Transzendentes derart, wie der Glaube will, sondern, da wo die Möglichkeit vorliegt, diese Frage überhaupt zu stellen, ist dieses Nicht-Sinnliche auch gleichzeitig da als das einzige mir unmittelbar Zugängliche der ganzen Welt: Mein Bewusstsein. Und nichts ist nötig, es als solches, als Energie zu begreifen.

"Es ist Cetanâ (Denken), das ich Kamma nenne", sagt der Buddha selber.

Im Bewusstsein erlebt der Einzelne durch Inschau, Intuition an sich selber, dass Kraft, auf Grund deren er da ist, kein "An sich Beständiges" keine "Seele" ist, sondern ein in jedem Moment aus seinen Vorbedingungen, neu Aufspringendes. Es erlebt an sich selber, an seinen Gefühlen, am Gewissen, dass diese Kraft in jedem Daseinsmoment einen neuen biologischen Wert darstellt, dass dieser Wert wechselt mit dem was er tut, was er redet, was er denkt. Er erlebt es an sich selber, dass er, eben weil Denken Energie selber ist, imstande ist, sich selber von innen heraus in jedem Moment eine Richtungsänderung zu erteilen. Es ist das große Erlebnis des denkenden Menschen, wenn er merkt: "Wo ich das Schlechte tun wollte, da kann ich das Gute wählen; und ich kann das, weil Denken Kraft selber ist."

Aus der Einsicht: "Ich bin ganz und gar Form einer rein individuellen Energie, meines Kamma" ergibt sich als gedankliche Notwendigkeit die für den Westländer so unerhörte Folgerung der "Wiedergeburt nach den Taten."

Energie kann nie entstanden sein, wo sie da ist, da muss sie von Anfangslosigkeit her da sein. Damit, dass sie da ist, ist notwendig gegeben, dass sie nie nicht dagewesen ist.

Mein Kamma, die Kraft, auf Grund deren ich jetzt "Ich" sage, ist von jeher tätig gewesen, nicht als freie Kraft - das wäre Glaubenssache - sondern stets in Abhängigkeit von seinem Material, wie jede physische Energie nur da ist in Abhängigkeit von dem Material, in welchem sie sich darstellt. Die Wirklichkeit zeigt nie und nimmer Kraft für sich oder Stoff für sich, sondern nur die Einheit beider: Prozesse. Der reinste Typus des wirklichen Prozesses ist der Verbrennungsprozess. Die Tatsache: "Ich bin da" heißt: Es brennt von Anfangslosigkeit her. Zerfällt eine Daseinsform im Sterben, so fasst das Kamma der selben an der Stätte, in dem Mutterleib unmittelbar neu Fuß, auf dessen Zeugungsmaterial es spezifisch, einzigartig abgestimmt ist und entzündet hier einen neuen Ich-Prozess, welcher sich gestalten wird entsprechend dem Zeugungsmaterial, das ihm sozusagen als Brennstoff dient. Die Mütterliche Ei-, die väterliche Samenzelle bilden nur die Möglichkeit für das neue Lebewesen, welche erst im Hinzutritt, im Einschlag der Energie sich verwirklicht, zur Wirklichkeit aufblüht.

Je nach dem biologischen Wert, den mein Kamma im Sterbemoment darstellt, wird die neue Stätte beschaffen sein, auf die es biologisch abgestimmt ist. Anders ausgedrückt: Je nachdem mein Charakter beschaffen ist, wird meine nächste Existenz beschaffen sein. Denn mein Charakter ist mein Kamma. Und Kamma, die Ich-Energie, fasst im Sterbemoment da, auf dem Zeugungs-Material, wo es fassen kann, weil es, infolge spezifischer, einzigartiger Abgestimmtheit da und gerade da fassen muss - Wiedergeburt nach den Taten!

Hier näher auf die Kamma-Lehre einzugehen ist nicht der Platz. An anderer Stelle (Buddhismus als Weltanschauung, Verlag Walter Markgraf, Breslau) habe ich mich bemüht, diese unserem einseitig induktiv gezüchtetem Denken völlig fremdartig gewordenen Vorstellungen, die in Wahrheit doch die natürlichen sind, uns wieder näher zu bringen. Hier muss es genügen, festzustellen, dass mit der Kamma-Lehre des Buddha jene kosmische Gerechtigkeit gegeben ist, die jeder Denkende nicht glauben, sondern begreifen will.

Habe ich diese "kosmische Gerechtigkeit" begriffen, so muss sich die Rückwirkung notwendig an meinem Verhalten zeigen.

Habe ich begriffen, dass alles was ich tue, rede, denke, sich an mir selber verwirklicht, so werden damit sich wieder jene selbsttätigen Hemmungen im freien Spiel der Kräfte einstellen, die mit dem Schwinden des Glaubens verloren gegangen waren. Freilich sind die Motive in beiden Fällen von Grund aus verschieden. Statt der "Furcht vor Gott" steht hier die "Furcht vor mir selber" da. Die Kamma-Lehre des Buddha ergibt eine natürliche Moral, die ihre Wurzel nicht mehr im Flugsand der Gefühle, wie jede Glaubensmoral, sondern in der kühlen, gesicherten Tiefe des Begreifens hat.

Die beiden vom Standpunkt der Wissenschaft aus unerklärbaren Wunder - das Sterben, das heißt das scheinbare Verschwinden von Energie einerseits, das Geborenwerden, das heißt das scheinbare Neu-Entstehen von Energie anderseits - lösen sich hier in einem einigen Begreifen: Das Entstehen hier verlangt das Vergehen dort.

Es ist das Sterben, mit dem das Geborenwerden erkauft werden muss. Wie der Wärme, die hier schwindet, die Bewegung dort entspricht, so entspricht dem Wesen, das hier schwindet, das neue Wesen, das dort entsteht. Das ganze Weltgeschehen begreift sich aus dem Weltgeschehen heraus, was die Wissenschaft vergeblich zu zeigen sich bemüht, und doch ist die gedankliche Notwendigkeit wirklicher Kräfte, welcher der Glaube eben in seinem Glaubensakt gerecht wird, gerettet. Wie aber die aus einem gewissen Wärmewert hervorgegangene Bewegung weder das selbe ist, wie die verschwundene Wärme, noch ein anderes, so ist das neue Lebewesen, das hier in der Geburt entsteht, weder das selbe wie das dort gestorbene, noch ein anderes. Nichts kann gesagt werden als: Es brennt! Es brennt von Anfangslosigkeit her, streng gesetzmäßig entsprechend den Umständen und Vorbedingungen. Es ist die ungemilderte Selbstverantwortlichkeit, die den Einzelnen zur Moral zwingt, und der Buddhismus ist die wahre Menschenreligion, weil er sich den Menschen selber als ein selbstverantwortliches Wesen zeigt.

Die Moral, die sich mit der Kammalehre als Notwendigkeit, als Funktion des Begreifens ergibt, ist die erste und wichtigste Frucht des Buddha-Gedankens, Beweis seiner "Wirklichkeit". Denn wirklich ist, was wirkt. Und dass ich den Buddha begriffen habe, das beweist sich darin, dass ich von ihm ergriffen werde, dass er auf mich wirkt, mich in meinem Verhalten in jedem Moment bestimmt, mich zur Selbstlosigkeit zwingt.

Der Buddhismus ist die einzige aller Religionen, aller Weltanschauungen, aller Philosophien, der eine wirkliche Moral, das heißt eine Moral, die Funktion des Begreifens ist, auswirft. Darin liegt seine unersetzliche Bedeutung für jede und vor allem für unsere Zeit.

Man fragt:

Wird der einzelne denn diesen Muss folgen können? Wird diese geforderte Selbstlosigkeit nicht ein toter kategorischer Imperativ bleiben?

Nein: Mit den Müssen ist das Können mitgegeben. Beide ergeben sich aus dem einzigen Akt des Begreifens.

Wenn ich erkannt habe, dass ich ein auf Grund einer rein individuellen Energie von Anfangslosigkeit her bestehender Verbrennungsprozesses bin, in dem keine Seele wie ein roter Faden als ein an sich Beständiges, als Ewiges steckt, sondern bei dem jedes "Jetzt" erst immer wieder das nächste "Jetzt" aus sich selber schafft, wie bei der Flamme auch, so heißt das: "Ich bin wahres Selbst (atta), kein "Ich" im vulgären Sinn, als ein mit sich selber Identisches. In der Inschau werde ich mir selber ganz und gar zugänglich als reiner Verbrennungsprozess, als ein sich selbst aus sich selber heraus Unterhaltendes. Die Kraft, auf Grund deren ich da bin, wird mir, dem Individuum begreifbar als "Bewusstsein" und beweist sich selber als ein in jedem Moment immer wieder Neu-Aufspringendes. Denn jedes Bewusstseins-Moment ist ein neues "Jetzt". Somit:

Ich bin weder ein reiner Ausgleichsvorgang von Spannungs-Differenzen, wozu die mechanische Weltanschauung mich machen will, noch bin ich eine Seele-Begabtes, ein mit sich selber Identisches, ein wirkliches "Ich", wozu der Glaube mich machen will.

Dieses mein Wesen als wirklicher Verbrennungsprozess drückt der Buddha aus durch das Wort anatta = nicht-selbst.

Und damit kommen wir auf die obige Frage zurück: "Ist es möglich, dem Gebot der Selbstlosigkeit zu folgen?"

Die Antwort lautet: Ich kann selbstlos sein, sobald ich mich selber als Selbst-los, als anatta begriffen habe. Dann steht Selbstlosigkeit in Einklang mit meinem Begreifen. Ich müsste gegen mich selber lügen, wollte ich, nachdem ich begriffen habe, noch selbstisch sein !

Damit kommen wir auf die andere unersetzliche Bedeutung, die der Buddhismus für jede und vor allem für unsere Zeit hat:

Er mildert, er entspannt den Kampf ums Dasein.

Alle sozialen Missstände stammen im letzten Grunde aus diesem blinden, kritiklosen Kampf ums Dasein. Weil wir nicht fähig sind, Sinn und Bedeutung des Lebens zu begreifen; weil wir nicht wissen, was wir sind, deswegen machen wir "Leben" zum Wert an sich und damit den Kampf ums Dasein zu einer notwendigen Tugend, zu etwas dem Menschtum, der Menschenwürde Zukommenden. In Unnatürlicher Verkehrung der Begriffe ist der Kampf ums Dasein uns zum Ziel des Kampfes selber geworden. Und in dieser Vorstellung sind wir gedanklich so verroht, dass wir die Frage nach der Daseinsberechtigung des Lebens und damit des Kampfes ums Dasein gar nicht mehr stellen können oder nicht zu stellen wagen.

Das Leck im Fahrzeug des sozialen Lebens ist diese Blinde Lebenssucht, dieser kritiklose Lebenstrieb, dieses rücksichtslose Raffen und Greifen, das gar nicht weiß, warum es rafft und greift.

Daher kann Hilfe nur vom richtigen Denken aus kommen.

Wir alle ertrinken in der Tatsache "Leben" wie ein Mensch im Weltmeer. Erst der Buddha macht den Einzelnen fähig, einen Standpunkt zu gewinnen, der es ihm erlaubt, in kühl kritischer Weise nach der Daseinsberechtigung des Lebens selber zu fragen. Habe ich begriffen, dass Leben gar nicht Wert an sich ist, nicht etwas, sondern etwas, das seine Daseinsberechtigung in sich selber trägt, sondern etwas, das diese seine Daseinsberechtigung sich selber erst immer wieder aufs neue schaffen muss, dass der Einzelne es ist, der "dem Leben Wert verleihen muss", dass Leben überhaupt keinen Wert hat als den, welchen wir ihm selber verleihen, so wird das für die Abschätzung aller Lebenswerte von tiefsten Einfluss sein. Aus der Einsicht in dieses anfangslose sich selbst Erhalten wird still. Langsam, aber unwiderstehlich jener kühle, klar bewusste Entschluss des Zurücktretens, des Aufgebens, den Entsagens hochsteigen wie der Mond aus dunklem Wolkenschoß. "Kein Ding lohnt sich." Im wirklichen Begreifen des Lebens kommt man zu der Einsicht, dass "Leben" etwas ist, das besser nicht da wäre, weil ein anfangsloses, sich durch sich selbst unterhaltendes und somit zweckloses Spiel.

Zu einem Ende kommen kann dieses Spiel nicht durch gewaltsames Abbrechen - das hieße ja nur die Bühne wechseln - sondern dadurch, dass in immer klarerem Begreifen der Natur des Lebens das Hängen am Leben sich immer mehr schwächt. Das immer neue Aufspringen neuen Kammas in den Willensregungen hört auf.

Der Westländer ist nur geneigt, die Buddha-Lehre als Pessimismus zu verwerfen. Das ist falsch. Buddhismus ist Wirklichkeitslehre. Der Buddha tut nichts, als zu wirklichem Denken anzuleiten. Er zeigt Leben als das, was es wirklich ist: als einen Wert von bedingter Natur. Die damit notwendig sich ergebenen Folgerungen für den Einzelnen haben mit der Lehre selber nichts zu tun. Wenn ich mich als Kaufmann auf Grund falscher Buchführung im Wahn eines Überschusses gewiegt habe und nun im richtigen Nachrechnen ein Defizit finde, so hat meine Verstandskraft nicht eigentlich jenen Überschuss beseitigt, sondern sie hat nichts getan als richtig gerechnet, denn sie hätte ja auch umgekehrt einen größeren Überschuss zu Tage fördern können. Ebenso: Wenn im richtigen Denken Leben als "wesenlos" sich ergibt, so ist das kein Kämpfen gegen das Leben und seine Werte, sondern einfach ein richtiges Ausrechnen des Lebens-Exempels. Der Buddha ist kein Bußprediger, der zu Sack und Asche mahnt. Er lehrt nur richtiges Denken; alles andere ergibt sich lediglich als Funktion dieses meines neuen Begreifens.

Unser geistiges Leben in jeder Form kann aufgefasst werden als eine Umwertung der von jeher bestehenden Lebenswerte. Mag diese Umwertung im Pessimismus auch bis zur Umkehrung gehen, ja bis zur roh-gewaltsamen Zerstörung im Selbstmord - es bleibt stets ein Umwerten. Es bleibt stets der selbe Teig den man knetet, in mehr oder weniger geistreicher Weise. Allen diesen Versuchen gegenüber steht der Buddha mit seiner Kamma-Lehre, mit welcher sich eine Entwertung sämtlicher Lebenswerte ergibt, wertlos geworden entfallen sie den Händen des Denkers - freiwillig.

Hier kommt natürlich der Allerwelts-Einwurf: "Was sollte aus der Welt werden, wenn alle buddhistisch dächten!"

Dieser Einwurf hat Sinn und Bedeutung nur solange man mit "Welt" als leerem Begriff arbeitet. Die wirkliche Welt ist die Summe alles dessen was da ist, in erster Linie die Summe der Lebewesen. Habe ich in der Einsicht in die individuelle Anfangslosigkeit den bedingten Wert des Lebens erkannt; habe ich begriffen, dass Selbstlosigkeit, Aufgeben, Aufhören nicht nur Pflicht, sondern wahrhafte einzige Befriedigung gibt, weil mich in Einklang mit mir selber setzend, so kann ich, wenn ich dem Anderen wohl will, ihm nur das gleiche wünschen. Und die Frage "Was soll aus der Welt werden, wenn wir alle buddhistisch denken?" erhält den selben Wert wie die Frage: "Was soll aus dem Gastmahl werden, wenn alle Gäste aus dem Haus gehen?"

Mit der Einsicht in die Anfangslosigkeit der Lebensprozesse schwindet jedes Ziel des Lebens. Es bleibt nur das eine, wirkliche Ziel: das Aufhören, das Eingehen des anfangslosen Spiels.

So lange man sein eigenes Wesen nicht begriffen hat, wird diese Schlussfolgerung stets als Unnatürlichkeit erscheinen. Hat man begriffen, so sind die damit sich ergebenen Folgerungen eine natürliche Funktion dieses Begreifens.

Nun ist der Buddha-Gedanke eine Intuition, und zwar die einzig reine Intuition, die möglich ist - nämlich eine mein eigenes Bewusstsein betreffende Intuition, was wohlbemerkt nicht mit dem Erleuchtungsakt des Glaubens verwechselt werden darf, sondern nichts ist als sozusagen ein Heineinschnellen in die Wirklichkeit selber, die als solche zu begreifen unser Nichtwissen uns hindert.

Als reine Intuition ist der Buddha-Gedanke den Beweismitteln der Wissenschaft, die stets induktiver Art sind, unzugänglich. Beweisen im Sinne der Wissenschaft heißt: etwas auf ein Bekannteres zurückzuführen. Diese Möglichkeit schließt sich beim Bewusstsein von selber aus, wenn auch die moderne Psychologie selbst vor dieser letzten Widersinnigkeit nicht zurückschreckt. Bewusstsein ist es selber und weiter nichts und verlangt nichts als nur: als solches begriffen zu werden. Es ist das "aude sapere", das dem Denkenden hier in seiner strengsten, reinsten Form entgegentritt.

Wie die beschränkten Intuitionen der Wissenschaft - das Robert Mayer'sche Gesetz von der Erhaltung der Kraft, die Galilei'schen Fallgesetze, die Newton'schen Gesetze etc. - nicht direkt aus der Erfahrung abstrahiert sind, was eben deshalb unmöglich ist, weil die Wirklichkeit weder ein reines Erhaltungsgesetz noch Fallgesetz etc. zeigt, sondern sich aus einem geduldigen achtsamen Ruhenlassen des Denkens auf den Tatsachen* ergeben haben, so kann auch die Buddha-Intuition sich nur im geduldigen, achtsamen Ruhenlassen des Denkens auf sich selber ergeben. Buddhismus ist reiner "Reflexionsprozess", ein Zurückgeworfenwerden des Denkens von der Welt, wo es beim vulgären Menschen stets zu Hause ist, auf sich selber.

Dazu aber bedarf es der Ruhe und Einsamkeit. Sie sind die Vorbedingung alles wirklichen Denkens. Zu beiden aber lässt es die Art der modernen Lebensführung kaum noch kommen. Dieser blinde Kampf ums Dasein, diese immer neuen Güter der Zivilisation, mit welchen eine auf höchste entwickelte und nie rastende Technik uns überschüttet, entfremden uns uns selber immer mehr, machen einen Verkehr des Einzelnen mit sich selber, ein Alleinsein mit sich selber fast unmöglich.

Die moderne Zivilisation mit ihrem Drang nach außen hin, hat es zustande gebracht, dass nichts uns fremder geworden ist, als wir uns selber. Und trifft der Einzelne einmal durch irgend einen Zufall mit sich selber zusammen, so weiß er nichts mit sich anzufangen - das Alleinsein mit sich selber macht ihm Langeweile oder Beängstigung und mit um so größerer Entschlossenheit stürzt er sich auf das Andere, auf den Andern. Weil wir uns selber nicht erkennen, und darum in uns selber kein "Ziel" des Lebens finden können, deswegen diese Sucht, es in der Arbeit, im blinden Kampf ums Dasein zu finden, in dem wir selber uns immer wieder neue Ziele setzen. In dieser irrigen Auffassung ist "Arbeit" zum Laster der modernen Zivilisation geworden, das uns hindert, zu uns selber zu kommen.

Der Einzelne muss sein eigenes Wesen begreifen, muss Begreifen, dass es fruchtbringend, segensreich ist, bei sich selber zu sein, sich auf sich selber zu besinnen, um diesen Verkehr mit sich selber zu suchen. Es ist wie Circulus vitiosus: Weil wir nicht mit uns selber verkehren, lernen wir unseren eigenen Wert nicht kennen - der selbe ergibt sich ja erst im Begreifen unserer Selbstverantwortlichkeit - und weil wir den eigenen Wert nicht kennen, verlieren wir immer mehr die Neigung mit uns selber zu verkehren, ziehen es vor, in einer mehr oder weniger geistreichen Begriffswelt zu leben, die den Wirklichkeitssinn immer mehr verkümmern lässt.

Eine Änderung, ein Umschwung in diesem fehlerhaften Zirkel kann hier nur durch Zeigen der wahren Lehre kommen.

Es scheint mir das wichtigste Ergebnis im geistigen Leben unserer Zeit zu sein, dass sich in ihr immer mehr Anzeichen des Stutzens, des Suchens, der Nachdenklichkeit bemerkbar machen.

Alle diese verschiedenen Ansätze verzehren sich bis jetzt freilich noch fruchtlos, weil nicht im Mutterboden des Begreifens, sondern im Treibsand des Fühlens wurzelnd.

Hier, im Bereiche dieser Suchenden liegt die Zukunft des Buddhismus.

Vorläufig freilich ist die bei weitem größte Zahl dieser Suchenden noch in den goldenen Maschen des großen pantheistischen Netzes gefangen, das dem Fühlen des Menschen leichter Genüge tut als die fast bis zur Insipidität gesteigerte Reinheit des Buddha-Trankes.

Aber denkt der Mensch wirklich, ist er wirklich in geistiger Not, und hört er die Lehre, so kann es wohl sein, dass er fähig wird, dieses goldene Netz zu zerdenken, es in das flimmernde Spiel von Abendsonnen-Fäden aufzulösen.

Nichts liegt dem wirklichen Denker ferner, als gegen die Missstände einer im Lebensdurst ertrunkenen Welt zu eifern. Das überlässt er willig jenen Glaubenshelden, welche mit der Glut ihrer Gefühlswerte jene Umschmelzung herbeiführen wollen, von denen jeder Stifter einer Glaubensreligion träumt, vorausgesetzt, dass er nicht am Kreuze selber noch wankend wird. Der wirkliche Denker kann nichts als zeigen, lehren: "So ist es!" Er kann nichts als geduldig warten, bis er auf die Geister stößt, die begreifen, die kongenial mitschwingen, wenn ihnen die wahre Natur des Lebens und seiner Werte dargelegt wird. Der gewöhnliche Mensch wird über diese Darlegung nur lachen oder sich gegen diese empören. Er kann eben nicht begreifen, dass man Lebens-Möglichkeiten unbenutzt lassen kann, ebenso wenig wie ein hungriger Handswerksbursche begreifen kann, dass man einen schmutzigen Groschen am Wege unberührt lassen kann.

Man wirft ein:

"So ist die kulturelle Bedeutung des Buddhismus praktisch gleich Null. Denn Menschen, die geneigt wären, die Buddha-Lehre anzunehmen, dürfte es kaum geben, wenigstens nicht innerhalb unserer Kulturwelt."

Aber dieser Schluss ist falsch. Alles Geistige ist ein Wachstum.

Wie der Mensch in gewisse physische Möglichkeiten hinein wächst, so wächst er in gewisse gedankliche Möglichkeiten hinein. Was dem Kinde unmöglich wäre zu begreifen, und erschöpfte man sich in den scheinbar überzeugendsten Argumenten, das ist dem Manne ohne alle Argumente verständlich. Er ist eben hineingewachsen. Ebenso hätte es keinen Zweck, einer nicht-begreifenden Welt den Buddha-Gedanken mit den scheinbar überzeugendsten Argumenten aufdrängen zu wollen. Man kann nichts als zeigen, geduldig immer wieder zeigen, bis im Zeigen das Wachstum dieses oder jenes Individuums genügend vorwärts geschritten ist, um das begreifen zu können, was ihm jetzt noch als unbegreifliche Perversität erscheint.

Wie dem Wilden von Xingú die militarische Zucht mit ihren Äußerungen lächerlich oder verrückt erscheinen würde, so erscheint uns Wilden von der modernen Zivilisation die Gedanken-Zucht des Buddhisten, die mit eherner Konsequenz dem Verlöschen zustrebt, lächerlich oder verrückt. Man muss eben begriffen haben. Und um begreifen zu können, muss man allmählich hineinwachsen.

Buddhismus ist Zucht, Selbstzucht auf Grund einer wirklichen Einsicht in das Leben und seine Werte.

Darum:

Zeigen, geduldig immer wieder zeigen: Die Kraft der Wahrheit ist fermentativ. Sie kommt nicht wie eine plötzliche Erleuchtung, sondern ergibt sich Schritt für Schritt in Nachdenken und Geduld. Hat aber erst das kleinste Körnchen gefasst, so entwickelt sie sich aus selber, durch sich selber.

(*) als man Newton fragte, wie der zu seinen Entdeckungen gekommen sei, antwortete er: "Indem ich meine Gedanken ständig auf einem Gegenstande ruhen ließ."
 

"Siegreich über alle Gabe ist der Wahrheit Gabe." (Dhammapada)